Virtuoser Spätsommer in Piran

8. September 2014, 17:44
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Der Komponist Giuseppe Tartini ist der berühmteste Sohn von Piran – und heute noch recht dominant in der beschaulichen slowenischen Stadt

Piran ist ein Piranha. Man kann’s nicht anders sagen. Dieses kleine Städtchen im nördlichen, slowenischen Teil der istrischen Halbinsel schnappt bereits beim Betreten nach dem Besucher und lässt ihn nicht mehr los – aber gleichzeitig verwirrt es. Auf den ersten Blick schaut alles so venezianisch aus und auf den zweiten doch wieder nicht.

Da gibt es zunächst einmal den rotleuchtenden, typisch gotischen Palazzo, der aber viel kleiner ist als die kleinsten in der Lagunenstadt. Dahinter viele enge, verwinkelte Gassen, in denen man sich ebenso leicht verirren kann wie in Venedig – allerdings ohne Kanäle. Auf dem Hügel wiederum thront eine exakte Kopie des Campanile auf dem Markusplatz. Doch irgendetwas an ihm ist anders. Ja, er ist aus grauem Mergel erbaut statt aus roten Ziegelsteinen. Und so hält einen Piran mit seinem „Entdecken Sie den Unterschied“- Spiel während des ganzen Besuches auf Trab.

Alte Umkehrschleife

Herzstück des Ortes ist die Piazza Tartini. Einst ein kleiner Hafen, ist er jetzt zugeschüttet, und in seiner Mitte kennzeichnet eine Marmorellipse die ehemalige Umkehrschleife der Straßenbahn in das benachbarte Portorož. Namensgeber ist der hier geborene Barockkomponist Giuseppe Tartini (1692–1770), dessen Geburtshaus, in dem sich ein kleines Museum befindet, an der Stirnseite des Platzes prangt.

Tartinis Vater war Verwalter der heute noch existierenden Salinen. Den Sohn hatte er für eine geistliche Karriere bestimmt und schickte ihn zum Jus-Studieren nach Padua. Der jedoch schlug gründlich aus der Art, verbrachte seine Zeit lieber mit Fechten und heiratete eine ältere Frau aus „niederen Ständen“.

Vor dem Zorn des allmächtigen Patriarchen musste er drei Jahre lang in ein Kloster in Assisi fliehen. Dort entschied sich sein weiteres Schicksal insofern, als er im Kloster auf nahezu autodidaktischem Wege das Geigenspiel erlernte. Nach der Versöhnung mit dem endlich besänftigten Papa wurde er in Prag und Padua zu einem der bedeutendsten Violinvirtuosen, Violintheoretiker und einem der produktivsten Komponisten seiner Zeit.

Dominanter Geiger

Mit diesem erworbenen Ruhm überschattet Tartini das kleine Piran. In der Mitte der Piazza steht ein monumentales Denkmal zu seinen Ehren, das ungewöhnlich ist, weil Maestro Tartini seine Geige hinter dem Rücken quasi versteckt. Mit dem riesigen Geigenbogen, der eher einem Degen ähnelt, scheint er seinen Geburtsort fuchtelnderweise wie aus Rachsucht zu bedrohen. Auch sonst ist er hier recht dominant: Da gibt es ein Café Tartini, ein Ristorante Tartini, ein Albergo Tartini und das Teatro Tartini.

Seltsam ist nur, dass dieses entzückende Nest, das den Namen seines berühmtesten Sohnes bis aufs Letzte verwertet, eines verweigert: das aus Musiker-Initiative entstandene und jährlich im September – heuer noch bis am 10. 9. – stattfindende Tartini-Festival auch nur mit einem Eurocent zu unterstützen.

Auch zwischen den Kammermusikkonzerten international renommierter Ensembles in so berückenden Spielorten wie der Kirche San Giorgio empfiehlt es sich, durch die überschaubare Altstadt zu lustwandeln. Besonders einladend ist der alte Hauptplatz, unter dessen Pflaster sich ein für Dürrezeiten angelegtes Trinkwasserreservoir verbirgt. Die Einheimischen treffen sich noch immer lieber hier als auf dem „neumodischen“ Tartini-Oval.

Beitrag zur Entspannung

Die Atmosphäre in dieser ehemals venezianischen Stadt ist heute eher von slowenischer Gelassenheit denn von italienischer Ausgelassenheit geprägt. Und die italienische Minderheit macht mittlerweile nur noch 10 Prozent der Einwohner aus. Doch Piran trägt auch auf andere Art zur Entspannung des Gastes bei: Es ist ein überraschend günstiges Ausflugsziel geblieben.

Ein Glas der hervorragenden Weine Malvazija – weiß – und Refosco – rot – gibt es nahezu überall um den unglaublichen Preis eines einzigen Euros; und fangfrischen Tintenfisch um nicht weniger bescheidene acht. Kein Wunder also, dass unsere Landsleute hier häufig und massiv anzutreffen sind. Wer ihre gelegentlich auch lautstarke Gegenwart nicht scheut, kann hier goldene Herbsttage erleben. (Robert Quitta, Album, DER STANDARD, 06.09.2014)

Touristische Info: Portorož und Piran

Tartini-Festival: Programm und Info

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Spirit Slovenia.

  • Die Giuseppe-Tartini-Statue vor dem Piraner Campanile.
    foto: picturedesk / karl thomas

    Die Giuseppe-Tartini-Statue vor dem Piraner Campanile.

  • Auf einem Hügel in Piran thront eine exakte Kopie des Campanile auf dem Markusplatz.

    Auf einem Hügel in Piran thront eine exakte Kopie des Campanile auf dem Markusplatz.

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