Der Jihadist, der Frankreich Angst macht

9. September 2014, 05:30
143 Postings

In Paris wächst die Angst, seit im Vorjahr ein Franzose im Jüdischen Museum in Belgien einen Anschlag verübte. Der Attentäter Mehdi Nemmouche hatte seine Ausbildung offenbar von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" erhalten - wie so viele andere Syrien-Reisende

Tagsüber scherzte er gerne, dazu trällerte er die Melodie des Chansons "Douce France" mit der Zeile: "Sanftes Frankreich, liebes Land meiner Kindheit". Nachts griff Mehdi Nemmouche zum Knüppel. "Wenn er nicht sang, folterte er", erzählte Nicolas Hénin, einer von vier französischen Journalisten, die in Syrien von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) Mitte 2013 entführt worden waren, bevor sie ein Jahr später wahrscheinlich dank einer Lösegeldzahlung freikamen.

Brutaler Wärter

Nemmouche war einer der brutalsten Kerkermeister. Er habe die syrischen Gefangenen im Nebenzimmer malträtiert und erst gegen Morgen davon abgelassen, meinte Hénin. Die westlichen Gefangenen wurden "nur" geschlagen; aber sie erinnern sich gut an Nemmouche, der als einer von wenigen Wärtern nicht ständig vermummt war.

Sein Name ist in Frankreich und Belgien wohlbekannt: Der 29-jährige Franzose algerischer Herkunft soll im Mai bei einem Mordanschlag auf das Jüdische Museum von Brüssel vier Menschen erschossen haben. Knapp eine Woche später wurde er in Marseille bei einer Personenkontrolle verhaftet. Nach Belgien ausgeliefert, soll er am kommenden Freitag erstmals vor Gericht antreten.

In Frankreich wirft sein Fall ein sehr präzises Schlaglicht auf die Gefahr durch "Syrien-Rückkehrer". 700 Franzosen sind in den Krieg nach Syrien und neuerdings auch in den Irak gereist. Die Behörden versuchen seit Monaten die Aus- und Wiedereinreise junger Jihadisten zu verhindern.

Vereitelter Anschlag

Am Montag enthüllte die Zeitung "Libération" Einvernahmeprotokolle der vier freigelassenen Journalisten, laut denen Nemmouche insbesondere nach Paris reisen wollte, um einen Anschlag während des französischen Nationalfeiertages zu verüben. Am vergangenen 14. Juli standen die Antiterroreinheiten demnach in Alarmbereitschaft, um allfälligen Komplizen zuvorzukommen.

Unklar bleibt, ob Nemmouche die Prominententribüne, die Truppenparade oder die Zehntausenden von Zuschauern ins Visier nehmen sollte. Gegenüber den Geiseln prahlte er mit einem Anschlag "von der fünffachen Stärke Merahs" - Mohammed Merah hatte 2012 in Toulouse und Montauban sieben Menschen, darunter jüdische Schulkinder, bei mehreren Einsätzen erschossen.

Nemmouche hat ein ähnliches Täterprofil: In einer französischen Vorstadt aufgewachsen, fiel der orientierungslose Jugendliche der Polizei zuerst mit einem Raubüberfall auf, bevor er zum erklärten Antisemiten und Frankreich-Hasser mutierte.

Darauf reiste er in den Bürgerkrieg nach Syrien, obwohl er laut dem französischen Geheimdienst DGSI weder Arabisch sprach, noch den Koran kannte. Wie so viele "Europäer" wurde er vom IS auf subalternen Posten, etwa als Koch oder eben Geiselwärter, eingesetzt - und nach einer rudimentären Waffenausbildung wieder zum "Einsatz" nach Frankreich zurückgeschickt. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 9.9.2014)

  • Das Attentat in Brüssel im Mai versetzte viele Juden in Europa in Angst und Schrecken. Jetzt wurde bekannt, dass der Attentäter aus Frankreich von Terroristen in Syrien ausgebildet wurde
    foto: epa/olivier hoslet

    Das Attentat in Brüssel im Mai versetzte viele Juden in Europa in Angst und Schrecken. Jetzt wurde bekannt, dass der Attentäter aus Frankreich von Terroristen in Syrien ausgebildet wurde

Share if you care.