Das globale Chaos und der Rat des alten Strategen

10. September 2014, 11:13
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Henry Kissinger analysiert in "World Order", wie Bush jun. mit Hybris scheiterte und Obama mit Vorsicht überreagierte

Die globale Unordnung - sie ist ein großes Thema in Washington. Der ideale Zeitpunkt für ein neues Buch Henry Kissingers, der schon im Titel aufgreift, worum sich der Streit dreht. "World Order" heißt sein 420-Seiten-Wälzer.

Kissinger, Harvard-Professor, Sicherheitsberater und Außenminister, der Inbegriff des kühlen Realpolitikers, schlägt den ganz großen historischen Bogen. Sein Ordnungsideal ist der Westfälische Frieden; 1648 geschlossen, um den Dreißigjährigen Krieg zu beenden. Der stützte sich auf ein System unabhängiger Staaten, die ihre Ambitionen durch ein delikates Gleichgewicht der Kräfte unter Kontrolle halten. "Eine praktische Aussöhnung mit der Realität, keine besondere moralische Einsicht", analysiert Kissinger. Bis jetzt bildeten diese Regeln die allgemein anerkannte Grundlage globaler Ordnung.

Heute aber drohe das Chaos, in Form von Massenvernichtungswaffen, sich auflösender Staaten, ökologischer Verwüstung in manchen Landstrichen. "Steuern wir auf eine Zeit zu, in der Kräfte jenseits der Fesseln jeglicher Ordnung die Zukunft bestimmen?", fragt der Autor - mit seinen 91 Jahren im Wortsinne ein elder statesman. Die USA, so erwidert er den Isolationisten, hätten weiter die Führungsrolle zu spielen; nicht als moralisierender Weltpolizist, wohl aber als hart kalkulierende Großmacht, die in Absprache mit anderen handle; in aller Regel mit Verbündeten, bisweilen aber auch mit Rivalen.

Applaus bekommt er dafür von Hillary Clinton, der wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidatin des Jahres 2016, die ihren Parteifreund Barack Obama kürzlich kritisierte für dessen Maxime, kluge Außenpolitik bestehe darin, "nichts Dummes zu tun". Zu amerikanischer Führung gebe es keine tragfähige Alternative, postuliert sie. Kein anderes Land könne so wirksam Koalitionen zimmern, kein anderes verfüge über ähnliche Ressourcen.

"Ambivalente Supermacht"

Nur: Nach den Worten des Altmeisters sind und bleiben die USA eine "ambivalente Supermacht", hin- und hergerissen zwischen Idealismus und Realismus, zwischen feurigem Sendungsbewusstsein und nüchternem Abwägen. Schon Thomas Jefferson, der Dichter unter den Gründervätern, begriff die USA als "Imperium der Freiheit", nicht einfach nur als normale Macht.

Fast jeder US-Präsident, so Kissinger, beharre auf dem Grundsatz, wonach sein Land universelle Prinzipien hochhält, während alle anderen lediglich nationalen Interessen folgen. Diese Werte durch die Kraft des eigenen Beispiels oder durch zivile Hilfe zu verbreiten, wie im Falle des Marshallplans für das kriegszerstörte Europa, sei ein wichtiger Teil amerikanischer Tradition. Sie aber durch militärische Besatzung durchzusetzen in einer Region, wo sie keine historischen Wurzeln hätte, "das war mehr, als die amerikanische Öffentlichkeit unterstützen und die irakische Gesellschaft verkraften konnte".

Wie das Pendel ausschlug, von den interventionistischen Exzessen George W. Bushs zur ausgeprägten Zurückhaltung Obamas: Kissinger beschreibt es mit der Distanz eines neutralen Gelehrten. Bush habe die Macht überdehnt, als er eine Demokratie westlichen Musters nach Bagdad exportieren wollte. Er habe an Sisyphus erinnert; an den Versuch, einen Felsbrocken den Berg hinaufzurollen. Die schiitische Mehrheit, diskriminiert unter Saddam Hussein, verstand unter Demokratie eine Bestätigung ihrer zahlenmäßigen Dominanz, so Kissinger. Die Sunniten sahen in ihr ein Komplott fremder Mächte, um sie in Schach zu halten.

Falsche Exit-Strategie

Obama habe dann übertrieben bei der Korrektur. Bei seiner Exit-Strategie habe die Betonung auf dem raschen Truppenabzug gelegen, weniger auf der Strategie für die Zeit danach.

Nun, da ein jihadistischer De-facto-Staat entstehe, müsse Washington Durchhaltevermögen beweisen. Es müsse handeln "im Konzert mit den übrigen ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats, aber eventuell auch mit regionalen Kontrahenten". Sprich: gemeinsam mit China, Russland - und vielleicht auch mit dem Iran. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Pfeiler der US-Diplomatie: Henry Kissinger (3. v. li.) mit Hillary Clinton, Madeleine Albright, John Kerry, James Baker und Colin Powell bei der Grundsteinlegung für das US Diplomacy Center Museum Anfang September.
    foto: reuters/jonathan ernst

    Pfeiler der US-Diplomatie: Henry Kissinger (3. v. li.) mit Hillary Clinton, Madeleine Albright, John Kerry, James Baker und Colin Powell bei der Grundsteinlegung für das US Diplomacy Center Museum Anfang September.

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