Eine Hochzeit im Narrenturm

9. September 2014, 17:21
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Für das Überleben ist sie unverzichtbar, Gift jedoch für die Kunst - die Vernunft. Die Band The Very Pleasure hat sich glühenden Herzens entschieden. Ihr Debüt heißt "Kongress der Unvernunft"

Wien - Die Vernunft, dieses ambivalente Wesen. Ohne sie geht's nicht lang gut, mit ihr wird's schnell fad. Die heimische Band The Very Pleasure hat sich in ihren Präferenzen festgelegt, ihr Debütalbum heißt Kongress der Unvernunft. Ein Gipfel der Windigen, eine Enquete des Infantilen, ein Symposium der Furzkissenhumoristen. Betrachtet man die Vernunftplatzhirsche des Pop, ist klar, auf welcher Seite die Sympathien ihren Rausch ausschlafen. Will man sein wie U2, Coldplay oder Sting? Man will nicht.

The Very Pleasure ist ein Hirnkind von Fritz Ostermayer und Oliver Welter. Ersterer ist Radiomacher, der sich bei FM4 mit intellektueller Renitenz der Diktatur der Angepassten entzieht. Ein obsessiver Quertreiber, ein selbsternannter Generaldilettant.

Als solcher hat er es selbst für bürgerliche Maßstäbe weit gebracht, immerhin ist er ein Herr Direktor, jener der Schule für Dichtung. Oliver Welter ist Sänger und Gitarrist der Kärntner Band Naked Lunch, ein begnadeter Wundenlecker hinterm Mikrofon.

Die ausgerufene Unvernunft schlägt sich in zehn Liedern nieder, für die sich die beiden vor persönlichen Helden in den Staub werfen. Vor Brian Eno, John Cale, vor Discorammler Giorgio Moroder, den Ostermayer länger kennt als Daft Punk "House" sagen können, vor Lee Hazlewood oder Werner Schwab, beide selig.

Wer sich die Latte so hoch legt, weiß um die Anmaßung des Unterfangens, weiß, das wird sich nicht ausgehen. Deshalb legen sie gleich noch eins drauf: Das Cover zeigt Welter und Ostermayer in weißen Hasenkostümen, als Jihadisten in Reizwäsche mit Hasenohren. Ja, so feiert man im Narrenturm Hochzeit.

Diese Optik setzt sich im freiwilligen Elend des Videos zum Lied Sordid Pleasures fort. Dieses mutet an, als hätte Elizabeth T. Spira es aus Sozialpornorestln vom Boden ihres Schnittraums zusammengepickt. Ein (Alb-) Traum in Feinripp.

Auf Basis elektronischer Musik aus dem Laptop und unter besonderer Berücksichtigung von Brian Enos Vorlass flirtet Ostermayer mit seiner alten Liebe, dem Schlager. Das hat er vor fünfundzwanzig Jahren mit der Band Der Scheitel schon getan und später dann und leider mit der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune als Selbstkarikatur noch einmal.

Eine brüchige Welt

Damals wie heute verdeckt die heile Welt des Schlagers ihre Brüchigkeit nur unzureichend. Diese findet sich in Ostermayers Gesang wieder. Was bei Elvis das Heartbreak Hotel war, ist ihm das Espresso in der Vorstadt, in dem zwischen Kleinformat und Großkotzigkeit der Slibowitz den Kummer in den Jammer überführt.

Wie ernst es den beiden mit der Unvernunft ist, verdeutlichen Lieder wie John Cales Chorale. Zwar trägt Ostermayer an der Stimme stellenweise dick auf, doch hier strahlt dieses Unternehmen besonders.

Eine Art intellektueller Ausreißer ist die Hommage Werner an Werner Schwab. Diese bleibt milieuaffin und erklärt Leben, Tod und Kunst einfach und wirkmächtig. "Leber kommt von Schaden, Tod kommt von Saufen, Genie kommt von Genieren, Dichtsein kommt von Dichtung", singt das Duo, während Brian Eno ein mildes "Befriedigend" ins Beurteilungsheft malt. Was Meister Eno über Daniel Johnstons True Love Will Find You In The End denkt, wird wohl im Dunkeln bleiben, aber ohne ihn würde das Lied hier nicht klingen, wie es klingt.

Vergeigt wird eigentlich nur Lee Hazlewoods Pour Man. Ostermayers Vibrato ist dieser Geschichte nicht zuträglich, in der ein Eifersuchtsmörder am Vorabend seiner Hinrichtung seine Tat mit einem "vollen Herzen" rechtfertigt. Von der Umsetzung her schwach, thematisch aber natürlich eine Arschbombe ins Epizentrum der Unvernunft. (Karl Fluch, DER STANDARD, 10.9.2014)

The Very Pleasure, Albumpräsentation live: 11. 9., 3., Theater im Rabenhof, 20.00

  • Die Amigos der Unvernunft. Fritz Ostermayer und Oliver Welter veröffentlichen als The Very Pleasure ihr Debütalbum. Volles Herz trifft volle Hose.
    foto: antoniya tsinova

    Die Amigos der Unvernunft. Fritz Ostermayer und Oliver Welter veröffentlichen als The Very Pleasure ihr Debütalbum. Volles Herz trifft volle Hose.

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