Eine philosophische Taube holt den Goldlöwen 

Bericht7. September 2014, 18:26
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Die 71. Internationalen Filmfestspiele boten eine solide Auswahl an Autorenfilmen und überraschend viel Komik: Passend dazu erhielt der Slapstick-Freund Roy Andersson aus Schweden den Goldenen Löwen

Venedig, so hat es der künstlerische Leiter des Festivals, Alberto Barbera, in seinem Katalogvorwort vorsorglich formuliert, möge ein Festival der Entdeckungen bleiben. Eine Plattform für ein Kino, das neugierig sei, möglichst vorurteilsfrei beobachte und die "Komplexität der Gegenwart erhelle". Ein Ort, an dem neue Autoren oder "eine originelle Produktionsstrategie auszumachen" seien, die wiederum der Vorschein einer Erneuerung des Mediums sein könnten.

Diese schwelgerische, vorab ausgegebene Losung konnte nicht ganz verdecken, dass man im Reigen der großen Herbstfestivals, nahezu zeitgleich mit Toronto und Telluride, rund ein Monat vor San Sebastian und New York, in diesem Jahr ein bisschen abgeschlagen rangierte: So wird beispielsweise Paul Thomas Anderson, der The Master vor zwei Jahren noch am Lido der Weltöffentlichkeit präsentierte, seinen neuen Film Inherent Vice erstmals Anfang Oktober in New York vorstellen. Weitere potenzielle Venedig-Kandidaten wie Christian Petzold mit Phoenix oder Mia Hansen-Løve mit Eden werden derzeit ebenfalls bei Uraufführungen in Nordamerika gefeiert.

Solides Gesamtbild

Andererseits ließ der diesjährige Wettbewerb zwar atemberaubende Werke wie im Vorjahr Tsai Ming-liangs Stray Dogs vermissen. Aber dafür gab es bei einem soliden Hauptfeld auch kaum gravierende Ausreißer nach unten - sieht man von Fatih Akins missglücktem Geschichtsaufarbeitungsversuch The Cut einmal ab. Noch in den letzten Tagen wurden etwa mit Andrej Konchalowskys kleiner Dorfchronik The Postman's White Nights / Belye nochi pochtalona Alekseya Tryapitsyna (schließlich Regiepreisträger) oder mit Kaan Müjdecis Sivas (Spezialpreis der Jury) respektable Arbeiten aufgeboten.

Sivas führte mit einem energetischen kindlichen Helden in die ländliche (Sub-)Kultur anatolischer Hundekämpfe. Einen anderen jungen Protagonisten verkörperte Romain Paul in Alix Delaportes Familiendrama Le dernier coup de marteau - für seine beeindruckende Leistung erhielt er schließlich den Schauspielnachwuchspreis. Seine erwachsenen Kollegen, die Italienerin Alba Rohrwacher und der US-Amerikaner Adam Driver, wurden als Protagonistenpaar in Saverio Costanzos Psychodrama Hungry Hearts prämiert.

Und der verschmitzte Veteran Roy Andersson konnte schließlich seinen ersten Goldlöwen umarmen: Sein fünfter Spielfilm A Pigeon Sat on A Branch Reflecting on Existence/ En duva satt på en gren och funderade på tillvaron steht fraglos für die profilierte Position eines Autorenfilmers. Andererseits passt er auch gut zu einer Auswahl, die angefangen beim Eröffnungsfilm Birdman in und außerhalb des Wettbewerbs in diesem Jahr erstaunlich viel gut gemachte Komik zuließ.

Fankultur und Zombies

Selbst außer Konkurrenz gezeigte US-Beiträge wie Peter Bogdanovichs Verwechslungskomödie She's Funny That Way, Lisa Cholodenkos TV-Miniserie Olive Kitteridge, Joe Dantes vergnüglicher Fankultur- und Zombiefilm Burying The Ex oder James Francos etwas unebene Faulkner- Adaption The Sound and The Fury standen letztlich außer Verdacht, man hätte sie nur wegen des einen oder anderen mitreisenden US-Stars nach Venedig eingeladen.

