Mirel Wagner: Schwarzsehen

11. September 2014, 17:45
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Die finnische Songwriterin lässt mit ihren akustischen Todesballaden männliche Black-Metal-Kollegen alt aussehen

Mirel Wagner wurde in Äthiopien geboren und wuchs in Finnland auf. Obwohl sie ihre Lieder immer schon am liebsten allein auf einer akustischen Gitarre interpretierte, kommt sie aus dem Umfeld des in den nordischen Ländern nach wie vor sagenhaft beliebten Black Metal und diverser Nebenspielarten. Die haben nicht nur mit martialischer Monsterschminke, absurd harter und gängige Harmoniemuster ablehnender, völlig antisinnlicher Musik und das Gute, Wahre und Schöne ins Gegenteil verkehrenden Texten zu tun. Es wird auch versucht, Schwarz als etwas noch viel Dunkleres, Existenzielleres zu gestalten. Schwarz als wahrhaftiges Schwarz, also Intensivschwarz oder Schwarzeslochschwarz, kann zum Beispiel über Kinderkram wie Hellschwarz oder schwarze Pastelltöne nur höhnisch im Keller lachen. Es geht hier um das Nichts, das uns entgegenbrüllt, wenn wir im Leben Türen öffnen, hinter denen man des Pudels Kern, den Sinn, Antworten oder Ähnliches erwartet. Hallo, ist da jemand? Nein.

sub pop

Mirel Wagner hat im Gegensatz zur männlichen Kollegenschaft allerdings schon früh verstanden, dass das Grauen, das uns angesichts der Leere, des Abgrunds, des Nichts oft erfasst (Spaziergänge am Strand und schöne Sonnenuntergänge einmal ausgenommen), nicht laut und tösend daherkommt wie eine Horde betrunkener, stark überschminkter Männer mit verkehrt herum um den Hals gehängten Christenkreuzen. Die brechen dann den Landfrieden mit höhenlastig verzerrten Gitarren, während die schweißnassen Haupthaare das Gesicht verkleben. Mirel Wagner hat selbst im Vorprogramm diverser Black-Metal-Bands schon während ihrer Lehrjahre in Helsinki immer nur auf sich selbst und ihre akustische Gitarre vertraut.

Des Teufels Zunge

2011 erschien ein namenloses Debüt auf dem finnischen Label Bone Voyage, mit der nachtschwarzen Todesballade No Death, jetzt folgt auf dem US-Label Sub Pop When The Cellar Children See The Light Of Day. Mirel Wagner lässt sich darauf zwar vom finnischen Techno veteranen Vadislav Delay produzieren. Das Ergebnis macht allerdings keinerlei Zugeständnisse an Eingängigkeit und etwaige Modernität.

Wieder großteils nur mit Akustikgitarre eingespielt, erreicht Mirel Wagner hier in Liedern wie The Devil’s Tongue oder The Dirt eine zurückgenommene Meisterschaft und Intimität, die tatsächlich tiefer geht als martialisches Geprügel und Gegrunze aus dem Metal. Inhaltlich geht es selbstverständlich um die letzten Dinge. Man könnte das Motto ausgeben: Der Tod steht ihr gut. Abgang, Ende, Verfall. Das Leben verlässt den Körper, der Schmerz bleibt ewig. Diese Abteilung. Allerdings trägt Mirel Wagner dies nicht im gewohnten Leidenston mittelständischer europäischer junger Menschen vor, die ihr Leiden an der Welt ins Zentrum des Universums stellen.

Mit rauchiger, gehauchter, aber dem Untergang Widerstand leistender Stimme wird hier eher die Mitte zwischen Einflüssen wie PJ Harvey, Leonard Cohen und Billie Holiday gesucht. Musikalisch orientiert sich Wagner an Folk und Blues, der Grundton ist fatalistisch bis lapidar –und in Moll. Das macht mitunter tatsächlich Gänsehaut. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 12.9.2014)

Mirel Wagner wird am 3. 10. im Rahmen des Waves-Festivals im Wiener Porgy & Bess auftreten.

  • Mirel Wagners neues Album heißt: "When The Cellar Children See The Light Of Day".
    foto: aki roukala

    Mirel Wagners neues Album heißt: "When The Cellar Children See The Light Of Day".

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