Chinas KP macht zum Mondfest gegen Kuchen mobil

7. September 2014, 12:27
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Partei möchte der Bestechung von Beamten mit traditionellem Mondkuchen-Backwerk ein Ende bereiten

Wenn sich Chinas sieben mächtigste Funktionäre unter Parteichef Xi Jinping im Ständigen Ausschuss des Politbüros zusammensetzen geht es um Schicksalfragen der Nation. Jüngst befasste sich die illustre Runde mit Mondkuchen. Das klebrige, handtellergroße, schwer verdaubare Naschwerk schenken sich hunderte Millionen Chinesen zum traditionellen Familienfest am ersten Vollmond im Herbst. 2014 fällt es nach dem Bauernkalender auf Montag, den 8. September. Das Mürbgebäck gehört zur Beigabe des Mondfestes, so wie in unseren Breiten der Stollen zu Weihnachten.

Plötzlich aber macht Chinas Parteiführung mobil gegen die harmlosen Küchlein, die mit ihren meist süßen oder salzigen Füllungen allenfalls als Kalorienbomben oder Plombenzieher gefürchtet waren. Doch der KP geht es um den Missbrauch der Mondkuchen zur Verführung ihres bestechlichen Funktionärsheeres. Der oberste ZK-Disziplinwächter Wang Qishan brachte das Thema Anfang August auf die Tagesordnung des Politbüro-Ausschusses, um die "Mondkuchen-Korruption" zu stoppen.

"Mondkuchen sind keine Lappalie"

Parteichef Xi Jinping habe sich hinter ihn gestellt, sagte Wang in einem Vortrag am 25. August vor parlamentarischen Regierungsberatern in Peking, wie die Webseite Phönix enthüllte: "Mondkuchen sind keine Lappalie" sagte Wang.

Als er noch Bürgermeister von Peking war, fiel ihm auf, wie immer kurz vor dem Mondfest Chaos im innerstädtischen Verkehr ausbrach. Der Grund waren zehntausende Hauptstädter, die ihre Mondkuchen-Geschenke Amtsträgern oder anderen einflussreichen Personen persönlich ins Haus brachten. Die Packungen hätten es in sich gehabt, sagte Wang. „Zuerst wurden ihnen Handys beigelegt, dann Bargeld, Schmuck und Gold. Jedes Jahr wurde es schlimmer."

Wang sprach von unglaublichen Zuständen rund um den Mondkuchenboom. Er meinte die Kombipackungen der Küchlein mit XO-Cognacs, Markenparfümen, Geldkarten für Einkaufszentren, die Geschäftemacher als "kleine Aufmerksamkeit zum Mondfest" an Funktionäre vorrangig von Genehmigungs- oder Aufsichtsbehörden verschenkten. In Pekings Nachbarstadt Tianjian boten Hersteller ganz besondere Packungen mit acht Mondkuchen für abenteuerliche 99.999 Yuan an (12.000 Euro).

Kein Wunder: In den Küchlein versteckten sich jeweils 50 Gramm Goldbarren. In Kunming offerierte ein Hersteller sein Mondkuchen-Ensemble für umgerechnet 36.000 Euro. Der Preis erklärt sich, weil neben dem Süßzeug ein Kaufvertrag über eine 100-Quadratmeter-Wohnung lag.

Keine Kuchen für die "Tiger"

Parteichef Xi macht dem ein Ende. Nach seinem Amtsantritt trat er seine Antikorruptionskampage gegen die großen Fälle der "Tiger" los, mit seither hunderten Festnahmen, darunter fast 50 Funktionäre im Rang von Vizegouverneuren, Vizeminister und höher. Zugleich ging er mit acht Tabu-Regeln gegen den "verschwenderischen und korrupten Arbeits- und Lebensstil" der Staatsangestellten (der "Fliegen") vor, darunter auch der Annahme von Geschenken zu Feiertagen, Gelagen, Luxusreisen und Konsum auf Staatskosten.

