Digitale Grobheiten: Persönlichkeitsprofile der Problemposter

8. September 2014, 17:19
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"Protoypische Alltagssadisten": Kommunikationswissenschafter Thomas Schmidt analysiert US-Studien zu Postings. Die Qualität eines Forums messe sich an der Zivilcourage seiner User, "egal, ob anonym oder nicht anonym"

Zeitungen und digitale Medienunternehmen wollen nicht mehr nur für ihre Leser schreiben, sondern mit ihren Usern kommunizieren. Wenn die Unternehmen ihre digitalen Türen öffnen, merken sie jedoch rasch, dass sich die User nicht immer so verhalten, wie man sich es wünschen würde. Es wird beleidigt, geschimpft und gedroht. Spott und Häme sind an der Tagesordnung. Und auch Sexismus und Fremdenfeindlichkeit sind in den Online-Foren keine Unbekannten.

Was also tun gegen die (mutmaßliche) Niveaulosigkeit in den Online-Foren? Die Wissenschaft hinkt der Praxis etwas hinterher, kann aber zumindest helfen, einige der zentralen Fragen differenziert zu betrachten.

Wie grob geht es wirklich zu?

Grobheit lässt sich schwer beziffern, insbesondere da Medien unterschiedliche Leitlinien haben und sich die User-Communities generell nicht vergleichen lassen. Fallstudien aus den USA und aus Kanada haben aber ergeben, dass 20 bis fast 50 Prozent der Kommentare in den jeweiligen Foren in irgendeiner Weise beleidigend oder respektlos waren.

Natürlich ist das auch alles eine Frage der Definition – nicht alles, was unhöflich ist, ist auch beleidigend. Als kleinsten gemeinsamen Nenner definiert Kevin Coe von der University of Utah grobes Verhalten als „unnötig respektlosen Tonfall gegenüber dem Forum, seinen Teilnehmern oder den besprochenen Themen“.

Wer sind die Problemposter?

Studienergebnisse zeigen, dass man nicht alle Problemposter in den gleichen Topf werfen sollte. Nicht jeder Grobian ist ein Hassposter. Diese sind eine kleine Minderheit.
Erin Buckels von der University of Manitoba hat mit kanadischen Kollegen das Persönlichkeitsprofil von Web-Trollen (Netzjargon für User, die Debatten manipulieren und sabotieren) erforscht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass 5.6 Prozent der befragten User Spaß am Leid anderer haben.

Buckels und ihre Kollegen sprechen von „prototypischen Alltagssadisten“. Sie „wollen einfach Spaß haben, und das Internet ist ihr Spielplatz.“ Auch Pnina Shachaf und Noriko Hara von der Indiana University haben die Motive von Web-Trollen untersucht, in diesem Fall auf Wikipedia. Als Antrieb identifizieren die Autorinnen Langeweile, Rachsucht, Drang nach Aufmerksamkeit sowie allgemein eine Lust am Beleidigen und Unruhestiften.

Problemposter sind nicht alle Wiederholungstäter

Doch nicht alle Problemposter sind „pathologische“ Wiederholungstäter. Coe und Kollegen haben die Kommentarforen der Tageszeitung "Arizona Daily Star" analysiert und festgestellt, dass User, die nur einmalig oder unregelmäßig posten, weit öfter durch Grobheiten auffallen als aktive Forenteilnehmer.

Die Forscher haben auch untersucht, ob sich bestimmte Faktoren als Auslöser derber Kommentare festmachen lassen. Die Ergebnisse waren eindeutig: Kontroverse Themen (Politik, Sport) und bestimmte Autoren (meist Zeitungskommentatoren) verleiten stärker zu ausfälligen Kommentaren. Außerdem kommt es darauf an, welche Personen in einem Artikel zitiert werden. Handelt es sich um polarisierende Persönlichkeiten (im US-Kontext etwa Präsident Obama), wird der Ton deutlich schärfer. Grobheiten sind also immer auch kontextabhängig.

