Ende einer Ära: Ferrari, blaues Blut und bella figura 

10. September 2014, 09:14
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Luca di Montezemolo wird als Präsident von Ferrari von Fiat-Boss Sergio Marchionne abgelöst

Maranello/Wien - Trotz öffentlicher Demontage "bella figura" zu machen - das durfte von Luca Cordero di Montezemolo erwartet werden. "Ferrari ist die wundervollste Firma der Welt. Es war ein großes Privileg und eine Ehre, sie anzuführen. Zusammen mit meiner Familie war sie das Wichtigste in meinem Leben - und wird es immer sein", ließ der 67-Jährige am Mittwochvormittag verlauten, nachdem ihn die Kunde vom Rausschmiss durch Fiat-Chrysler-Aufsichtsratschef Sergio Marchionne ereilt hatte.

Der Marchese aus piemontesischem Adel war vorgewarnt, er wusste schon vor Ferraris Debakel beim Heimrennen in Monza am vergangenen Sonntag, dass seine Tage an der Spitze des Sportwagenherstellers gezählt sind. Dass Marchionne einerseits Montezemolos geschäftliche Erfolge pries, andererseits aber auf die Tatsache hinwies, dass Ferrari in der Formel 1 seit nunmehr sechs Jahre titellos ist, war Hinweis genug. Montezemolo, der erst im Frühjahr seinen Vertrag um drei Jahre verlängert hatte, wird großzügig abgefunden werden. Viele seiner Weggefährten bedauern den Abgang. "Mir tut es leid um den Luca, weil die ganze Formel-1-Geschichte an ihm hing. Er wird in der Formel 1 fehlen", sagte etwa Niki Lauda.

Jahre des Ruhms

Nur Gründer Enzo Ferrari hat neben den Sportidolen mehr für den Ruf der Marke unter dem Cavallino rampante getan. 1973 hatte er als Assistent Enzo Ferraris begonnen, ein Jahr später übernahm er die marode Rennsportabteilung, die Scuderia Ferrari, die ab 1975 mit Lauda dreimal en suite die Konstrukteurswertung der Formel 1 gewann. Der Österreicher nahm sich mit den Roten die ersten beiden seiner drei Fahrerweltmeisterschaften.

Die Rolle als Teamchef war für den ebenso eleganten wie eloquenten Juristen Montezemolo aber zu klein. Er stieg in Gianni Agnellis Fiat-Konzern auf, um 1991 als Vorstandsvorsitzender zu Ferrari zurückzukehren. Mit dem Franzosen Jean Todt, heute Präsident des Automobilweltverbandes (Fia), als Teamchef und dem deutschen Weltmeister Michael Schumacher von Benetton, dem auch noch der Brite Ross Brawn als technischer Direktor folgte, holte Montezemolo den Erfolg nach Maranello bei Modena.

Das Trio sorgte 1999 für Ferraris ersten Titel seit 15 Jahren, für den Gewinn der Konstrukteurswertung der Formel 1. Im Jahr darauf wurde Schumacher erster Ferrari-Weltmeister seit dem Triumph des Südafrikaners Jody Scheckter 1979. Bis 2008 folgten fünf weitere Fahrerweltmeistertitel - vier für Schumacher, einer für den Finnen Kimi Räikkönen (2007), sowie sieben Konstrukteurstitel.

Daneben florierte der Sportwagenbau unter Montezemolo und zur hellen Freude des Mutterkonzerns, der im Segment noch mit Maserati und - mit Abstrichen - noch mit Lancia und Alfa Romeo vertreten ist. 2013 setzte Ferrari 2,3 Milliarden Euro um und lieferte beinahe 7000 Luxuskarossen aus. Mehr als 800 Millionen Euro stehen für Investitionen zur Verfügung.

Schlechte Zeiten

Das Formel-1-Team kann den Reichtum - Budget laut motorsport-total.com 420 Millionen Euro, rund 700 Beschäftigte - allerdings nicht ausspielen. Fuhr der Spanier Fernando Alonso trotz deutlicher Probleme mit der Aerodynamik in den vergangenen vier Saisonen dreimal zum Vizeweltmeistertitel, so ist in dieser Saison nicht einmal Alonsos Fahrkunst ausreichend. Der letzte Rennsieg liegt 16 Monate zurück.

Marco Mattiacci, der Stefano Domenicali im April als Teamchef ersetzte, konnte das Steuer nicht herumreißen. Dass er den als Chef von Ferrari Nordamerika zwar äußerst erfolgreichen, aber sportlich unerfahrenen Römer auf den Kommandostand hievte, gilt als Missgriff Montezemolos.

Fiat-Chrysler-Boss Marchionne dürfte sich einen versierteren Mann holen. Schon wird gemunkelt, dass Ross Brawn (59), nach dem Abgang bei Mercedes angeblich des Fliegenfischens und Rosenzüchtens schon überdrüssig, ein Comeback feiern könnte.

Am Mittwoch bat Marchionne die Tifosi um Geduld. "In diesem Jahr wird es schwierig sein, zu Resultaten zu gelangen", sagte der 62-Jährige während der Abschiedspressekonferenz seines Vorgängers. Die Formel 1 gehöre zur "DNA Ferraris". Eine Integration Ferraris in den Mutterkonzern schloss er aus: "Wir wollen das schützen, was hier in Maranello errichtet worden ist."

"Ich habe meine Pflicht getan", sagte Montezemolo, kämpfte mit den Tränen, machte aber auch in dieser Situation "bella figura". "Eine Ära ist zu Ende. Das ist der richtige Moment, um das Unternehmen zu verlassen." Am 13. Oktober wird Montezemolo offiziell verabschiedet. Die sieche Alitalia kann sich schon freuen. (lü, DER STANDARD, 11.09.2014)

  • Abschied in Monza: Am vergangenen Sonntag stapfte Luca di Montezemolo  missmutig durch die Ferrari-Box. Seine Ablöse als Präsident war da wohl  schon beschlossene Sache.
    foto: reuters/rellandini

    Abschied in Monza: Am vergangenen Sonntag stapfte Luca di Montezemolo missmutig durch die Ferrari-Box. Seine Ablöse als Präsident war da wohl schon beschlossene Sache.

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