"Shariah Police", Rotherham – und Antirassismus als Ausrede

Blog8. September 2014, 08:53
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Zwei aktuelle Beispiele zeigen, wie Kritik an „Multikulti“ und an „Political Correctness“ andere Zusammenhänge verdeckt

Gleich zwei Nachrichten der vergangenen Tage weisen auf Verwerfungen in Einwanderungsgesellschaften hin – also in Gesellschaften, wie sie die meisten Staaten Europas inzwischen sind: erstens jene über die Wuppertaler „Shariah Police“ sowie zweitens jene über den Missbrauchsskandal im englischen Rotherham – mit Briten pakistanischer Herkunft als jahrelangen mutmaßlichen Tätern.

Angesichts dessen verkünden Leitkultur-Befürworter wieder einmal das Ende von „Multikulti“. Damit werfen sie Menschen, die nicht ihre Ansichten vertreten, vor, einer derlei naiven Vorstellung von Friede, Freude, Eierkuchen in Bezug auf Migration überhaupt je nachgehangen zu haben.

Keine Illusionen

Sie haben unrecht: Gerade wer einer Einwanderungsgesellschaft positiv gegenübersteht, macht sich vielfach hinsichtlich deren spezifischer Problemanfälligkeiten keine Illusionen. Tatsächlich ist eine funktionstüchtige Staatlichkeit mit all ihren Folgebehörden in modernen Gesellschaften besonders wichtig und wäre dringend weiter auszubauen. Das zeigen auch beide erwähnten Vorkommnisse.

Staatlichkeit, die klare Grenzen zieht, ist etwa in Sachen der Wuppertaler „Shariah Police“ gefragt: In der deutschen 340.000-Einwohnerstadt zogen salafistisch gesinnte junge Männer orange Westen mit nämlicher Aufschrift an und belästigten im Kneipenviertel Passanten im Namen ihrer Version eines fundamentalistischen Islams.

Stark verunsichernd

Ihr Kontrollgehabe, das mitten in Europa an islamische Sittenwächter gemahnte, verbreitete Angst. Die allgemeine Verunsicherung war so groß, dass die Wuppertaler Polizei eine Hotline einrichtete. Kein Wunder, denn eine Aktion wie die „Shariah Police“ stört den gesellschaftlichen Frieden an einem zentralen Punkt: der individuellen Freiheit im öffentlichen Raum. Diese wurde in Europa über Jahrhunderte hinweg hart erkämpft.

Zudem stellt die Aktion das Gewaltmonopol der Exekutive infrage: eine wahrscheinlich bewusst gesetzte offene Provokation, auf die die Politik richtig zu reagieren scheint. Man werde mit allen zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln gegen derlei als „Polizei“ auftretende Einschüchterungsgruppen vorgehen, sagten Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger und Vertreter der Bundeskoalition in Berlin.

Unter den Teppich gekehrt

Behörden, die nicht nur den Mangel verwalten, sondern stattdessen funktionstüchtig sind, wären wiederum gefragt gewesen, um den Missbrauchsskandal von Rotherham abzuwenden – oder ihn zumindest früher aufzudecken und so etlichen Kindern und jungen Frauen schweres Leid zu ersparen: In der verarmten nordenglischen Stadt nahmen Sozialarbeiter, Polizei und Staatsanwaltschaft offenbar jahrelang passiv hin, dass britische Männer mit pakistanischen Wurzeln Mädchen und junge Frauen aus der weißen Unterschicht missbrauchten, vergewaltigten und der Prostitution zuführten.

Dabei wussten die Behörden aus mehreren Berichten von den Vorkommnissen; sie schauten aber nicht näher hin – weil sie befürchtet hätten, im Fall eines Einschreitens mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert zu werden, heißt es nun in Reaktionen und Kommentare.

Pflicht und Schuldigkeit

Diese Erklärung klingt schwer nach einer Ausrede. Denn so heuchlerisch – als unliebsames, nur wegen „denen da oben“ formell zu befolgendes Regelwerk – „Political Correctness“ von manchen britischen Behördenvertretern auch gehandhabt werden mag: Jugendamtmitarbeiter, Polizisten und Gerichte haben die Pflicht und Schuldigkeit, sich um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen zu kümmern. Ohne Rücksichten auf die erwachsenen Täter, egal, ob diese urbritischer, pakistanischer oder sonst irgendeiner Abstammung sind.

Vor Journalisten widersprechen auch etliche Rotherhamer der Behauptung, überzogene antirassistische Regelungen hätten verhindert, dass die Verbrechen rechtzeitig aufgedeckt würden. Sie weisen vielmehr auf dem Umstand hin, dass die Opfer in der britischen Gesellschaft zu den Allerschwächsten gehören.

Kein Anlass, um zu helfen

Kinder aus verarmten, zerbrochenen, oft weißen Ex-Arbeiterfamilien, die quer durch England in privat nach dem Billigsdorfer-Prinzip geführte Heime verfrachtet werden, die außer überlasteten Betreuern keinen vertrauenswürdigen Erwachsenen haben, an den sie sich wenden können: Ihnen zu Hilfe zu kommen hätten die ebenfalls knappgehaltenen Sozialbehörden und die Exekutive wohl lange nicht für nötig erachtet.

Also wären nicht die Täter durch falsch verstandene „Political Correctness“ geschützt, sondern die Opfer aus sozialem Ressentiment heraus ignoriert worden: Wenn das stimmt, ist dies für Rotherham, England – und vielleicht auch darüber hinaus – eine bittere Erkenntnis. (Irene Brickner, derStandard.at, 7.9.2014)

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    Foto: dpa
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