Qualitätsklänge in allen Sälen

9. September 2014, 17:39
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Das Musikfest Bremen flutet die Stadt mit Vielfalt und lässt das Publikum eigene Programmwege basteln

Bremen liegt nicht nur hoch im Norden. Es ist sogar ein eigenständiges Bundesland, eines, das die Strukturkrise fest im Griff hat. Hinzu kommt, dass sich die Hansestadt am viel größeren Hamburg misst. Zumindest schwingt das in den Reden immer mit. In Sachen Oper ist man an der Weser dem großen Konkurrenten - zumindest szenisch - aber derzeit sogar überlegen. Vor den Beginn der neuen Spielzeit hat die Weisheit der klug rechnenden Stadtväter, die wissen, dass Kultur ein Standortfaktor ist, aber erst einmal das Musikfest Bremen gesetzt.

Es gehört zu den Vorzügen einer großen Vergangenheit, dass an zu bespielenden Prunksälen einstiger hanseatischer Größe kein Mangel ist, wobei der pragmatisch nüchterne Titel "Musikfest" zum Bremer Selbstverständnis passt und alle Stiloptionen offenlässt. Von da aus installierte Thomas Albert das Unternehmen vor 25 Jahren und kann sein Tanz-in-allen-Sälen-Spektakel heute als Erfolgsstory verkaufen.

Denn: Es gehört mittlerweile zum kulturellen Bremer Tafelsilber, wird vom Senat und der Wirtschaft finanziert, selbstverständlich vom Regierungschef launig eröffnet, vor allem aber vom Publikum angenommen. Um dessen Neugier anzuregen, beginnt das Ganze im Stadtherzen mit einer "Großen Nachtmusik". Das ist genauso gemeint, wie es klingt. Für ein 75-Euro-Einheitsticket kann sich jeder seine eigene, dreigeteilte Nachtmusik zusammenstellen, aus insgesamt 27 dreiviertelstündigen Konzertmodulen an neun Aufführungsorten.

Schon Karajan schwärmte

Der Bremer Markt ist dabei so etwas wie das gemeinsame Pausenfoyer. Gegen Mitternacht hat dann jeder sein eigenes Konzerterlebnis gehabt. Das geht etwa so: Auftakt in der Glocke - dem Konzertsaaljuwel von 1928, von dessen Akustik schon Karajan schwärmte. Es spielen Jérémie Rhorer und Le Cercle de l'Harmonie einen Mix aus Beethoven, Mozart und Mendelssohn-Bartholdy.

Dann folgt eine Balkanreise der besonderen Art im St.-Petri-Dom - mit Jordi Savall und seinen Hespèrion XXI wie Solisten, die zu Liedern aus Syrien und Mazedonien, aus Serbien und Griechenland inklusive einer Zymbal-Improvisation mit Sinti- und Roma-Musik einluden. Zum Abschluss schließlich erwartete einen unter den freischwebenden Modellen der martialischen Begleitschiffe der Handelsflotte von einst im Rathaussaal das von Candida Thompson von der Violine aus geleitete Ensemble Amsterdam Sinfonietta. Es überrascht mit einer Orchesterfassung von Alban Bergs 1. Klaviersonate wie mit einem Satz aus Korngolds Leonto Religoso, um dann mit Vivaldis Sommer der Ausnahmegeigerin Janine Jansen Gelegenheit zu geben, ihre Virtuosität zu demonstrieren.

Es hätte auch noch eine Reihe anderer Kombinationsmöglichkeiten gegeben: unter anderem in der Bürgerschaft mit musikalischen Perlen für Harfe (Emmanuel Ceysson) und Flöte (Frédéric Chatoux) oder einer Jazz-Session mit The Amazing Keystone Big Band. Ein Musikfest mitten in der Stadt und für die ganze Region (zu moderaten Preisen) zu etablieren und auszubauen - das ist in Zeiten grassierender Festivalitis und knappen Geldes schon eine besondere Leistung, die man im deutschen Nordwesten zu schätzen weiß.

Wenn dann bis zum 20. September noch Namen wie jene des Dirigenten Daniele Gatti oder des Tenors Juan Diego Flórez das Programm zieren, dann sind die nur das Schlagobers für ein durchaus anspruchsvolles Programm. Auch, dass Stammgast Marc Minkowski und seine Les Musiciens du Louvre mit dem Gluck-Orfeo, einer Koproduktion mit der Mozartwoche Salzburg, die mit Bejun Mehta als Orfeo zweimal im Musical-Theater zu sehen sein wird, auch das spricht für die Strahlkraft, die sich das Musikfest Bremen mittlerweile erarbeitet hat. (Joachim Lange, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Der spanische Gambist Jordi Savall (li.) interpretierte beim Musikfest Bremen alte Balkanklänge.
    foto: musikfest bremen / nikolai wolff

    Der spanische Gambist Jordi Savall (li.) interpretierte beim Musikfest Bremen alte Balkanklänge.

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