"Wir brauchen die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt"

Interview9. September 2014, 05:30
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Bildungsexperte Andreas Salcher empfiehlt der ÖVP, sich als Bildungspartei zu positionieren

derStandard.at: Herr Salcher, Sie haben schon etliche Vorschläge zur Reform des österreichischen Bildungssystems gemacht. Wieso sollte die ÖVP gerade jetzt auf Sie hören?

Salcher: Ich bin nicht der Berater der ÖVP. Der Vizekanzler hat mich gebeten, meine Ideen einzubringen. Er wollte hier signalisieren, dass ein wesentliches Umdenken an der Parteispitze stattfindet, was die Bildungspolitik betrifft. Ich glaube auch, dass die ÖVP gut beraten ist, sich als Bildungspartei zu positionieren. Wenn sie keine Bildungspartei ist, was ist sie dann? An oberster Stelle müssen die Interessen der Kinder stehen. Wenn die Regierung sagt, dass sich die österreichische Bildungspolitik an den primären Interessen der Kinder ausrichten muss, dann ergeben sich automatisch Konsequenzen für eine neue Bildungspolitik.

derStandard.at: Sie wurden von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ins Team geholt. Der Obmann macht aber nicht die ganze Partei aus. Denken Sie, dass die ÖVP eine einheitliche Linie finden kann?

Salcher: Ich glaube, dass es in der ÖVP eine breite Mehrheit gibt für eine Bildungsreform. Das ist auch bei der SPÖ, den Grünen und den Neos so. Das Land ist schon lange reif für eine grundlegende Bildungsreform. Die Eltern erleben das Leiden der Kinder in der Schule, die Lehrer sind zum Großteil unzufrieden mit dem bestehenden System, und auch aus wirtschaftlichen Gründen muss im Bereich Bildung endlich etwas passieren. Der Boden ist also aufbereitet.

Ich glaube, dass der Vizekanzler nun stark genug ist, um auch parteiintern klarzumachen, dass eine Reform der Bildungslandschaft oberste Priorität hat. Auch vonseiten der Länder wurde kritisiert, dass keine offensive Bildungspolitik gemacht wird. Mitterlehner wird hier Rückenwind bekommen. Die Probleme liegen in der Umsetzung und im Detail. Hier wird man sehen, ob es bei Ankündigungen bleiben wird oder man wirklich etwas verändern will.

derStandard.at: Wenn Sie morgen mit einer Reform beginnen könnten, was würden Sie als Erstes anpacken?

Salcher: Eine geschichtsträchtige Handlung wäre es, zu sagen, dass wir die besten Kindergärten und Volksschulen der Welt wollen. Das ist das oberste Ziel. Egal wie man zur Gesamtschule steht, die soziale Benachteiligung und die Vererbung von Bildung kann man dort kaum mehr korrigieren. Das muss in Kindergarten und Volksschule passieren, da ist sich auch die Wissenschaft einig. Von allen Maßnahmen wäre das die strategisch wichtigste, und ich glaube, dass sie eine breite Unterstützung im Parlament und in der Öffentlichkeit finden würde. Wenn die Regierung das umsetzt, würde sie in die Geschichte eingehen und sich vor Zustimmung nicht retten können.

Was wir ebenso dringend brauchen, ist eine echte Autonomie der Schulen und mehr Ganztagsangebote. Die internationalen Privatschulen in Österreich sind echte Ganztagsschulen. Dort sind die Kinder, die Lehrer und die Eltern hoch zufrieden. Dieses Modell sollte es daher für alle Kinder geben.

derStandard.at: Bleiben wir bei den Kindergärten: Wie soll eine Aufwertung genau aussehen?

Salcher: In Deutschland wird massiv in die Kitas (Anm.: Kindertagesstätten) investiert. Dort ist man schon einen Schritt weiter. Das Entscheidende ist, dass im Zuge der Finanzausgleichsverhandlungen das nötige Geld zur Verfügung gestellt wird. Der Beruf der Kindergartenpädagogin muss ein akademischer werden, der auf dem letzten Stand der Wissenschaft beruht. Kindergartenpädagogin und Volksschullehrerin sind für mich die wichtigsten Zukunftsberufe dieses Landes.

derStandard.at: Entgegen früheren Ankündigungen sind die Kindergartenpädagogen und -pädagoginnen im neuen Lehrerdienstrecht nicht berücksichtigt worden. Sie werden weiterhin nicht auf Hochschulen oder Universitäten ausgebildet. Wie realistisch ist es, dass man hier rasch eine neue Lösung findet?

Salcher: Für unrealistisch halte ich es nicht. Jetzt ist eine Chance auf einen Neuanfang da. Diese sollten wir nützen.

derStandard.at: Aber das Lehrerdienstrecht wurde von der Regierung doch als Erfolg gewertet?