Was sind die Folgen?

Polemik ist grundlegend ja nicht anstößig. Ganz im Gegenteil, mit Verve ausgetragene Diskussionen sind ein Grundbestandteil der Demokratie. Ist das Meinungsklima allerdings erst einmal vergiftet, kann das gravierende Folgen haben. Entsprechende Forschungsergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Ein aufgeheiztes Meinungsklima senkt das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Autoritäten und führt bei manchen Usern zu verstärkter Gleichgültigkeit.

Gleichzeitig, und das ist auf den ersten Blick widersprüchlich, gibt es aber auch Anzeichen dafür, dass sich User stärker an Forumsdiskussionen beteiligen, wenn die Debatte rauer geführt wird. Widerspruch ist ein größerer Handlungsanreiz als Zustimmung. Einschränkend muss gesagt werden, dass sich diese Forschungsergebnisse auf die USA beziehen und dort der Ton der politischen Auseinandersetzung in den Medien, aber auch unter Politikern, deutlich polemischer ist.

Postings beeinflussen Wahrnehmung von Artikeln

Beunruhigend sind auch Forschungsergebnisse von Wissenschaftern der George Mason University und der University of Wisconsin. Sie haben getestet, ob und in welcher Weise sich grobes Verhalten in Kommentarforen auf das Leseverhalten auswirkt. Konkret sind sie der Frage nachgegangen, ob User die Information in einem Artikel (in diesem Fall Chancen und Risiken der Nanotechnologie) anders wahrnehmen, wenn die korrespondierenden Online-Diskussion in einem beleidigenden Ton geführt wird.

Der neutral verfasste Artikel wurde zwei Testgruppen vorgelegt. Im ersten Fall war der Artikel von keinen beleidigenden Kommentaren umgeben, im zweiten Fall schon. Es zeigte sich, dass User deutlich kritischer reagieren, wenn es im Diskussionsforum beleidigend zugeht.

Wie lässt sich gegensteuern?

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber Wissenschafter haben mittlerweile einige der gängigen Strategien getestet. Wenn Journalisten die Foren aktiv moderieren, hebt das die Qualität der Diskussion, beobachteten Forscher der University of Texas in Austin. Außerdem stellten sie fest, dass sich User aktiver beteiligen, wenn Journalisten auf spezifische Fragen zu den Artikeln antworten oder selbst Fragen an die User stellen.

Ein heißes Thema ist die Frage der Anonymität von Usern. Erste Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass anonyme User deutlich stärker zu beleidigenden Kommentaren neigen als jene, die mit ihrem eigenen Namen aufscheinen. In einer vergleichenden Studie von 14 Tageszeitungen (u. a. "Wall Street Journal", "Los Angeles Times") stellte Arthur Santana von der University of Houston fest, dass mehr als die Hälfte der anonymen Kommentare beleidigend waren. Bei den namentlich bekannten Usern waren es nur rund ein Viertel.

Anonymität hat aber auch entscheidende Vorteile. Forscher der Rutgers University haben User der Tageszeitung "Sacramento Bee", deren Forum anonym ist, zu diesem Thema befragt. Fast 40 Prozent gaben an, dass sie nicht länger kommentieren würden, wenn es eine Klarnamenpflicht geben würde. Für viele User ist Anonymität also ein wichtiges Motiv zur Teilnahme.

Es braucht vor allem Mut

In der Praxis wie in der Forschung zeigt sich, dass es für Online-Foren Regeln braucht. Es braucht aber vor allem Mut. Die Qualität eines Forums misst sich an der Zivilcourage seiner User, egal, ob anonym oder nicht anonym. (Thomas Schmidt, derStandard.at, 8.9.2014)

Thomas Schmidt ist wissenschaftlicher Assistent und Doktorand an der School of Journalism and Communication der University of Oregon. Zuvor war er als Journalist tätig, u. a. für "Zeit im Bild", "Kleine Zeitung" und "Datum".

  • Thomas Schmidt.

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