Auf der Suche nach dem besten EU-Gesundheitssystem

9. September 2014, 13:41
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Wie lassen sich Daten zur medizinischen Versorgung vergleichbar machen? Die EU-Kommission will, dass Europas Gesundheitssysteme voneinander lernen können. Am Ende soll alles besser - und billiger sein

Wien - Was tun mit dem Wust an Gesundheits- und Krankendaten, die weltweit im Netz flottieren? Diese Frage stellen sich nicht nur Fans der elektronischen Gesundheitsakte (Elga) in Österreich, besorgte Patienten, Ärzte und Datenschützer, diese Fragen beschäftigen auch die Europäische Union. Dort überlegt seit geraumer Zeit eine hochkarätig besetzte Expertengruppe, wie man das vorhandene Wissen besser vernetzen könnte. "Da haben wir Millionen von Zahlen, Daten und Fakten, und trotzdem führen sie nicht dazu, dass unsere Gesundheitssysteme signifikant besser werden", umschreibt Olivia Wigzell im Gespräch mit dem STANDARD das Dilemma.

Vernetzungsideen der EU

Wigzell ist Direktorin im schwedischen Gesundheitsministerium und leitet dort die Abteilung für Gesundheitsversorgung und öffentliche Gesundheit. Und sie stellte bei den Gesundheitsgesprächen in Alpbach die Vernetzungsideen der EU vor. "Health System Performance Assessment" heißt das Projekt, und es sollen Instrumente entwickelt werden, mit denen Europas Gesundheitssysteme quasi voneinander lernen können. Wigzell: "Es geht darum, in allen Ländern die richtigen Fragen zu stellen und daraus Antworten für eine europäische Gesundheitspolitik zu bekommen."

Schweden ist, wie Österreich, ein sogenanntes "peer country" und betreibt die systematische Datenerhebung und -auswertung seit acht Jahren. Ein Beispiel: Zahlreiche OECD-Analysen besagten in den letzten Jahren, dass in Schweden überdurchschnittlich viele Ärzte und Pflegepersonal arbeiten - allein: Die Zahl der Hauskrankenbesuche war unterdurchschnittlich gering.

Effizienz steigern

Wigzell: "Da haben wir uns gefragt: Warum ist die Effizienz in den Gesundheitsberufen so gering?" In der Folge habe sich das Gesundheitsministerium in allen schwedischen Regionen angeschaut, was Ärzte und Pflegepersonen während ihrer Dienstzeiten so machen. Dabei sei man draufgekommen, dass viel Zeit in administrative Tätigkeiten fließe - etwa Formulare ausfüllen oder Ansuchen an die Krankenkasse stellen. Wigzell: "Wir haben daraus gelernt und einige Abläufe vereinfacht." Die Zahl der Hausbesuche sei daraufhin wieder gestiegen.

Laut Wigzell gehe es darum, aus Daten allgemeingültige Erkenntnisse abzuleiten, die auch der Politik konkrete Handlungen und Reformvorschläge liefern könnten.

Große regionale Unterschiede

So kam man im Zuge der Pilotphase in Schweden darauf, dass es große regionale Unterschiede in der Rehabilitation von Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten gebe sowie in der Langzeitbehandlung von Diabetes. Wigzell: "Als wir vor acht Jahren gestartet sind, gab es großen Widerstand. Alle fürchteten, dass sie bei einem Gesundheitsranking schlecht abschneiden könnten und als die Blamierten dastehen würden." Das Gegenteil sei der Fall gewesen, berichtet die schwedische Gesundheitsexpertin: "Es sind alle auf allen Ebenen im Laufe der Jahre besser geworden."

Keine Schuldzuweisungen

In den europäischen Vorschlag zur vernetzteren Zusammenarbeit ist jedenfalls explizit eingearbeitet, dass es kein "blame game" geben dürfe - keine Schuldzuweisungen, wenn es irgendwo nicht wie gewünscht laufe. "Da können wir die Mitgliedsländer beruhigen."

In Österreich ist man längst beruhigt, mehr noch, auch hierzulande befindet man sich seit zwei Jahren in einer Pilotierungsphase. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium, sagt dazu: "Am Ende steht das Ziel, dass wir bundesländerweise veröffentlichen können, wo wir in der Gesundheitsversorgung stehen, wo wir gut sind und wo wir uns noch verbessern müssen." Ein erster Bericht an die Bundeszielsteuerungskommission steht unter dem Titel "Austrian Inpatient Quality Indicators" (A-IQI), bereits online.

Fokus in Österreich

Gestartet wurden bereits die Peer-Reviews für die "Schwerpunktindikatoren 2013", Schlaganfallversorgung und laparoskopische Gallenentfernung. Bei der Schlaganfallversorgung liegt das Augenmerk auf der Versorgungsqualität, etwa was den schnellen Transport in Spezialambulanzen oder die technische Ausrüstung der Spitäler betrifft.

Bis zu einer einheitlichen, europaweiten Qualitätskontrolle sei es noch ein langer Weg, heißt es im österreichischen Gesundheitsministerium. Vor allem Finanzielles müsse geklärt werden. Klar ist dagegen bereits, dass am Ende des Prozesses nicht nur bessere Gesundheitssysteme in Europa stehen sollen. Es geht auch um Einsparungen und mehr Effizienz. Olivia Wigzell: "Es ist kein Zufall, dass die Initiative für diese Zusammenarbeit von den Finanzministern ausging." (Petra Stuiber, DER STANDARD, 9.9.2014)

Achtung: Ab 13. 9. erscheint der MedStandard immer samstags.

  • In der Europäischen Union werden Millionen Krankenakten produziert.  Theoretisch sind sie ein Wissenspool, wenn es darum geht,  Best-Practice-Modelle in Europa zu finden und sie der Politik zu  präsentieren, sagt die schwedische Expertin Olivia Wigzell.
    foto: fritsch

    In der Europäischen Union werden Millionen Krankenakten produziert. Theoretisch sind sie ein Wissenspool, wenn es darum geht, Best-Practice-Modelle in Europa zu finden und sie der Politik zu präsentieren, sagt die schwedische Expertin Olivia Wigzell.

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