ORF-Fernsehdirektorin: "Der 'Tatort' wird bleiben"

Interview9. September 2014, 17:20
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Wie und warum schauen wir in zehn Jahren fern? Kathrin Zechner erklärt, weshalb sie überzeugt ist, dass es den ORF dann noch immer gibt

STANDARD: Ein Gedankenspiel: Angenommen, wir schreiben das Jahr 2024. Den ORF gibt's noch ...

Zechner: Natürlich!

STANDARD: Wie werden die Zuschauer Fernsehen konsumieren?

Zechner: Klar ist, dass Flexibilität und Mobilität in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen. Die Rolle des ORF ist dabei, nicht nur online schnell zu sein, sondern über Radio und Fernsehen Nachrichten zu kuratieren, auszuwählen, Recherchequalitätsmaßstäbe anzulegen.

STANDARD: Gibt es 2024 ein 24-Stunden-Programm im ORF?

Zechner: Die primäre Frage ist nicht, ob wir 24 Stunden spielen, sondern wo die Geschichten entstehen. Es war Kevin Spacey, der in einem fabulosen Vortrag gesagt hat: "It's all about storytelling." Wir brauchen Leute, die Geschichten erzählen können, egal ob in News, Fiction oder Dokumentationen.

STANDARD: Österreich ist ein kleines Land. Würden Sie heute sagen, die Möglichkeiten sind beschränkt ...

Zechner: Ja, aber was machen die Großen? Sie entwickeln eigene Geschichten mit hohem Production-Value. Aber auch sie sind auf ihre Erzähler angewiesen, und das unterscheidet sie nicht vom kleinen Markt. Österreich und im Speziellen der ORF haben diese Fähigkeit in der DNA.

STANDARD: Welche Sendungen gibt's denn 2024 noch?

Zechner: Der Tatort wird bleiben, aus genau dem Grund: Weil er die besten Geschichtenerzähler und Schauspieler hat und die Geschichte in Regionen verortet, die die Zuschauer kennen. Ich glaube nicht an die totale Konvergenz. Das ist eine Schwäche der globalen Entwicklung. Das Abbilden desselben überall ist zwar jetzt State of the Art, aber falsch.

STANDARD: Global geht es in Richtung Zusatzangebote. Der ORF hatte das bisher nur sehr sporadisch, zuletzt etwa bei der "Wahlfahrt". Werden Sie das forcieren?

Zechner: Die Wahlfahrt hatte ein eigenes Themenmanagement. Das muss man für andere Produkte auch erfinden. Ich sehe mich als Architektin, als Architektin des Fernsehens. Als solche überlege ich mir, was die Bedürfnisse des Konsumenten sind, welchen Finanzrahmen ich habe und wie ich das Produkt gestalte, ob es ein Haus, eine Wohnung oder ein Fernsehprogramm ist - und zwar so, dass es auffällt. Damit nicht nur sieben kleine weiße Bungalows das Programm sind, sondern sieben weiße Bungalows - weil ja alle gern lizenzieren - und dann zusätzlich der Bungalow der Architektin Zaha Hadid.

STANDARD: Welches Programm hat ORF 1 im Jahr 2024?

Zechner: Wenn die finanziellen Gegebenheiten es mir ermöglichen, die inhaltliche Handschrift des Geschichtenerzählens in ORF 1 so auszuweiten, wie sie bei uns auf dem Tisch liegt, dann bin ich zutiefst davon überzeugt, dass wir die stärksten Comedy-, Sitcom-, Film und Dokumentationserzähler haben. Skeptisch bin ich dagegen in der Frage, ob wir 2024 die Faszination der Großevents im Sport haben werden. Das ist der explodierendste Lizenzmarkt.

STANDARD: Noch ist dem kaufmännischen Direktor Richard Grasl zu wenig Originäres auf ORF 1.

Zechner: Richard Grasl weiß nur zu gut, dass wir seit einigen Jahren mehr Produkte für ORF 1 auf dem Tisch haben als finanziert werden. Es freut mich, dass er einfordert, was es schon gibt. Die finanziellen Mittel muss er zur Verfügung stellen.

STANDARD:2024 sitzen alle glücklich auf dem Küniglberg und machen alles?

Zechner: Alle machen alles wird nie sein. Das ist genauso falsch gedacht, wie ein Produkt auf allen Devices zu spielen. Es wird vielseitige Leute geben, die online drehen, schneiden, Fernsehbeiträge machen können. Basis-Research wird in Teams passieren, das kann man auch effizient nennen. Aber Hintergründe, weiterlaufende Geschichten, Gesprächspartner, Perspektiven werden weiterhin Spezialisten überlassen sein.

STANDARD: In einer Struktur mit Channelmanagern müssten Sie die Information abgeben. Okay?

Zechner: Es geht nicht darum, ob ich verliere und ob wer anderer etwas gewinnt. Es geht zuerst um die Frage, welche Inhalte wir erzählen, und erst danach, unter welchen Strukturen.

STANDARD: Wie hoch ist die Frauenquote im ORF 2024? Bezüglich Korrespondententausch gab es zuletzt eher Rückschläge ...

Zechner: In zehn Jahren schauen wir hoffentlich zurück und sagen, dass die Quoten gut waren, um Männer und Frauen in Chancen und Bezahlung gleichzustellen. Die Mitarbeiterstruktur in allen Hierarchien sollte dem Bevölkerungsschnitt entsprechen, das wäre 50:50. Ich arbeite mit voller Femaleforce daran, dass der Slogan "ORF wie wir" auch in diesem Punkt stimmt.

STANDARD: Ist Österreich 2024 dreifacher Song-Contest-Sieger?

Zechner: Die Musikszene Österreichs ist stark. Jetzt steht im Vordergrund, mit dem Song Contest ein Zeichen für Respekt und Kraft in Musik und Kunst zu setzen.

STANDARD: Ist Kathrin Zechner 2024 Architektin des Fernsehens?

Zechner: Aus meiner Sicht ja. (Doris Priesching, DER STANDARD, 10.9.2014)

Kathrin Zechner (51) war von 1995 bis 2002 ORF-Programmintendantin, dann Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien, seit 2012 ist sie Fernsehdirektorin.

  • ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner sieht  sich als "Architektin des Fernsehens": Damit nicht  "sieben kleine, weiße Bungalows Programm sind".
    foto: standard/corn

    ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner sieht sich als "Architektin des Fernsehens": Damit nicht "sieben kleine, weiße Bungalows Programm sind".

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