"Die ganze Nation steht hinter Putin"

Interview9. September 2014, 07:37
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Der Moskauer Stadtrat Sergej Tscherjomin sieht die Zusammenarbeit mit europäischen Großstädten durch die EU-Sanktionen nicht gefährdet

Wien – Die Absage des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin kam in allerletzter Minute. Eigentlich hätte er mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl am Montag ein erweitertes Abkommen zum bereits bestehenden Städteabkommen zwischen Wien und Moskau unterzeichnen sollen. Doch nun scheinen – zumindest offiziell – die städtischen Dumawahlen am nächsten Sonntag Moskaus ranghöchsten Politiker daran gehindert haben.

Gemunkelt wurde in österreichischen Politkreisen jedoch auch, dass die Absage des Besuchs eine Folge der abgekühlten Beziehungen zwischen der EU und Russland sein soll. Immerhin hat Prag vergangene Woche seine Städtepartnerschaft mit Moskau und St. Petersburg aufgrund der Entwicklungen in der Ukraine suspendiert und andere europäische Städte aufgefordert, diesem Beispiel ebenfalls zu folgen.

In Wien sieht man derzeit keinen Grund, die bis 2017 gültige Partnerschaft mit Moskau infrage zu stellen. Und Stadtrat Sergej Tscherjomin, der den Moskauer Bürgermeister dieser Tage in Wien vertritt, sieht im Gespräch mit derStandard.at die Aktion Prags gelassen und glaubt nicht an eine Folgewirkung.

derStandard.at: Warum hat Moskaus Bürgermeister Sobjanin den Besuch in Wien so kurzfristig abgesagt?

Tscherjomin: Er hat ihn nicht abgesagt, sondern nur verschoben. Es gibt dafür keinen politischen Hintergrund. Wir hatten nur gerade den Moskauer Städtetag mit fünf Millionen Besuchern und Teilnehmern, mit vielen verschiedenen Konzerten und Veranstaltungen. Und nächste Woche haben wir Kommunalwahlen, wo er auch engagiert ist. Es ist einfach alles zusammengekommen.

Moskau und Wien haben ein sehr gutes Verhältnis. Und wir sind übereingekommen, dass der Besuch von Bürgermeister Sobjanin nächstes Jahr nachgeholt wird.

derStandard.at: Nächstes Jahr um diese Zeit?

Tscherjomin: Nein, viel früher. Wir haben Bürgermeister Häupl auch erklärt, welche Umstände zur Absage geführt haben.

derStandard.at: Es hat also nichts damit zu tun, dass Prag in der vergangenen Woche die Städtepartnerschaft mit St. Petersburg und Moskau aufgrund der Ukraine-Krise auf Eis gelegt hat?

Tscherjomin: Nein, uns kümmert die Position Prags nicht. Die russische Kultur war immer sehr reich, das kann von einzelnen politischen Entscheidungen nicht beeinflusst werden.

derStandard.at: Sie befürchten also nicht, dass andere europäische Städte möglicherweise nachziehen?

Tscherjomin: Wir haben gerade jetzt sehr, sehr aktive Beziehungen mit allen größeren europäischen Städten. Viele Bürgermeister haben Einladungen an Herrn Sobjanin geschickt. Prag spielt eben sein eigenes Spiel. Das beeinflusst unsere Beziehung zu anderen europäischen Städten in keiner Weise.

derStandard.at: Die Kommunalpolitik ist also nicht von der internationalen Politik und deren Entscheidungen, wie den Sanktionen, beeinflusst?

Tscherjomin: Nein, da besteht kein Zusammenhang. All diese Missverständnisse auf den höheren politischen Ebenen haben keinen Einfluss.

derStandard.at: Sieht das der Wiener Bürgermeister genauso wie Sie?

Tscherjomin: Wir hatten ein sehr freundliches, ehrliches Gespräch. Und das wollen wir aufrechterhalten und weiter ausbauen. Wir wollen unsere Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich oder im Gesundheitsbereich verbessern. Wir haben zum Beispiel heute darüber gesprochen, dass wir unser medizinisches Personal in Wien ausbilden lassen oder unsere Beamte auch in Wien studieren lassen, um Erfahrungen zu teilen. Es war ein sehr fruchtbares Treffen.

derStandard.at: Wie sehen die Moskauer Bürger die Partnerschaft mit europäischen Städten? Immerhin gibt es ja doch auch große Kritik in Russland an der europäischen Position im Ukraine-Konflikt. Warum dann also noch eine Partnerschaft?

