Wiesenthal-Institut als Gegenpol zu wachsendem Antisemitismus 

8. September 2014, 15:39
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Am Montag begannen die Umbauarbeiten am Rabensteig in Wien. Die Festredner warnten vor neuem Antisemitismus

Wien - Der neue Standort für das Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien (VWI) am Rabensteig in der Innenstadt könnte historisch nicht besser eingebettet sein: In unmittelbarer Nähe befinden sich der Stadttempel in der Seitenstettengasse, der Morzinplatz, wo von 1938 bis 1945 die Zentrale der Gestapo war, und die Salztorgasse 6. An jenem Ort führte Simon Wiesenthal jahrzehntelang seinen Kampf gegen das Vergessen der Kriegsverbrechen.

Am Montag wurde in Anwesenheit von Vertretern aus der Politik, der Kultusgemeinde und von Wiesenthals Tochter Paulinka Kreisberg mit der Einmauerung einer Gedenkrolle symbolisch der Grundstein gelegt. Das Gebäude wird nun saniert und soll ab November nächsten Jahres in Vollbetrieb gehen.

"Es ist ein Tag großer Freude", sagte Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), in seiner Ansprache. Das Institut ist ein starker Impuls für die Holocaust-Forschung und soll Wien in den kommenden Jahren endgültig zu einem weltweit führenden Standort in diesem Bereich etablieren. Künftig wird den Wissenschaftern mit mehr als 1.353 Quadratmeter deutlich mehr Platz zur Verfügung stehen.

Das Institut wurde 2008 gegründet und beherbergt den Großteil der Dokumente von Simon Wiesenthal, Shoa-relevante Teile des Archivs der IKG und ca. 11.000 Bände zum Thema.

"Antisemitismus und Vorurteile nicht ausgestorben"

Gerade inmitten des neu erstarkten Judenhasses sei es wichtig, ein Forschungszentrum als Gegenpol zu schaffen, das sich mit Antisemitismus beschäftigt, sagte IKG-Präsident Deutsch. "Jede Gegenwart muss sich ihr Verhältnis zur Vergangenheit neu erarbeiten, nur so verhindern wir die Wiederholung", mahnte Georg Graf, Vorstandsvorsitzenden des Wiesenthal-Instituts. Daher sei auch die heutige Politik und Zivilgesellschaft gefragt, sowohl gegen den traditionellen als auch gegen den neuen islamischen Judenhass verstärkt aufzutreten.

Auch andere Festredner nutzten die Gelegenheit, um nicht nur die Bedeutung des neuen Wissenschaftsstandorts zu betonen, sondern auch vor neuen Formen des Antisemitismus zu warnen. "Antisemitismus und Vorurteile sind nicht ausgestorben. Dafür zu sorgen, dass sie nicht die Oberhand in einer Gesellschaft gewinnen, ist eine über alle Parteigrenzen hinweg entscheidende und wichtige Aufgabe", sagte Bundeskanzler Werner Faymann. Nur durch eine historische Aufarbeitung und durch eine positive wirtschaftliche und soziale Entwicklung einer Gesellschaft könne man Nationalisten und Hasspredigern den Nährboden entziehen.

Von einer historischen, moralischen und politischen Verpflichtung, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, sprach Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny: "Wien ist ein guter Standort für die Erforschung der Shoa. Denn sie war kein Schicksal, sondern eine Abfolge von klar analysierbaren Ereignissen." Künftige Generationen sollen nachvollziehen können, wie es zu den Verbrechen an Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden kommen konnte.

Gerechtigkeit statt Rache

Ariel Muzicant, ehemaliger IKG-Präsident, wählte ebenfalls kritische Worte: "Ich habe mir überlegt, was Simon Wiesenthal selbst heute sagen würde. Dass es wieder möglich ist, dass Synagogen brennen, hätte ihn zutiefst schockiert und getroffen." Deshalb wünschte sich Muzicant nicht nur klare Signale vonseiten der österreichischen und europäischen Politik, sondern auch verschärfte Gesetze und Strafen, etwa für die Unterstützung von Islamismus.

"Simon Wiesenthal war kein beliebter Zeitgenosse", erinnerte Muzicant. Denn er habe den Menschen in Wien gesagt, was sie nicht hören wollten. Doch gerade mit seinem Zugang - Gerechtigkeit statt Rache - habe er die Demokratie in Österreich vorangetrieben. (Julia Schilly, derStandard.at, 8.9.2014)

Finanzierung und Standortwahl

Der Standort Rabensteig 3 stand schon zu Beginn zur Debatte. Später wurde eher das Palais Strozzi in der Josefstadt in Erwägung gezogen, doch das frühere Finanzamt erwies sich als zu groß und teuer. Wegen offener Details zwischen Bund und Stadt Wien, die anteilig finanzieren, wurde der Start der Adaptierung mehrmals verschoben. Im Sommer wurde schließlich die Rathaus-Förderung fixiert. Jeweils 3.300.000 Euro stehen für Räumlichkeiten und Infrastruktur zur Verfügung. Diese Summe bezieht sich auf die vorerst auf 15 Jahre berechnete Kostenabdeckung für die Jahre von 2015 bis 2030. (jus, derStandard.at, 8.9.2014)

  • Oskar Deutsch, Ariel Muzicant und Werner Faymann bei der Einmauerung der Gedenkrolle am Montag.
    foto: der standard/matthias cremer

    Oskar Deutsch, Ariel Muzicant und Werner Faymann bei der Einmauerung der Gedenkrolle am Montag.

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