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13. September 2014, 17:00

Am 17. September wird er also 70, der größte Bergsteiger aller Zeiten. "Gröbaz", so hat ihn der oberösterreichische Alpinist und Messner-Freund Edi Koblmüller in einer Kolumne für das Magazin "Land der Berge" einmal bezeichnet. Aber auch andere sind bei Messner mit Superlativen schnell zur Hand: Ikone, Titan, lebende Legende, König der Berge und noch einiges mehr in dieser Art - alles Titel, die ihm medial schon umgehängt wurden.

Ikone, Titan, König der Berge.

Will man Messners Stellenwert in der Geschichte des Alpinismus einigermaßen seriös einordnen, lohnt ein Blick über die Grenzen des deutschen Sprachraumes. Allzu oft nämlich neigen Deutsche, Österreicher, Schweizer und Südtiroler dazu, die Leistungen der Landsleute höher zu bewerten als beispielsweise jene von Alpinisten aus England, Frankreich oder Übersee.

archiv: reinhold messner
Reinhold Messner im Arm seiner Mutter. Im Hintergrund die Fermeda-Türme über Brogles.

Der Brite Chris Bonington, selbst zwischen 1960 und 1985 einer der herausragenden Höhenbergsteiger der Welt, ist in dieser Hinsicht zweifellos über jeden Verdacht erhaben. Bonington, der Sir unter den Bergsteigern, hat in seinem alpinhistorischen Standardwerk "The Climbers - A History of Mountaineering" Reinhold Messner wesentliche Teile der Himalaya-Kapitel gewidmet. Dass Messner als Erster alle 14 Achttausender bestiegen hat, dass er als Erster ohne Flaschensauerstoff auf dem Everest war, dass er die erste Solobesteigung eines Achttausenders geschafft hat, all das macht ihn irgendwie schon zu Lebzeiten alpinhistorisch unsterblich.

Der aus dem Villnösstal in Südtirol stammende Messner wurde aber schon in jungen Jahren von anderen Alpinisten hochgeschätzt. Walter Bonatti - Wegbereiter des modernen Alpinismus in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts - widmete seine 1971 verfasste Autobiografie Messner, "dem letzten jugendlichen Hoffnungsträger der großen Tradition des Bergsteigens". Das war knapp ein Jahr nach dem Tod von Reinholds Bruder Günther auf dem Nanga Parbat.

Der Tod Günther Messners zählt zu den bekanntesten Unfällen der jüngeren Alpingeschichte überhaupt. Die zwei Brüder - 25 und 23 Jahre jung - waren die Ersten, denen die Durchsteigung der Rupalflanke am Nanga Parbat (die höchste Wand der Welt) gelungen ist, allerdings kam nur Reinhold lebend vom Berg zurück. Nach dem Gipfelerfolg wird die Expedition zur Tragödie. Günther wird schwer höhenkrank, und die beiden entscheiden sich, den Abstieg nicht durch die Wand zu wagen, sondern über die leichtere Diamirflanke. Nach längerem Abstieg und einigen Biwaks wird Günther Messner von einem abbrechenden Sérac - einem Turm aus Gletschereis - erschlagen. Reinhold Messner gelingt, trotz schwerer Erfrierungen, der Abstieg, und er wird von Einheimischen ins Basislager gebracht.

Günther Messner.

Die Geschichte war jahrelang Teil einer heftigen Auseinandersetzung in den Medien. Der bizarre Streit gipfelte in dem Disput, ob der überlebende Reinhold seinen Bruder geopfert habe, nur um die Überschreitung des Nanga Parbat zu machen und damit die erste Überschreitung eines Achttausenders zu schaffen. Beendet wurde die für Nicht-Alpinisten unmenschlich scheinende Streiterei, an der sich auch andere Mitglieder der Expedition beteiligt hatten, erst 2005. Damals wurde ein Unterschenkelknochen Günther Messners gefunden und damit die Version von Reinhold Messner bestätigt, dass er, um seinen Bruder zu retten, die technisch leichtere Diamirflanke als Abstiegsweg gewählt hatte. Auch ein Schuh von Günther Messner mit einer speziellen Vorrichtung, um die Steigeisen zu befestigen, wurde gefunden und gilt als Indiz für die Version von Reinhold Messner.

Der Schuh wird heute im Messner-Museum in Firmian ausgestellt. An Günther erinnert auch ein nach ihm benannter Steig in den Aferer-Geisler-Dolomiten im heimatlichen Vilnöss-Tal. Trotz aller Tragik, für Messner - bis dahin nur als Kletterer bekannt - war die Nanga-Parbat-Expedition 1970 der Anfang seiner Karriere als Höhenbergsteiger.

Der Erzähler

Bonatti hat seinerzeit die Stafette des "Bergsteigens als Kulturleistung" (Messner) an den jungen Reinhold weitergereicht. Und wem würde dieser selbst heute den Antritt seines Erbes zutrauen? Der Jubilar zögert mit einer Antwort, um dann die beiden Tiroler David Lama (24) und Hansjörg Auer (30) oder den US-Amerikaner Steve House (44) zu nennen.

archiv/messner
Messner vor einer Statue aus seiner Tibetika-Sammlung.

