Ukraine will gegen Slowakei den Krieg vergessen

7. September 2014, 11:45
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Teamchef Fomenko hofft bei EM-Quali-Auftakt auf symbolische Wirkung

Kiew - Noch vor zwei Jahren war die Ukraine stolzer Co-Gastgeber der Fußball-EM. Heute führt ein bewaffneter Konflikt zu bisher rund 3.000 Toten im Land. Das Auftaktspiel der EM-Qualifikation ist für Kiew daher viel mehr als nur eine sportliche Begegnung. Am Montag tritt die Ex-Sowjetrepublik gegen die Slowakei an. Für Teamchef Michail Fomenko stehen dabei nicht nur drei Punkte im Vordergrund.

Für Fomenko geht es auch um einen Moment der Einheit in Zeiten des Bürgerkriegs. Ein Sieg in der Qualifikation, meint der Coach, wäre ein wichtiges Signal für die Ukraine. "Ich bitte die Fans, dass sie zu unserem zwölften Spieler werden", sagt der 65-Jährige der Zeitung "Sport-Express".

Fußball war im zweitgrößten Land Europas schon immer mehr als Sport. Bei der EURO 2012, bei der die Ukraine Co-Gastgeber war, wehten die blau-gelben Nationalfarben von Uschgorod im Westen bis Lugansk im Osten im Sommerwind. Der Stolz auf die Spieler aus allen Landesteilen einte den seit 1991 unabhängigen Staat wie selten zuvor.

Nun kämpfen seit April Regierungseinheiten im Raum Donezk gegen prorussische Separatisten, und Fußballanhänger sind mit an vorderster Front: Ultras der Erstligavereine stellen den Kern der Freiwilligenbataillone, die an der Seite der Armee marschieren.

Wie schwer es der Fußball in der Ukraine derzeit hat, zeigt das vor wenigen Tagen mit 1:0 gewonnene Testspiel gegen Moldawien. Eigentlich sollte die Ukraine gegen Paraguay spielen, aber die Südamerikaner verweigerten die Anreise in das Unruhegebiet. So blieb nur der wenig aussagekräftige Test gegen Österreichs EM-Qualifikationsgegner, derzeit 99. der FIFA-Weltrangliste.

Zu allem Überfluss verletzte sich auch noch Routinier Anatoli Timoschtschuk. Der Ex-Profi des FC Bayern München erlitt einen Muskelfaserriss. Der 35-Jährige ist Kapitän des Nationalteams und als Spieler des russischen Spitzenclubs Zenit St. Petersburg der einzige Legionär im Kader. Alle anderen Akteure spielen in der ukrainischen Liga.

Die Ukraine startet mit der Partie gegen die Slowakei im Kiewer Olympiastadion einen neuen Versuch, sich für die Endphase eines großen Turniers zu qualifizieren. Bisher gelang das nur bei der WM 2006 in Deutschland. 2012 war das Land als EM-Co-Gastgeber gesetzt. Doch viele Spieler dürften anderes im Kopf haben als Flanken oder Freistoßtricks. Der Krieg prägt auch den ukrainischen Vereinsfußball.

Gleich vier der 16 Premier-Liga-Mannschaften aus den umkämpften Städten Donezk und Lugansk müssen ihre Heimspiele in fremden Stadien austragen. Und mit der von Russland annektierten Halbinsel Krim ist ein traditionelles Reservoir für Talente verloren gegangen. Die Ukraine protestiert massiv bei der FIFA gegen die Eingliederung der Krim-Teams aus Sewastopol und Simferopol in die dritte russische Liga.

Serienmeister Schachtar Donezk konnte seine südamerikanischen Profis indes nur unter Androhung von Vertragsstrafen zur Rückkehr aus dem Urlaub bewegen. Ausländische Spieler fürchten sich, in die krisengeschüttelte Ukraine überzusiedeln, und Clubbesitzer scheuen Investitionen. So sind die Transferausgaben von 131 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf 16 Millionen Euro zurückgegangen. Zu unsicher sind die Aussichten. Der Krieg ist allgegenwärtig. (APA, 7.9.2014)

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