Kopftuchdebatte in Tschechien

7. September 2014, 18:55
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Muslimische Schülerin verließ nach Verbot Krankenschwesterschule in Prag

Prag - In Tschechien ist eine heftige Debatte um das Tragen von Kopftüchern entbrannt. Den Anlass gab Ombudsfrau Anna Sabatová, die für die muslimische Schülerin einer Prager Krankenschwesternschule Partei ergriffen hatte. Das aus Somalia stammende Mädchen hatte sich an Sabatová gewandt, nachdem ihr die Schulleitung das Tragen des Kopftuchs untersagt hatte. Mittlerweile hat das Mädchen die Schule verlassen.

Die Heftigkeit der Debatte erscheint überraschend. Im Alltagsleben der meisten Tschechen spielt der Islam so gut wie keine Rolle. Vierundvierzig Seiten lang ist der jüngste Religionsbericht des Statistikamts, basierend auf der Volkszählung des Jahres 2011. Viel kleingedruckter Text, viele Grafiken, viele Tabellen. Der Islam kommt in dem Papier kein einziges Mal vor.

Ein älteres Dokument aus dem Jahr 2004 spricht von 3700 Muslimen in Tschechien, einem Land mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Buddhisten gab es damals fast doppelt so viele. Auch wenn andere Statistiken von bis zu 11.500 Muslimen sprechen, so praktiziert nur ein Bruchteil die Religion aktiv. Mit ethnisch und religiös aufgeladenen Konflikten ist die aktuelle Diskussion demnach kaum zu erklären.

Der sozialdemokratische Vizechef des Senats, Zdenek Skromach, spricht von einer "inkompetenten Aussage Sabatovás, die Spannungen in der Gesellschaft nur verstärken" würde.

Menschenfresser-Vergleich

Für den Abgeordneten Marek Benda von den Bürgerdemokraten ist Sabatovás Stellungnahme gar ein Exzess: "Wenn die Menschenfresser kommen und sagen, wir essen daheim Menschen, werden sie das dann auch bei uns tun dürfen?", so Benda polemisch.

Sabatovás Stellvertreter Stanislav Krecek bleibt vorsichtig. "Die Schulleitung hat gemäß der Schulordnung gehandelt", so Krecek. "Ob diese Schulordnung gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage." Martin Fendrych, Politkommentator von aktuálne.cz, meint, die Affäre werde bewusst aufgebauscht und in politisches Kleingeld umgemünzt: "Der Islam ist in Tschechien legal. Und eine Schulordnung kann nicht über der Verfassung stehen." (Gerald Schubert, Der Standard, 8.9.2014)

  • Die Schulleitung habe gemäß der Schulordnung gehandelt.
    foto: apa/dpa/zinken

    Die Schulleitung habe gemäß der Schulordnung gehandelt.

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