Längst ist das kein Spiel mehr. Am Donnerstag zog der Minister für Überwachung, Huang Shuxian, auf der Webseite der ZK-Kontrolleure Bilanz über den Kampf gegen die Fliegen. Danach wurden 2014 im ersten Halbjahr 67.679 Beamte wegen Verstoßes gegen die acht Verhaltenstabus bestraft. 18.365 wurden parteiintern verurteilt. Der Missbrauch von Mondkuchen steht seit dem 10. August ganz oben auf der Agenda der Saubermänner der Partei und gezielt auf der Webseite der ZK-Kontrolleure. Die Bürger sind aufgefordert, alle Beamte anzuzeigen, die sich das Gebäck und seine Beilagen schenken lassen oder auf Staatskosten verschicken. China Daily schrieb: „Null Toleranz für die Mondkuchen-Korruption“.

Schlechte Zeiten für Kuchenproduzenten

Mondkuchenhersteller Chen in Kanton erlebte jetzt die grotesken Folgen der Kampagne, als er wie jedes Jahr einem befreundeten Stadtbeamten sein frisches Gebäck zum Fest verehren wollte. Als er mit seinem Geschenkpaket vor der Behörde eintraf, ließ sich sein Freund aus Angst vor der Gabe verleugnen. Er "mied mich zu treffen, als sei ich ein Aussätziger." Chen hatte zuvor online gelesen, wie man unausstehlichen Beamten am besten schaden kann. „Beschenke sie mit Mondkuchen. Ich dachte, das ist nur ein Internet-Witz," erzählte er der "Kantoner Tageszeitung".

Seitdem Mondkuchen nur noch zum privaten Verzehr gekauft werden und Regierungsaufträge schlagartig ausblieben, verfallen die Preise. In den Kaufhäusern stapeln sich die Mondkuchen und werden einzeln verpackt angeboten. Aufwändige Geschenkpackungen kosten maximal 35 Euro und werden trotzdem nicht gekauft. "Früher fingen wir bei dem Preis erst an", sagt eine Verkäuferin.

2013 wurden in China trotz spürbaren Umsatzeinbruches immerhin noch 280.000 Tonnen oder fast eine Milliarde Mondkuchen verkauft, schrieb der Verband für Back- und Süßwaren. Dieses Jahr erwartet die Branche einen Rückgang um mindestens 30 Prozent. Es werde viele der mehr als 10.000 kleinen, auf Mondkuchen spezialisierten Backfabriken des Landes hart treffen. Das wird das "sparsamste Mondkuchen-Fest seit Jahrzehnten", titelte die "Global Times".

"Den Mondkuchen vulgär gemacht"

Doch andere loben die "Befreiung des Mondkuchens" von seiner korrupten Last. "Aus einem Geschenk wird wieder ein Leckerbissen zum Feiertag", der mit süßen Füllungen aus roter Bohnenpaste oder Datteln auch immer billig war, sagte der Bäckereiverbandschef Gao Bo der "Beijing News". Auch der bekannte Traditionsforscher Feng Jicai begrüßte die Kampagne, weil sie zur Rückbesinnung auf die Bedeutung des Mondfestes führe. "Wir haben unseren Mondkuchen zum neureichen Luxusobjekt verkommen lassen, ihn vulgär gemacht, sein Wesen verändert, ihn verrotten und allen Geschmack verlieren lassen."

Nach der Legende waren Mondkuchen einst das Medium für eine Volksrevolution. Im 14. Jahrhundert sollen sich die Pekinger heimlich zum gemeinsamen Aufstand gegen die mongolisch beherrschte Yuan-Dynastie verabredet haben, indem sie in ihrem weiterverschenkten Mürbgebäck papierene Botschaften versteckten. Ausgerechnet im sozialistischen China wurden die Mondkuchen dann mit Gold und Juwelen vollgestopft, um Funktionäre zu bestechen. (Johnny Erling aus Peking, derStandard.at, 7.9.2014)

  • Immerhin die Pandas im Zoo der Stadt Kunming bekommen die traditionellen Kuchen zum chinesischen Mondfest noch verfüttert. An Funktionäre und Beamte dürfen sie nach einer "Aktion scharf" der KP hingegen nicht mehr abgegeben werden.
    foto: reuters/wong campion

    Immerhin die Pandas im Zoo der Stadt Kunming bekommen die traditionellen Kuchen zum chinesischen Mondfest noch verfüttert. An Funktionäre und Beamte dürfen sie nach einer "Aktion scharf" der KP hingegen nicht mehr abgegeben werden.

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