Hooligan-Prozess in Wien: Zahnlose Fans, Linke mit Wischmopp

9. September 2014, 17:05
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Nach Tumulten in und vor dem Ernst-Kirchweger-Haus sitzen neun Männer vor Gericht. Die Anklagepunkte: Hausfriedensbruch und Körperverletzung

Wien - Im Prozess gegen neun Männer wegen Tumulten in und vor dem Wiener Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) erfährt man Interessantes über die Physiologie von Sportbegeisterten, "Fußballfans haben öfters keine Zähne", verrät einer der Angeklagten dem Richter Michael Tolstiuk. Das ist ihm deshalb wichtig, weil er von einem Zeugen nach dem Sturm auf das EKH am 27. Oktober anhand seiner fehlenden Beißwerkzeuge identifiziert worden ist.

Wobei: So generalisieren kann man doch nicht - sieben der Angeklagten sind Fußballfans, alle mit einwandfreiem Gebiss. Die anderen beiden sind linke Aktivisten aus dem angegriffenen EKH, wo am Tattag zwei Veranstaltungen stattgefunden haben.

Den Fans wirft Staatsanwalt Hans-Peter Kronawetter Hausfriedensbruch und Körperverletzung vor, den Aktivisten Körperverletzung. Zweitangeklagter Claudio P. soll im Stiegenhaus des EKH sein Opfer mehrmals mit der Faust geschlagen haben, er selbst wiederum später von Gerhard M. und Adigüzel A. auf der Straße mit Latten und einem Wischmopp verprügelt worden sein.

Alle neun leugnen

Niemand bekennt sich schuldig. Keiner der Fans will irgendetwas mit dem Sturm auf das EKH zu tun haben, die beiden Aktivisten keinerlei Gewalt gegen irgendeinen Fan ausgeübt haben.

Die Aussagen der Fans unterscheiden sich nur in Nuancen. Alle wollen gegen 13 Uhr auf dem Marsch zum nachmittäglichen Derby zwischen Austria und Rapid gewesen sein. In einer größeren Fangruppe. Dass irgendwer das EKH betreten habe, will keiner gesehen haben, dass plötzlich mit Latten bewaffnete Aktivisten herausstürmten, dagegen schon.

Dass sie etwas mit dem neonazistischen, von der Austria ausgeschlossenen Fanklub "Unsterblich Wien" zu tun haben, bestreiten alle ebenso vehement. Was beim Fünftangeklagten Andre R. sogar glaubwürdig ist: Er hält nämlich zu Rapid.

Rechtsrock und "Auschwitz-Lüge"

Seltsam nur, dass auf dem zu Prozessstart noch allgemein zugänglichen Facebook-Profil des Zweitangeklagten P. nicht nur Links zu Liedern von extrem rechten Musikbands zu finden sind, sondern auch "lustige" Sprüche über (linke) "Zecken" - und vor allem ein Posting, in dem ein Bekannter von ihm von der "Auschwitz-Lüge" schreibt. Interessanterweise ist P.s Profilname nach der ersten Pause aber aus Facebook verschwunden.

Nach den leugnenden Fans kommen die von zahlreichen Sympathisanten begleiteten Aktivisten. Die, unterstützt von Verteidiger Harald Karl, ebenso leugnen. Vor allem der Neuntangeklagte A. belastet P. schwer. Er sei in dem schmalen Stiegenhaus gewesen, als der Fan Rudolf F. die Faustschläge verpasste. Gemeinsam mit anderen sei es gelungen, die fünf bis sieben Fans aus dem Haus zu drängen und die Tür zuzuhalten.

Als die feindlichen Türöffnungsversuche aufhörten, sei man auf die Straße gegangen, um die Angreifer bis zum Eintreffen der Polizei zu stellen.

Diesen Punkt der Schilderung finden Staatsanwalt Kronawetter und Fan-Verteidiger Philipp Winkler aufklärungswürdig. Denn: Als die Aktivisten auf die Straße kamen, standen die rund 40 Fans schon 30 bis 40 Meter weg.

Aktivisten auf der Jagd

Obwohl man in der Minderheit war, nahm man Latten von der nahen Baustelle und stürmte los. Um sie "dingfest" zu machen, wie der zweite Aktivist M. sagt. "Was meinen Sie damit?", fragt Kronawetter. "Indem man sie umkreist, damit sie nicht weglaufen können", lautet die Antwort. Einmal wird M. allerdings unvorsichtig: "Während der Jagd" beginnt er, stockt und beendet den Satz mit "also, als wir sie verfolgt haben".

Verteidiger Winkler wiederum hält A. hartnäckig vor, dass er bei verschiedenen Polizeivernehmungen unterschiedliche Personen als Angreifer identifiziert hat, was der wiederum trotz anderslautender Protokolle bestreitet. Wobei: In einem Fall hat ihm die Polizei irrtümlicherweise das Foto eines Unbeteiligten vorgelegt, den er trotzdem als Kontrahenten identifizierte.

Nachdem Tolstiuk auf 16. September vertagt hat, erhalten die angeklagten Aktivisten politische Rückendeckung: "Alerta, alerta, Antifascista" skandieren rund 20 Besucher lautstark, warum, ist nicht ganz klar. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 10.9.2014)

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