Ein Greifvogel, der möglichst nicht auffallen will

14. September 2014, 11:32
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Der Wespenbussard sucht Nistplätze in der Nähe von Menschen, wo er sicherer ist

Wien - Im Frühjahr beginnen die meisten Vogelarten in unseren Breiten mit dem Nestbau. Über die Attraktivität eines potenziellen Nistplatzes entscheiden dabei in erster Linie, wie groß das Nahrungsangebot in der Umgebung ist und wie viel Schutz vor Witterung und Beutegreifern er bietet. Letzterer Aspekt kann sogar wichtiger sein als das Nahrungsangebot - und zwar auch bei Greifvögeln. Von vielen kleinen Eulenarten, die von ihren größeren Verwandten gejagt werden, ist bekannt, dass sie vor allem zur Brutzeit bemüht sind, den Kontakt mit diesen zu vermeiden. Bei Tag-Greifvögeln war das Phänomen bis jetzt kaum beobachtet worden.

Anita Gamauf vom Naturhistorischen Museum Wien, die sich seit vielen Jahren mit dem Wespenbussard (Pernis apivorus) beschäftigt, hat die Art auch auf ihr diesbezügliches Verhalten untersucht. Der Wespenbussard ist so groß wie der viel häufigere Mäusebussard, im Unterschied zu diesem aber nur in der warmen Jahreszeit in Österreich anzutreffen.

Den Rest des Jahres verbringt er in Winterquartieren im tropischen Afrika, aus denen er erst sehr spät im Jahr zurückkommt. Das Brutgeschäft geht dementsprechend erst ab Ende Mai an. Er frisst nämlich bevorzugt die Larven von Wespen und Hummeln, deren Nester er aus dem Boden ausgräbt, und ab diesem Zeitpunkt gibt es davon am meisten. Die Zeit von der Eiablage bis zum Flüggewerden der Jungen beträgt beim Wespenbussard mindestens drei Monate, was praktisch die komplette Spanne ausmacht, in der er sich überhaupt im Brutgebiet aufhält. "Er hat also einen dichten Zeitplan", fasst Gamauf zusammen, "wenn die erste Brut aus irgendeinem Grund ausfällt, geht sich keine neue mehr aus."

Damit nichts schiefgeht

Umso wichtiger ist es unter diesen Umständen, einen Nistplatz zu wählen, an dem möglichst nichts schiefgeht. Allerdings sind die besten Brutplätze für den Wespenbussard, wenn er aus Afrika kommt, gewöhnlich schon von anderen Greifvögeln besetzt, vor allem von Mäusebussarden, Schwarzmilanen und Habichten. Besonders von Letzteren sollte sich der Wespenbussard fernhalten, denn der Habicht gehört zu seinen Hauptfeinden: Er erbeutet sowohl erwachsene Exemplare als auch Nestlinge.

Um die Gefahr möglichst gering zu halten, haben Wespenbussarde offenbar eine Strategie des Möglichst-nicht-Auffallens entwickelt. Dazu gehört, dass sie sich im Nest außergewöhnlich still verhalten, und zwar nicht nur die Erwachsenen: Während die Jungen vieler Vogelarten lautstark um Futter zetern, betteln junge Wespenbussarde nur kurz und leise. Um herauszufinden, inwieweit die Anwesenheit anderer Greifvögel die Nistplatzwahl des Wespenbussards beeinflusst, nahm Gamauf ihn in zwei Untersuchungsgebieten jeweils zwei Saisonen lang unter Beobachtung: in einem 200 Quadratkilometer großen Hügelgebiet im Südburgenland mit 25 Wespenbussardnestern und auf einer 113 Quadratkilometer großen Fläche im Nationalpark Donauauen mit 30 Nestern. Dabei zeigte sich, dass die Wahl der Vögel kaum von Habitat-Eigenschaften bestimmt wurde: "Von dichten Jungbaumbeständen bis zu alten Wäldern wird alles genommen", sagt Gamauf.

Die Nähe von Habichtnestern hingegen hat sehr wohl Einfluss auf die Nistplatzwahl der Wespenbussarde: Auf beiden Untersuchungsflächen brüteten sie deutlich weiter weg von ihren Feinden, als das bei einer Zufallsverteilung zu erwarten gewesen wäre. Wo sie das nicht taten, verloren sie prompt mehr Jungvögel an den Habicht. Die kritische Distanz beträgt etwa einen Kilometer.

Auf der burgenländischen Untersuchungsfläche brüteten die Wespenbussarde außerdem auffällig nahe an menschlichen Siedlungen. Sie sind dort sicherer, weil der Habicht die Nähe des Menschen meidet. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Der Wespenbussard hat einen dichten Zeitplan: Wenn die erste Brut aus irgendeinem Grund ausfällt, geht sich keine neue mehr aus.
    foto: david & micha sheldon / picturedesk

    Der Wespenbussard hat einen dichten Zeitplan: Wenn die erste Brut aus irgendeinem Grund ausfällt, geht sich keine neue mehr aus.

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