Experten warnen vor schottischem Alleingang

Video10. September 2014, 12:00
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Premier Cameron und Oppositionsführer Miliband reisen gemeinsam nach Schottland, um für Abspaltungs-Nein zu werben

Neben Fragen zur künftigen Machtverteilung zwischen London und Edinburgh steht wenige Tage vor der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit erneut die Wirtschafts- und Finanzpolitik im Mittelpunkt der Debatte. Nachdem neue Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagten, schloss sich der Nobelpreisträger Paul Krugman den Warnungen britischer Bankanalysten ("Habt Angst, habt große Angst") an. Sollten die Schotten wirklich glauben, sie könnten als "Land ohne Währung" finanzielle Sicherheit genießen, "dann sind sie schlimm in die Irre geführt worden", teilte der amerikanische Ökonom mit.

Kapitalflucht in den Süden

Wirtschaftsverbände berichteten von ersten Anzeichen für eine Kapitalflucht in den Süden Großbritanniens. Auf Unionistenseite spielt nun Gordon Brown (Labour) eine führende Rolle. "Wir treffen diese Entscheidung nicht für uns, sondern für Schottlands Kinder", sagte der frühere Finanzminister und kurzzeitige Premier. Premierminister David Cameron und Oppositionsführer Ed Miliband sowie der liberaldemokratische Vizepremier Nick Clegg wollen heute, Mittwoch, gemeinsam nach Schottland reisen, um die Werbetrommel für das Nein zu rühren. Dafür fällt sogar die berühmte Fragestunde an den Premierminister aus.

In der jüngsten Befragung durch das Institut TNS wollten 38 Prozent definitiv mit Ja stimmen, 39 Prozent lehnen die Unabhängigkeit ab. Im großen Lager der noch immer Unentschlossenen scheint es aber eine Hinwendung zur Unabhängigkeit zu geben. Damit bestätigen sich Zahlen vom Wochenende, die erstmals den Nationalisten mit 51:49 Prozent den Sieg prophezeit hatten. Die Börsenwerte schottischer Finanzkonzerne (RBS, Standard Life, Aberdeen Asset Management), von Baufirmen wie Weir und dem Energieversorger SSE notierten daraufhin an der Londoner Börse um bis zu 4,8 Milliarden Pfund niedriger als in der Vorwoche. RBS und der Versicherungskonzern Standard Life haben bereits vor Monaten ihren Umzug nach England angekündigt für den Fall, dass Schottland sich abspaltet.

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Der Politiker Carwyn Jones spricht sich in einer Rede gegen den Alleingang aus.

Währungsunion

Für die Besorgnis der Wirtschaft spielt die ungeklärte künftige Währung des Landes eine wichtige Rolle. Die Edinburgher Regionalregierung unter Ministerpräsident Alex Salmond von der Nationalpartei SNP spricht von "unserem gemeinsamen Pfund" und peilt im Fall der Unabhängigkeit eine Währungsunion mit London an. Dies haben die drei landesweiten Parteien, die Koalitionspartner Konservative und Liberaldemokraten sowie die Labour-Opposition, ausgeschlossen.

"Wenn Schottland das Vereinigte Königreich verlässt, verlässt es auch das gemeinsame Pfund", betont der britische Finanzminister George Osborne. Hingegen spricht Salmond von "Bluff, Getöse und Mobbing durch das Westminister-Establishment" - und Umfragen deuten darauf hin, dass die Wählerschaft nördlich des Hadrianswalls tatsächlich ein Entgegenkommen durch London erwartet. Krugman warnt in seiner Kolumne in der New York Times vor dieser Annahme: "Die Risiken eines Alleingangs sind riesig." (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 10.9.2014)

  • Sollte Schottland das Vereinigte Königreich verlassen, müsste das Land auch das gemeinsame Pfund aufgeben, warnen Experten.
    foto: ap

    Sollte Schottland das Vereinigte Königreich verlassen, müsste das Land auch das gemeinsame Pfund aufgeben, warnen Experten.

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