Tscherjomin: Alle Moskauer Bürger unterstützen die Partnerschaften in Europa. Niemand wird seinen Urlaub in Wien oder Österreich stornieren aufgrund der internationalen Politik.

derStandard.at: Aber die Umsätze und Nächtigungen von russischen Staatsbürgern gehen zumindest in Österreich zurück.

Tscherjomin: Ich reise viel und bin immer überall freundlich willkommen geheißen worden. Auch bei meinen Gesprächen mit Großunternehmern höre ich immer wieder, dass sie die Politik ihrer Regierungen nicht verstehen. Das Problem: Alles, was man in Europa sieht – neunzig Prozent der Information, die hier in den Massenmedien veröffentlicht wird –, ist nicht wirklich korrekt.

derStandard.at: Warum?

Tscherjomin: Die Rechte der Leute, die in der Ostukraine leben, werden komplett ignoriert. Das Recht, Russisch zu sprechen, oder dass diese Menschen ihre Häuser und ihren Besitz plötzlich verteidigen müssen. Könnten Sie sich vorstellen, dass zum Beispiel Niederösterreich Wien bombardiert, weil es einige Ideen und Gesetze nicht befolgt? Dass zum Beispiel plötzlich Ungarisch verboten ist und man nur Deutsch sprechen darf?

Doppelmoral ist im Westen sehr verbreitet. Aber ich bin sicher, dass der Pragmatismus die Basis einer Beziehung sein muss und nicht die Hysterie, die nun verbreitet wird.

derStandard.at: Verstehen Sie, dass viele europäische Politiker Putin nicht mehr über den Weg trauen?

Tscherjomin: Um ehrlich zu sein, ich vertraue auch vielen europäischen Politikern nicht, weil ich sie schon jahrelang kenne. Es geht hier um Sympathien, manchmal vertraut man einander eben, manchmal nicht. Das ist so in der Politik. Nur einigen wenigen Politikern ist es vergönnt, dass ihnen die Bevölkerung bis ans Ende ihrer Karriere vertraut.

derStandard.at: Hat Putin das Vertrauen der russischen Bevölkerung?

Tscherjomin: Meiner Meinung nach hat ihm die russische Bevölkerung noch nie mehr vertraut, als das jetzt der Fall ist. Die ganze Nation steht hinter ihm. Die Sanktionen der EU bringen vielleicht kurzzeitig Negativeffekte für die russische Wirtschaft, aber wir haben jetzt Aktivitäten mit all den anderen Staaten, die für die bisherigen europäischen Exporte einspringen wollen. Diese Nische wird schnell von Lateinamerika, Asien und Nordafrika gefüllt werden.

Das große Problem, das ich für die EU sehe, ist, die europäischen Wirtschaftsbeziehungen dann, nachdem die Sanktionen wieder fallen, zu Russland wieder aufzunehmen. Europäische Staaten sollten deshalb einen unabhängigen Ansatz verfolgen und sich nicht von den USA diktieren lassen, wie die Beziehungen zu Russland auszusehen haben.

Das Interesse der österreichischen Unternehmen beim ökonomischen Forum während der Moskau-Tage hier ist sehr hoch. 300 haben sich gemeldet. Damit haben wir nicht gerechnet. Das zeigt mir: Diejenigen, die "on the ground" arbeiten, halten an den Beziehungen fest. (Teresa Eder, derStandard.at, 8.9.2014)

Sergej Tscherjomin ist seit September 2010 Moskauer Stadtrat bzw. Stadtminister für Außenwirtschaft und internationale Beziehungen. Zuvor war er im russischen Bankensektor tätig.

  • Ein Supermarkt in Moskau.
    foto: reuters/zmeyev

    Ein Supermarkt in Moskau.

  • Stadtrat Sergej Tscherjomin will die Beziehungen zwischen Wien und Moskau weiter vertiefen.
    foto: büro cheremin

    Stadtrat Sergej Tscherjomin will die Beziehungen zwischen Wien und Moskau weiter vertiefen.

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