Eine Teilprüfung ohne Benotung

9. September 2014, 17:52
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Relative Zufriedenheit nach dem 1:1 zum EM-Quali-Auftakt - Koller wünscht sich mehr Kaltblütigkeit vor dem Tor. Hamren nimmt Ibrahimovic in Schutz

Wien - Erik Hamren, der schwedische Teamchef, ist erst am Dienstag heimgeflogen. Davor hatte er in Wien Zeit, das Match vom Vortag gegen Österreich zu resümieren. Seine Wortwahl irritierte ein wenig, der 57-Jährige sagte tatsächlich: "Manchmal ist Fußball ein Krieg auf dem Platz, das muss man akzeptieren." Zwei Stunden später wurde Kollege Marcel Koller mit diesem Zitat konfrontiert: "Ich würde das nicht so ausdrücken. Richtig ist, dass man sich nicht einschüchtern lassen darf", sagte der Schweizer.

Das 1:1 war für Hamren "ein zufriedenstellendes Ergebnis. Es ist ein Unterschied, ob man mit einem oder keinem Punkt heimfährt." Traditionell stand Zlatan Ibrahimovic im Mittelpunkt, halt anders. Er ist in der 19. Minute durch einen Ellbogencheck an David Alaba negativ aufgefallen. Der Schiedsrichter hatte das Vergehen nicht geahndet. Hamren nahm das Heiligtum in Schutz. "Er hat mir gesagt, dass es unabsichtlich war." Ibrahimovic stellte den Vorfall so dar: "Er ist 1,50 oder 1,60 Meter groß, ich bin zwei Meter. Natürlich kann er da in meinen Ellbogen laufen." Fakt ist: Alaba misst 1,80 Meter, Ibrahimovic 1,95. Somit stimmten beide Angaben nicht. Wobei das weder österreichische noch schwedische Gerichte interessiert. Ibrahimovic, dem Aberwitz nicht abgeneigt: "Ich denke, ich muss für 40 Spiele gesperrt werden."

Schweden "keine Wald-und-Wiesen-Mannschaft"

Koller war am Tag danach erstens ausgeschlafen und zweitens mit der Leistung immer noch "recht zufrieden". Er wies darauf hin, dass Schweden "keine Wald-und-Wiesen-Mannschaft ist. Es ist uns nicht gelungen, die Wände zu durchbrechen. Sie waren in der Defensive wirklich stark." Die EM-Quali werde nicht am ersten Spieltag entschieden. "Es wird eine enge Angelegenheit, das habe ich immer gesagt. Wir wollen immer gewinnen, aber das wollen die anderen auch." Und er äußerte einen Wunsch an die Nation: "Bitte nicht einmal himmelhochjauchzend sein und im nächsten Moment wieder raunzen."

Die Leistung wollte Koller nicht benoten, obwohl er angekündigt hatte, dass der gesamte Bewerb eine Reifeprüfung sei. "Ich bin kein Lehrer und kein Journalist, also verteile ich keine Noten." Natürlich sei die Attacke von Ibrahimovic ausschlussreif gewesen. "Das hätte einiges erleichtert. Die Reaktion darf aber nicht sein, dass wir künftig mit verdeckten, schmutzigen Fouls agieren. Man muss sich einfach nur wehren."

Koller sah durchaus Fortschritte. "Wir müssen die Angriffe halt mit noch mehr Tempo vortragen, sie bis zum Schluss durchziehen. Letztes Jahr sind wir noch hektisch geworden. Das war diesmal nicht der Fall. Wir haben die Bälle nicht blind nach vorne gedroschen, sondern haben versucht, Fußball zu spielen."

Problemzone

Der Teamchef bemängelte abermals die fehlende Kaltblütigkeit vor dem Tor. Das ist quasi ein Dauerzustand, insofern herrscht in der Ära Koller eine gewisse Form von Stillstand. Auf relativ hohem Niveau. "Das Problem ist, dass die Spieler schon wieder weg sind. Du musst als Trainer jeden Tag grantig sein, wenn die Spannung im Abschluss nachlässt. Aber das geht nur im Verein."

Stürmer Marko Arnautovic, den der liebe Gott nicht mit Torinstinkt überhäuft hat, ist im Team seit mehr als 1600 Minuten ohne Treffer. Das kann Gott nicht gewollt haben. Koller hält weiter an Arnautovic fest. "Er muss an sich arbeiten, sich steigern, schauen, dass er bei Stoke City wieder Stammspieler wird und trifft." Australien-Legionär Marc Janko war gegen Schweden bemüht, gelungen ist ihm wenig. Koller macht sich keine Sorgen. "In drei Wochen ist er physisch stärker."

Am 9. Oktober steht der Auftritt in Moldawien an, drei Tage später steigt das Heimspiel gegen Montenegro. Koller: "Wir müssen Ruhe bewahren, an uns glauben." (Christian Hackl, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Marcel Koller (53) lebt mit dem Punkt gegen Schweden, weil er damit leben muss und kann. "Es ist ja nichts entschieden."
    foto: apa/ jaeger

    Marcel Koller (53) lebt mit dem Punkt gegen Schweden, weil er damit leben muss und kann. "Es ist ja nichts entschieden."

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