Katalonischer Diskurs um Sezessionspläne

10. September 2014, 10:00
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Spanische und katalanische Experten streiten über die wirtschaftlichen Folgen einer Unabhängigkeit

Madrid - Das am heftigsten diskutierte Thema rund um das für den 9. November anberaumte Referendum über eine Unabhängigkeit Kataloniens sind dessen wirtschaftliche Facetten. Während die spanische Zentralregierung und EU-Granden nicht müde werden zu betonen, dass ein unabhängiges Katalonien "aus dem Euro ausscheiden würde" (EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia) oder "keine Pensionen mehr zahlen könnte" (Partido-Popular-Vizegeneralsekretär Carlos Floriano) und einen beträchtlichen Teil der spanischen Staatsschulden übernehmen müsste, sehen führende Ökonomen und Juristen dies ohne Fundament.

Allen voran der für seine stets farbenfrohen Outfits und sein Know-how renommierte Wirtschaftswissenschafter Xavier Sala-i-Martin, Erfinder und Autor des Wettbewerbsfähigkeitsrankings des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie Professor an der Columbia University in New York - und freilich Katalane. Er bezichtigt Madrid eines "Diskurses der Angst" und versucht dies mit seinem Arsenal an statistischen Daten und Argumenten zu entkräften.

Folgen eines Eurozonen-Auschlusses

Ein Ausschluss aus der Eurozone (sowie der EU und dem EWR) würde, "so unwahrscheinlich dieser auch sei", laut Sala-i-Martin "Spanien selbst am härtesten Treffen". Da der überwiegende Teil der Straßen- und Zugverbindungen nach Frankreich via Katalonien verlaufe, wären auch Zölle die logische Folge.

Ein rein katalanisches Steuersystem würde wegen höher Kaufkraft und Steuereinnahmen auch höhere Pensionen zur Folge haben. All dem stimmt auch Elisenda Paluzié, Dekanin der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Barcelona, im Gespräch mit dem STANDARD zu: "Niemand kann Bürger und Unternehmen, die durch die Mitgliedschaft Rechte erworben haben, aus dem Euroraum werfen." Eine Alternative im Ausschlussfall wäre jedoch, dass Katalonien den Euro weiterverwendet. Sei es ohne ein Abkommen mit der EU, wie etwa Montenegro, oder mit, wie Monaco und Andorra, räumt die Ökonomin ein: "Die Unabhängigkeit würde Katalonien dank einer starken, exportorientierten Industrie und seiner geografischen Lage auf der Weltkarte der globalen Wirtschaft positionieren", ist Paluzié überzeugt.

Die Staatsschuldencausa könne man gemeinsam lösen, sagt sie: "Wie im Fall von Tschechien und der Slowakei, indem man Aktiva und Passiva nach Bevölkerung teilt." (Jan Marot, DER STANDARD, 10.9.2014)

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