Salcher: Ich halte es für einen gescheiterten Entwurf. Ich würde das neue Lehrerdienstrecht nie in Kraft treten lassen. Die Regierung wäre gut beraten, danach zu fragen, wie das Lehrerbild im 21. Jahrhundert aussieht. Auch der Rechnungshof hat nachgewiesen, dass das neue Lehrerdienstrecht entgegen allen Prognosen noch teurer sein wird als das alte. Alle sind unglücklich mit diesem neuen Dienstrecht. Der Fehler, den man dort gemacht hat, war, zu fragen, wie man mehr Stunden ein wenig billiger in das Schulsystem transportieren kann, ohne sonst etwas grundlegend zu verändern.

derStandard.at: Zurück zu den Kindergärten: Sie fordern ein höheres Einstiegsgehalt für Kindergartenpädagogen und -pädagoginnen. Denken Sie, dass Länder und Gemeinden, die für die Entlohnung zuständig sind, da mitmachen werden? Immerhin geht es hier um viel Geld.

Salcher: Im Zuge von Finanzausgleichsverhandlungen muss man dafür sorgen, dass die Gemeinden die nötigen Ressourcen erhalten. Wir haben für die Rettung der Banken Milliarden ausgegeben. Es kann nicht sein, dass wir die Zukunft unseres Landes aufs Spiel setzen, weil die Kindergärten in die Kompetenz der Gemeinden fallen und diese zu wenig Geld haben.

derStandard.at: Die ÖVP fordert ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für all jene Kinder, bei denen ein zusätzlicher Förderbedarf – vor allem im Bereich der deutschen Sprache – besteht. Ist das sinnvoll?

Salcher: Absolut. Wir brauchen ein zweites Kindergartenjahr, aber für alle Kinder. Wir müssen deutlich mehr in die Qualität investieren. Die skandinavischen Länder machen das schon lange vor. Es braucht eine bessere Ausbildung und eine deutliche Aufwertung dieser Tätigkeit. Wenn das gelingt, wird man auch mehr Männer für diesen Beruf begeistern können. Auch viele Probleme der Migrationsproblematik können wir dort lösen.

derStandard.at: Wie soll man die Volksschulen aufwerten?

Salcher: Wir haben ein großes Defizit in der systematischen Schulentwicklung und in der konsequenten Lehrerfortbildung. Hier muss mehr getan werden. Lehrerfortbildung heißt nicht nur, dass man ein paar Kurse besucht. Fortbildung soll primär am Schulstandort selbst stattfinden. Die Volksschuldirektorin soll die Möglichkeit haben, mit ihrem Team den Schulstandort weiterzuentwickeln. Gerade in der Volksschule sollte man sportliche, künstlerische und soziale Begabungen gleichrangig mit den kognitiven fördern. Da muss sich etwas ändern.

derStandard.at: Sollten Volksschulen auch ganztätig Betreuung bieten?

Salcher: Ich finde den Ausbau der Ganztagsschule ab der Mittelstufe sinnvoll. In der Volksschule verstehe ich viele Eltern, die ein Ganztagsangebot ablehnen. Hier könnte man aber eine Wahlmöglichkeit anbieten.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass viele Pflichtschulabgänger in Österreich nicht sinnerfassend lesen und schreiben können?

Salcher: Die Problematik beginnt vor dem Schuleintritt. Kinder haben ihre eigene Sprache zu Hause teilweise nie richtig gelernt. Sie kommen dann in die Schule und schleppen diesen Nachteil mit. Es gibt Schulsysteme, in denen Kinder mit Migrationshintergrund gezielt gefördert werden. Kanada etwa ist ein deklariertes Einwanderungsland mit einer konsequenten Einwanderungspolitik. Dort sprechen die Kinder von Einwanderern nach der ordentlichen Schulzeit besser Englisch als die in Kanada geborenen Kinder. Das zeigt, was ein gutes Schulsystem an Nachteilen kompensieren kann. Davon kann auch Österreich lernen.

derStandard.at: Die FPÖ thematisiert immer wieder, dass in einigen Schulen Österreichs der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist. Sehen Sie das als Problem?

Salcher: Das Problem ist die Koppelung von bildungsfernen Elternhäusern und Migrationshintergrund. Wenn in einer solchen Klasse auch Kinder aus bildungsfernen österreichischen Familien sitzen, dann führt die Spirale nach unten. Hier ist es auch mit zwei oder drei Lehrern sehr schwierig, diese Nachteile auszugleichen. Deshalb muss man das mit allen Mitteln in Kindergärten und Volksschulen versuchen.

derStandard.at: Hat Reinhold Mitterlehner für seine Taskforce Bildung ein innovatives Team zusammengestellt?

Salcher: Ich möchte hier nicht vorausgreifen. Fest steht, dass es sich um eine unabhängige Expertengruppe handeln wird, die nun Vorschläge erarbeitet. Reinhold Mitterlehner wird sich daraus seine eigene Meinung bilden und dann auf den Koalitionspartner zugehen. (Elisabeth Kleinlercher, derStandard.at, 8.9.2014)

Andreas Salcher (54) ist Berater und Buchautor, ehemaliger ÖVP-Politiker und Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule.

  • Laut Bildungsexperte Andreas Salcher ist Österreich schon lange bereit für eine grundlegende Bildungsreform.
    foto: urban

    Laut Bildungsexperte Andreas Salcher ist Österreich schon lange bereit für eine grundlegende Bildungsreform.

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