Sudan brüskiert alten Verbündeten Iran

Analyse9. September 2014, 05:30
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Die guten Beziehungen zwischen Khartoum und Teheran waren für die Golfaraber, von denen der Sudan wirtschaftlich abhängig ist, von jeher ein Ärgernis. Nun schließt der Sudan iranische kulturelle Einrichtungen - wegen angeblicher schiitischer Missionsaktivitäten

Khartoum/Teheran/Wien - Teheran hatte es anfänglich dementiert, aber der sudanesische Außenminister Ali al-Karti bestätigte der Zeitung Asharq al-Awsat die Meldung: Khartoum hat das iranische Kulturinstitut und seine Einrichtungen im Sudan am Wochenende geschlossen und Irans Kulturattaché ausgewiesen - zur großen Befriedigung von sunnitischen Würdenträgern im Land. Als Begründung wird die von den Zentren ausgehende schiitische Mission angeführt. Yussuf al-Kordofani, der Sprecher des Außenministeriums - bis vor kurzem sudanesischer Missionschef in Wien -, bezeichnete die iranischen Aktivitäten als "Gefahr für die intellektuelle und soziale Sicherheit" im Sudan. Es sollen auch schiitische Privatschulen im Land unter die Lupe genommen werden.

Der Vorwurf eines geheimen Schiitisierungsprojekts der sunnitischen Welt wird gegen den Iran immer wieder erhoben und ist auch im Sudan nicht neu, wo sich die Schia in den vergangenen Jahren vermehrten Zulaufs erfreuen soll und sich parallel dazu die sunnitische Front gegen Schiiten verhärtet hat. Die Sudan Tribune zitierte den Chef der sudanesischen Ansar al-Sunna, Ismail al-Mahdi: Die Schiiten hätten eine "andere Religion" und stünden "dem Heiligen Koran skeptisch" gegenüber. Diese Meinung ergibt sich aus der divergierenden Sicht von Sunniten und Schiiten auf die frühislamische Geschichte. Schiiten werden deshalb oft der "Beleidigung der Prophetengefährten" beschuldigt.

Aber bei der Krise der sudanesisch-iranischen Beziehungen geht es um viel mehr als um Religion. Teheran und Khartoum, die nach der Machtergreifung von Präsident Omar al-Bashir 1989 zusammenrückten, unterzeichneten 2008 ein militärisches Kooperationsabkommen. Der Sudan spielt seitdem eine wichtige Rolle bei der iranischen Politik gegen Israel. Israel hat in den vergangenen Jahren mehrmals Einrichtungen im Sudan bombardiert, etwa 2012 die Yarmuk-Waffenfabrik bei Khartoum, wo angeblich iranische Waffenlieferungen für die Hamas und andere radikale Gruppen vorbereitet wurden.

Der Hafen von Port Sudan

Der Hafen in Port Sudan wurde mit der Zeit zum wichtigen Anlaufhafen für iranische Schiffe - zum wachsenden Missbehagen Saudi-Arabiens auf der anderen Seite des Roten Meers. Auch die sudanesischen Beziehungen zu Ägypten, wo der saudi-arabische Einfluss größer ist denn je, haben sich seit dem Umsturz in Kairo im Juli 2013 - als der Muslimbruderpräsident Mohammed Morsi von den Militärs abgesetzt wurde - verschlechtert.

Der Sudan ist wirtschaftlich stark von den arabischen Golfländern abhängig. Die arabische Unzufriedenheit über die engen Bindungen Khartoums an Teheran ist seit langem ein unterschwelliges Thema in der sudanesischen Innenpolitik. Es stehen die Interessen des Verteidigungsministeriums - das den Waffenkanal von Teheran nicht verlieren will - gegen jene des Außenministeriums, das auf gute Beziehungen zu den Arabern setzt.

Auch wenn noch unklar ist, ob die aktuelle Entwicklung zu einer echten strategischen Kehrtwende wird: Mit dem Affront gegen den Iran durch die Schließung der Kultureinrichtungen hätte sich demnach die sudanesische Diplomatie gegen das Militär durchgesetzt. Die Entwicklung gilt auch als Stärkung des Ersten Vizepräsidenten Bakri Hassan Salih, der seit Dezember 2013 in diesem Amt ist und als Nachfolger für den geschwächten Omar al-Bashir gehandelt wird. Damals war es nach Protesten gegen Preiserhöhungen zu einem Umbau in der sudanesischen Führung gekommen.

Die libysche Front

Druck auf Khartoum kommt auch wegen seiner angeblichen Hilfe für die Islamisten in Libyen. Am Sonntag gab die libysche Regierung bekannt, dass ein sudanesisches Militärflugzeug mit Waffen für die Rebellen aufgebracht wurde. Auch hier würde der Sudan gegen die deklarierten Interessen Ägyptens, das ein Einsickern über seine Grenze zu Libyen befürchtet, und Saudi-Arabiens verstoßen. Es soll ja bereits Luftangriffe der Luftwaffe der Vereinten Arabischen Emirate, mit ägyptischer Unterstützung und saudischer Zustimmung, auf Islamisten in Libyen gegeben haben. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 9.9.2014)

  • Den Saudis auf der anderen Seite ein Dorn im Auge: Ein iranisches Kriegsschiff in Port Sudan im Roten Meer, Archivbild vom Dezember 2012.
    foto: reuters/stringer

    Den Saudis auf der anderen Seite ein Dorn im Auge: Ein iranisches Kriegsschiff in Port Sudan im Roten Meer, Archivbild vom Dezember 2012.

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