Zu den herausragenden Entdeckungen dieses Jahrgangs muss man Court zählen, den Spielfilmerstling des 1987 geborenen Inders Chaitanya Tamhane, der in der Reihe Orizzonti lief. Ausgehend von der Verhaftung eines Volksdichters während eines Auftritts in Mumbai gibt dieser einen ungewöhnlichen Einblick in die gesellschaftliche und politische Gegenwart seiner Heimat.

Dem Dichter wird vorgeworfen, mit einem Liedtext den Selbstmord eines Kanalarbeiters verursacht zu haben. Ein engagierter Strafverteidiger, eine beflissene Staatsanwältin, ein ungeduldiger Richter, die Hinterbliebenen des Arbeiters und der unbeugsame Dichter selbst treffen in einer Reihe von Verhandlungsterminen aufeinander. In lose verbundenen Sequenzen folgt der Film einzelnen Protagonisten aber auch in ihren Alltag außerhalb des Gerichtssaals und fächert dabei ganz beiläufig Klassenunterschiede auf. Er erzählt von Willkür und von einer Justiz, die sich unter anderem auf Anti-Terror-Paragrafen beruft, um oppositionelle Stimmen mundtot zu machen.

Verrückte Liebe

Court erhielt schließlich den Hauptpreis der Orizzonti-Reihe sowie den Luigi-de-Laurentiis-Preis für das beste Langfilmdebüt. Zu würdigen bleibt noch der jüngste Film des New Yorker Brüderpaares Josh und Benny Safdie (Daddy Longlegs): Heaven Knows What heißt er. Er basiert auf einem Roman namens Mad Love in New York City, in welchem die nunmehrige Hauptdarstellerin des Films, Arielle Holmes, ihr Leben als Junkie ebendort beschreibt.

Der Film beginnt mitten im intensiven Beziehungsnahkampf, in dem es rasch um Leben und Tod geht. Rhythmus und Tonfall sind der Getriebenheit, Sprunghaftigkeit und Lautstärke seiner Protagonisten angepasst. Man sieht Harley (Holmes) und ihrer Notgemeinschaft von früh Deklassierten beim Leben und beim Überleben auf der Straße zu - und bei der Arbeit, die das kostet. Unspekulative Nahaufnahmen aus der urbanen Gegenwart, die Barberas Vorsätze mehr als einlösen. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 8.9.2014)

Kopf des Tages

Preise

  • Goldener Löwe: A Pidgeon Sat on a Branch Reflecting on Existence von Roy Andersson
  • Silberner Löwe / Beste Regie: Andrei Konchalowsky für The Postman's White Nights
  • Großer Preis der Jury: The Look of Silence von Joshua Oppenheimer
  • Spezialpreis der Jury: Sivas von Kaan Müjdeci
  • Bester Darsteller: Adam Driver (Hungry Hearts)
  • Beste Darstellerin: Alba Rohrwacher (Hungry Hearts)
  • Marcello-Mastroianni-Preis: Romain Paul (Le dernier coup de marteau)
  • Bestes Drehbuch: Rakhshan Bani-Etemad und Farid Mostafavi für Ghesseha
  • Orizzonti Preis: Court von Chaitanya Tamhane
  • Beste Regie / Orizzonti: Naji Abu Nowar für Theeb

  • Scherzartikelverkäufer in der (Sinn-)Krise: Roy Anderssons tragikomischer Episodenfilm "A Pigeon Sat on A Branch Reflecting on Existence".
    foto: biennale venedig

    Scherzartikelverkäufer in der (Sinn-)Krise: Roy Anderssons tragikomischer Episodenfilm "A Pigeon Sat on A Branch Reflecting on Existence".

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