Zwischen Herrgott, Bauernbündlern, Königinnen

7. September 2014, 17:53
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Schwarzer Erntedank in der Wiener City: Der neue ÖVP-Obmann dämpfte im Trachtenjanker die Hoffnungen auf eine rasche Steuerreform - und rief das Volk zum Konsum auf

Wien - Der Heldenplatz ist kaum wiederzuerkennen, doch die Hauptprotagonisten der ÖVP sind in ihrem Element. Umkränzte Traktoren fahren auf. In urigen Almhütten wird Heumilch ausgeschenkt. Der Duft von Bauerngröstl liegt in der Luft. Und die Dichte an Lederhosen erinnert an ein Tiroler Gebirgsdorf, obwohl hier hunderte Wiener darinstecken.

Sonntagnachmittag, mitten im Herzen der Bundeshauptstadt. Der Bauernbund hat zum Erntedank geladen - und neben dem Parteivolk, unter das sich begeistert knipsend Touristen aus aller Welt mischen, marschiert die gesamte schwarze Prominenz auf.

Lasset uns beten!

Auf der Tribüne moderiert Harry Prünster die Milchkönigin, die Marillenkönigin, die Apfelkönigin ein. Für Dompfarrer Toni Faber wird ein kleiner Altar herangekarrt. Die Bühne ist nicht nur mit buntem Gemüse drapiert, sondern auch - höchst dekorativ - mit riesengroßen schwarzen Auberginen. Doch zuallererst heißt es: "Lasset uns beten!"

Danach versichert der Pfarrer, dass er im Stephansdom oft "nicht so viele Leute hat wie hier, in der größten Kathedrale, nämlich unterm Himmerszelt". Regen setzt ein, das Publikum spannt Schirme auf - und bleibt, um geduldig zu lauschen. Wie Faber alle ermahnt, nicht so viele Lebensmittel in den Müll zu kippen. Dazu preist er auch den Landwirtschaftsminister wortreich für dessen Engagement "gegen diese Abfallwirtschaft".

Allmächtige Bauernbündler

Dann erhebt der Präsident des Bauernbunds, Jakob Auer, kurz das Wort, dessen Bund nach dem plötzlichen Abgang von Michael Spindelegger vor knapp zwei Wochen als Erster Reinhold Mitterlehner "seine vorbehaltlose Unterstützung" als neuem Obmann zugesagt hat - und zwar noch Stunden vor dessen Kür im Parteivorstand. Wohl deswegen versichert Agrarminister Andrä Rupprechter nach seinem "Dank an den Herrgott" für die reiche Ernte: "Ich bin mir fast sicher, dass der Herrgott ein Bauernbündler ist!"

Endlich ist der neue Parteichef dran. An vorderster Stelle bezieht auch Mitterlehner den Allmächtigen ein, wortwörtlich dankt er "dem Schöpfer" für all die Gaben - und sogleich "den Bauern", die das alles zustande gebracht haben. Angesichts der Sanktionen gegen Russland mahnt er, wie wichtig es sei, die Belastung für die Landwirte "so gering wie möglich zu halten".

Konsum statt Steuerreform

Dann geht Mitterlehner auf die vielen Personalrochaden in der Koalition ein: "Es ist Ihnen wahrscheinlich aufgefallen, dass wir eine neue Bundesregierung haben!" Und die arbeite "nicht gegeneinander, sondern miteinander - für Sie! Und nicht für irgendetwas!", versichert er. Zu guter Letzt dämpft der Chef der Finanzministerpartei Erwartungen: Vorhaben wie die Steuerreform "können wir nicht von heute auf morgen erledigen". Stattdessen ruft Mitterlehner das applaudierende Publikum "zum Konsum" auf: "Genießen Sie, feiern Sie!"

Vor dem Burgtor hält man sich daran. Alles strömt dort in das "Genußzelt" - und an einem kleinen Bus der Wiener ÖVP mit der Aufschrift "Neustart" vorbei. Ein halbes Dutzend Funktionäre in Tracht versucht dort, Luftballons und Folder an Mann, Frau, Kind zu bringen. Doch nur mit bescheidenem Erfolg. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 8.9.2014)

  • "Wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander": Mitterlehner mit ÖVP-Vize Mikl-Leitner vor seinem Auftritt beim Erntedankfest des Bauernbundes am Heldenplatz
    foto: newald

    "Wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander": Mitterlehner mit ÖVP-Vize Mikl-Leitner vor seinem Auftritt beim Erntedankfest des Bauernbundes am Heldenplatz

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