DNA-Kartierungen jüdischer Geschichte

9. September 2014, 17:50
42 Postings

Forscher haben erstmals die DNA von 128 Aschkenasim sequenziert. Die Daten geben Auskunft über die Herkunft der mittel- und osteuropäischen Juden

New York / Wien - Es ist heikles Forschungsgebiet, wenn auch aus anderen Gründen als Anfang des 20. Jahrhunderts, als Rassenhygieniker Beweise für eine "jüdische Rasse" suchten. Seit vielen Jahren untersuchen Genetiker das Erbgut von aschkenasischen (also mittel- und osteuropäischen) Juden, um zum einen mehr über ihre Herkunft herauszufinden. Zum anderen sollen die Studien helfen, ihr höheres Risiko für bestimmte Krankheiten besser zu verstehen.

Bei der Frage der Herkunft stehen sich die Rheinland- und die der Chasaren-Hypothese gegenüber, die erstmals vom österreichisch-ungarischen Orientalisten Hugo von Kutschera formuliert wurde. Er behauptete bereits Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Aschkenasim auf das kaukasische Reitervolk der Chasaren zurückgingen, die nach der Vertreibung durch die Mongolen nach Osteuropa gezogen seien.

Kaukasus oder Rheinland?

Genetische Unterstützung fand diese umstrittene Ansicht durch eine Ende 2012 veröffentlichte Studie des Genetikers Eran Elhaik (Johns Hopkins University) im Fachblatt "Genome Biology and Evolution". DNA-Vergleiche würden zeigen, dass die DNA der aschkenasischen Juden Ähnlichkeit mit der kaukasischer Völker aufweisen würde, so Elhaik, und die Rheinland-Hypothese widerlegen.

Diese wiederum behauptet, dass Juden, die aus dem historischen Palästina vertrieben worden waren, sich im Mittelalter im Rheinland niedergelassen hätten und Anfang des 15. Jahrhunderts nach Osteuropa weitergezogen seien. Sie gilt auch deshalb als plausibler, weil das "Jiddische" eng mit dem Mittelhochdeutschen verwandt ist, wie es damals im Rheinland gesprochen wurde.

Neue Aufschlüsse durfte man sich von einem amerikanisch-israelischen Forschungsteam um Itsik Pe'er (Columbia University in New York) erhoffen, das vor drei Jahren das Ashkenazi Genome Consortium (TAGC) gründete. Nun legte die Gruppe im Fachblatt "Nature Communications" Zwischenergebnisse ihrer Auswertungen vor, die auf den vollständigen Genom-Analysen von 128 Aschkenasim basieren.

Dieser Datensatz zeigte zum einen, dass die aschkenasischen Juden als genetisch abgrenzbare Gruppe vor 600 bis 800 Jahren entstanden. Das wiederum stützt letztlich die Rheinland-Hypothese, zumal deren Vorfahren je zur Hälfte aus Europa und dem Nahen Osten stammen würden, wie Pe'er und sein Team schreiben. Zudem schließen die Forscher, dass es rund um diese Zeit - also vor 25 bis 32 Generationen - zu einem sogenannten genetischen Flaschenhals gekommen sein muss. Zu dieser Zeit ging auch die Anzahl der europäischen Juden aufgrund der damaligen Pogrome stark zurück.

Medizinischer Nutzen

Das eigentliche Forschungsinteresse von Pe'er und seinen Kollegen vom TAGC liegt freilich darin, das erhöhte Risiko aschkenasischer Juden für bestimmte Krankheiten wie Schizophrenie, Parkinson oder bestimmte Krebsarten zu studieren, um der personalisierten Medizin weiterzuhelfen. Dazu sind Folgestudien in Planung. Ihr Ansatz soll dabei ein Vorbild für andere Populationen sein - weshalb die Forscher auch alle Daten für andere Wissenschafter frei zugänglich machen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Die heute lebenden Aschkenasim - hier David Lau, der aktuelle aschkenasische Oberrabbiner Israels - sind laut neuen Genom-Analysen vor 600 bis 800 Jahren als Population entstanden.
    foto: apa/epa/abir sultan

    Die heute lebenden Aschkenasim - hier David Lau, der aktuelle aschkenasische Oberrabbiner Israels - sind laut neuen Genom-Analysen vor 600 bis 800 Jahren als Population entstanden.

  • Rekonstruktion der genetischen Geschichte der Aschkenasim.
    grafik: itsik pe'er/columbia engineering

    Rekonstruktion der genetischen Geschichte der Aschkenasim.

Share if you care.