Sie alle hätten es aber bei weitem schwerer als er oder Everest-Erstbesteiger Edmund Hillary seinerzeit. Was der Neuseeländer Hillary oder er getan hätten, "waren Dinge, die auch ein Laie versteht". Heute sei es für Lama und Co schwierig geworden, ihre Geschichten zu erzählen.

Damit ist Messner im STANDARD-Gespräch selbst nach wenigen Minuten dort angelangt, worin ein wesentlicher Teil des Phänomen Messners begründet liegt: Der Mann ist nicht nur ein exzellenter Bergsteiger und ein willensstarkes Kraftpaket, er ist ein Medienprodukt und ein Gesamtkunstwerk der Bergsteigerei.

archiv/messner
Reinhold Messner mit seinem Sohn Simon.

Mit scharfem Intellekt und mindestens so scharfer Zunge ausgestattet, lieferte er Zeitungen, Magazinen und Rundfunk über Jahre immer wieder quotenbringende Themen und die Sager gleich dazu. "Da war plötzlich ein Alpinist im Rampenlicht, der jedem Diskussionspartner ebenbürtig war", beschreibt Koblmüller die Zeit.

Messner sei die Kombination aus Berg und Geist, radikal in seinen Ansichten, provokant in den Thesen. "Ohne Messner wäre die Entwicklung des Bergsports sicher anders verlaufen, langsamer, weniger spektakulär, für viele auch weniger profitabel."

foto: horst ossinger/dpa
Reinhold Messner feiert im kleinen Kreis - aber im Biwak.

Der Sohn eines Lehrers schaffte es auch in die Politik. Das Mandat der Grünen im EU-Parlament behagte dem "Hinterbänkler" (Messner über den Politiker Messner) freilich nicht. Da standen andere im Rampenlicht, nicht er.

Geheimer Geburtstag

Medienprofi ist Reinhold Messner noch immer. Er beherrscht die Klaviatur perfekt, und so wird auch sein Siebziger ausgefeilt inszeniert. Irgendwo in den Bergen werden er und seine Freunde biwakieren und bei einem großen Lagerfeuer alte Geschichten erzählen. Journalisten seien nicht erwünscht. Messner will nicht einmal sagen, wer eingeladen ist. Messners geheimes Fest! Wenn das den Boulevard nicht anlockt, was dann?

"Die Berge werden höher, die Wände werden steiler."

Es wird aber wohl das letzte Geburtstagsbiwak dieser Art werden. Mit achtzig wolle er dann nicht mehr auf hartem Untergrund nächtigen, sagt er. Auch sonst fordert das Alter so seinen Tribut. Selbst von einem Reinhold Messner. "Die Berge werden höher, die Wände steiler", beschreibt er das Nachlassen von Schnellkraft, Koordination und Geschicklichkeit.

Fit sei er trotzdem noch. Messner geht klettern und ist immer noch auf über 6.000 Meter Seehöhe unterwegs. Vor kurzem sei er im indischen Ladakh gewesen. Er könnte noch auf den Everest, sagt er. Allerdings nur mit Flaschensauerstoff und Sherpas. Und das wäre dann "peinlich.

Das Vermächtnis

Statt auf die Achttausender richte er seinen Fokus auf die kulturelle und soziale Seite der Bergsteigerei. Rund 100.000 Euro bringt die Messner Mountain Foundation pro Jahr zur Unterstützung von Menschen im Karakorum oder in Nepal auf.

Was neben den Geschichten und Erzählungen bleiben soll, das sind seine Bergmuseen. Fünf betreibt er in seiner Heimat Südtirol unter der Dachmarke "Messner Mountain Museum" (MMM), das sechste ist gerade im Entstehen. Es wird ein Gebäude der Superlative. Hoch oben, auf 2.275 Meter Seehöhe, entsteht nach einem Entwurf der britischen Stararchitektin Zaha Hadid auf dem Gipfel des Kronplatz (Plan de Corones) das MMM-Corones.

foto: messner
Messner bei der Eröffnung der Burg Juval, seit 1983 sein Wohnsitz und einer der bald sechs Standorte des Projekts Messner Mountain Museum.

Dass der in den Berg hineingestemmte Bau ausgerechnet im Herzen der Skiarena Kronplatz liegt, mag ökonomische Gründe haben, mit Messners Haltung als Grüner, als Individualist scheint das schwer vereinbar. Das Museum des Einzelkämpfers mitten im dröhnenden Skizirkus, im Hotspot des Lifttourismus ist genauso ein Widerspruch wie Messners Kritik am Massentourismus in den hohen Bergen, den aber gerade er mit seinen Büchern und Vorträgen mit angeheizt hat.

Einwände dieser Art hat er freilich immer vom Tisch gewischt. Im Bewusstsein seiner Ausnahmestellung kennt das System Messner nur einen Pol, um den sich die Welt dreht: Das ist Messner selbst und seine Sicht der Bergwelt. Sollten ihn wirklich jemals Selbstzweifel plagen, öffentlich macht er sie nicht. (Text: Thomas Neuhold, Grafik und Produktion: Sebastian Pumberger, derStandard.at, 13.9.2014)

Am 1. September erschien das neue Buch von Reinhold Messner im Malik Verlag: Reinhold Messner: Über Leben. 336 Seiten, 23,70 Euro

Messner betreibt mehrere Bergmuseen. Das zentrale Museum befindet sich auf Schloss Sigmundskron, daneben gibt es mehrere Ableger. www.messner-mountain-museum.it