Warum wir Sonderschulen abschaffen müssen

Userkommentar12. September 2014, 09:03
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Bernhard Jenny tritt für die Abschaffung von Sonderschulen ein und sieht Inklusion als Menschenrecht

Gertraud Zeilinger tritt in ihrem Userkommentar für den Erhalt der Sonderschulen ein. Und geht dabei von leider falschen Bildern aus.

Wenn sie beispielsweise meint, dass jemand mit Zahnschmerzen auch zu einer Zahnärztin geht und nicht zu einer Allgemeinmedizinerin, so stimmt das. Wenn jedoch die Abschaffung von Sonderschulen gefordert wird, ist nicht gemeint, dass das Fachwissen, das für eine individuelle pädagogische Betreuung von Kindern (mit oder ohne den Stempel "Förderbedarf") vonnöten ist, verschwinden soll. Im Gegenteil: Dieses Wissen (vulgo Sonderpädagogik) sollte nicht abgeschafft, sondern in den Normalablauf der Schule eingebracht werden.

Leider glaubt Gertraud Zeilinger, dass das, was sie früher als "Eintopfklasse" erleben und praktizieren musste, das Vorbild für "Inklusion" wäre. Da würde mir auch (wie sie über sich selbst berichtet) schlecht werden, wenn Inklusion wirklich nichts anderes bedeutete, als einfach die unterschiedlichen Dispositionen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu ignorieren.

Inklusion ist Menschenrecht

Als Mitbegründer der ersten integrativen Volks- und Hauptschulen in Salzburg habe ich das ganz anders erlebt. Das Ziel, allen Kindern einen gemeinsamen Zugang zum sozialen Ort Schule zu bieten und ihnen dabei auch jeweils ihren individuellen Weg in der Bildung anzubieten, trieb uns damals an, trotz vieler Widerstände, diese Projekte zu initiieren. Seit damals sind viele Jahre vergangen, wir sprechen mittlerweile von Inklusion und meinen damit einen grundsätzlichen Anspruch an unsere Gesellschaft.

Inklusion. Nein, das ist keine Option. Inklusion ist Menschenrecht. Für alle.

Es ist neben vielen anderen engagierten Menschen in unserem Land auch dem heutigen Behindertenanwalt Erwin Buchinger zu verdanken, dass Österreich die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat. Kein Wunder also, dass diesem engagierten Kämpfer für die Inklusion langsam der Kragen platzt. Allerorts scheint der "sonderpädagogische Förderbedarf" (SPF) zu fröhlichen Urständ der Sonderschulen zu führen. Denn das "Stigma" SPF wird in seinen Augen leichtfertig verhängt, um den Sonderklassen und Sonderschulen eine finanzielle beziehungsweise personaltechnische Absicherung zu geben. Nicht berücksichtigt wird dabei, dass die Betroffenen dadurch im wahrsten Sinne des Wortes "abgestempelt" werden.

"Modellregionen" für Inklusion

Wenn Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek kürzlich meinte, dass die "Sonderschule bis 2020 zur Ausnahme" werden soll und ohnehin "Modellregionen" geplant seien, in denen flächendeckend inklusive Bildung angeboten werden soll, dann klingt das für gelernte Österreicher_innen wie die Verschiebung auf den berühmten Sankt-Nimmerleins-Tag.

Wenn sechs Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen erst an "Modellregionen" gedacht wird, klingt das eher beunruhigend, weil sehr verdächtig nach Aussitzen und Schwerfälligkeit des Schulsystems.

Würden wir "Modellregionen" auch bei anderen Menschenrechten einrichten müssen, um zu sehen, ob und wie sich das umsetzen lässt? Wie wäre es, wenn wir die Steiermark oder Vorarlberg zur "Modellregion" für Meinungsfreiheit erklären, mal schauen, wie das funktioniert, während anderswo die freie Meinung längst nicht geäußert werden dürfte?

Es ist wirklich beschämend, wie wir uns vom "System" lähmen lassen. Das ist die schlimmste Behinderung, weil wir sie selbst erzeugen und anderen zumuten. Wer sonst ist das System, wenn nicht wir alle selbst?

Neu anfangen

Sonderschulen, Sonderanstalten, Sonderprogramme. Schluss mit dem Sortieren von Menschen.

Wir müssen das bestehende System vergessen und ganz neu anfangen. Nicht umbauen, nicht testen, nicht adaptieren, sondern Grundsätzliches erkennen: erkennen, dass alle Menschen gleich sind und den gleichen Zugang zu uns allen, also unserer gesellschaftlichen Gemeinschaft, zur Bildung und zu Chancen und damit letztlich auch zu sich selbst haben müssen. Alles andere ist längst nicht mehr tragbar. Weder inner- noch außerhalb von "Modellregionen".

Lisa Nimmervoll fordert im STANDARD: "Die Sonderschule gehört abgeschafft. 26. Oktober ist Nationalfeiertag, der Neutralität gewidmet. Inklusion ist nichts für neutrales Sich-Raushalten. Es wäre ein schöner Anlass, wenn die feiernde Nation ein Zeichen setzen würde, dass in diesem Land alle Menschen, egal ob "behindert" oder nicht, reich oder arm, seit Generationen 'hiesig' oder immigriert, Platz und die gleichen Rechte und Chancen haben. Wir sind alle anders." Sie spricht damit deutlich an, dass es schnell gehen muss. Bis Oktober wäre gerade noch Zeit.

Inklusion verträgt weder zeitlichen Aufschub noch räumliche Einschränkung. Nur Inklusion ist Inklusion. (Bernhard Jenny, derStandard.at, 12.9.2014)

Bernhard Jenny (58) lebt in Salzburg und arbeitet als Autor, Grafiker, Mediengestalter, Blogger und Performer.

  • Nur Inklusion ist Inklusion.
    foto: apa/jonas güttler

    Nur Inklusion ist Inklusion.

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