STANDARD-Mitarbeiter über ihr '89

5. September 2014, 19:46
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Alexandra Föderl-Schmid: Plötzlich ein Loch im Zaun

foto: standard/robert newald

Es war das Jahr der großen Freiheit: im Mai Führerschein, im Juni Matura, dann die längsten Ferien meines Lebens, im September Studienbeginn - die ganze Welt öffnete sich. Alles war neu und aufregend, dann noch das: Die Nachricht - die Mauer, der Eiserne Vorhang sind offen - verbreitete sich rasch auf der Uni.

Mir erschien dies unglaubwürdig: Sieben Kilometer von meinem Heimatort entfernt hat diese undurchdringliche Grenze unser Leben geprägt. Die Heimat meiner Oma in Neuofen / Nova Pec lag nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt, war unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang. 1945 war sie als 18-Jährige allein nach Österreich geflohen und wollte stets nach "drüben".

Im ORF meldeten sie, der Zaun werde abgebaut. Wir wollten es wissen, mit eigenen Augen sehen. Wir, meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich, nahmen Langlaufski und fuhren durch den Böhmerwald, immer den Zaun entlang: kilometerweit durch den Wald, durch dichte Schneemassen und daneben mannshoher Stacheldraht. So nah waren wir dem Eisernen Vorhang noch nie gewesen.

Plötzlich war da ein Loch im Zaun. Mein Bruder schlüpfte durch. Da erschienen aus dem Nichts tschechoslowakische Soldaten, bewaffnet. Wir erstarrten. Sie schauten grimmig, ließen uns aber in Ruhe. Wir atmeten auf und wussten: Es stimmt, der Eiserne Vorhang ist offen.


Michael Völker: Zum Jahreswechsel "drüben"

foto: filmladen

Es war der Jahreswechsel 1988/1989, Wolfgang und ich waren nach Berlin gefahren, um dort Silvester zu feiern und eine Frau zu besuchen, die wir beide verehrten. Tschiggy wurde sie genannt, sie hatte in Wien die autonome Szene hinter sich gelassen, um in Berlin in einer Bar zu arbeiten, die vorwiegend von umoperierten Männern frequentiert wurde. Einen politisch korrekten Ausdruck gab es noch nicht. Ich wunderte mich in der Bar über die großen, durchwegs gutaussehenden Frauen, die an der Theke lehnten: wallende Mähnen, große Brüste, große Füße, große Hände, tiefe Stimmen.

Die Mauer stand noch, die Grenze war dicht, wir feierten in Wedding auf der Straße, mit einer authentischen Flasche Rotkäppchen-Sekt und einer dekadenten Flasche Champagner. Wir bewegten uns die Chausseestraße hinunter. Um Mitternacht kam Bewegung in die Straße, plötzlich war die Grenze offen, die Soldaten waren verschwunden. Aus dem Osten strömten ein paar verdutzte Menschen herüber, die Öffnung war völlig unvermittelt erfolgt. Wir spazierten verwegen in den Osten, hatten nicht einmal Pässe mit, tranken "drüben" den Champagner aus der Flasche. Nach zwei Stunden gingen wir über den verwaisten Grenzposten zurück, erzählten Tschiggy und den Männern mit den großen Brüsten, wo wir gewesen waren.

In der Früh war die Grenze wieder zu, das sollte noch Monate dauern.


Anja Melzer: Mauerfallkind

foto: dpa-zentralbild/jens wolf

Es war Donnerstag, der 9. November 1989, in Westdeutschland. Draußen herbstlich kalt, meine Mutter hochschwanger. Mein Vater, gerade sein zweites Staatsexamen hinter sich und ein Bier in der Hand, klebte vorm Fernseher. Stuttgart spielte gegen den FC Bayern. Dieser Fußballabend sollte nicht nur das Leben meiner Eltern, sondern ganz Deutschlands verändern.

Im Laufe des Spiels begann eine Einblendung am unteren Bildschirmrand entlangzulaufen: Die Mauer sei offen. Reisefreiheit ab Mitternacht. Mein Vater staunte, meine Mutter stöhnte - die Wehen hatten eingesetzt. In der ARD verzögerten sich die Tagesthemen, die Wehenabstände dagegen wurden immer kürzer. "Es ist ein historischer Tag", sagte der Nachrichtensprecher, "Die Tore in der Mauer stehen weit offen." Bis zu dieser Nacht hatten meine Eltern immer in einem geteilten Land gelebt. Mein Vater legte eine Videokassette in den Recorder, um das Wunder festzuhalten, meine Mutter veratmete den Schmerz.

Das Band, gewissenhaft beschriftet mit "Geburt", zeigte mir in späteren Jahren jubelnde Ossis, die die Berliner Grenzübergänge fluteten, tanzende Menschen auf der Mauer. Als die Fruchtblase platzte, flackerten in den Fenstern der Stadt immer noch die Fernsehbilder, viele blieben wach. Die Welt feierte in diesen Morgenstunden des 10. November den Mauerfall, meine Eltern mich.


Wolfgang Weisgram: Good bye, Lenin

foto: epa/imre foeldi

Hinterm Heldenplatz, an der Budapester Dózsa György út, wo der Arbeiter- und Bauernstaat zu defilieren pflegte, stand er: bronzen, vier Meter groß. Die rechte Hand steckt - eher nachlässig als lässig - im Mantelsack, die linke zerknüllt die Kopfbedeckung. Nichts Martialisches. Versonnen neigt er den Kopf.

Ich habe ihn zuweilen besucht. Wo die Délibáb utca auf die Dózsa György út trifft, stellte ich mich hin, blickte Lenin in die Augen. Und seit ich erfahren hatte, was délibáb heißt, hielt ich sogar Zwiesprache mit ihm. Denn délibáb nennen die Ungarn, wozu wir Fata Morgana sagen. Und dorthin, ins délibáb, schaute er!

Jetzt, Anfang Juni 1989, war er plötzlich weg, der so unleninistisch dastehende Lenin. Mein Lenin! 1965 haben sie ihn hier aufgestellt anstelle des bei der Revolution 1956 ritualgemordeten Stalin. Am 16. Juni sollte Imre Nagy, der hingerichtete Revolutions-Ministerpräsident, wiederbestattet werden. Hunderttausende wurden erwartet. Wer weiß, was die vorhatten mit dem Lenin?

Da hatte dann wer eine Idee, Ende Mai 1989. Dringend müsse er zum Putzen, so angeschissen sei er schon. Und daran war viel Wahres. Verschwunden ist mein Lenin freilich nicht. Heute steht er, mit vielen anderen Lenins, im Budapester Szoborpark. Als Memento mori für alle, die ein Délibáb für bare Münze nehmen. Und deren gibt es wieder jede Menge.


Karin Pollack: Ende der Todeszone

foto: kreusch/ap/ap/dapd

"Wenn du meinst, dass die Russen kommen", sagte mein Großvater und schaute mich fassungslos an. Es war im Jahr 1987, und ich hatte ihm gerade erzählt, dass ich mich entschieden hatte, in Wien Russisch studieren zu wollen. Vor den Russen war er mit seiner Familie geflohen. Meine Großeltern kamen aus Weimar, das ab 1945 sowjetische Zone wurde. Die Russen waren in ihrer Wohnung einquartiert. Alles veränderte sich, vor allem die Gesetze.

Mein Großvater, Jurist, flüchtete nach Westberlin, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Seine Frau und die beiden Töchter ließ er offiziell zurück. Alleinstehende Frauen und Kinder "durften raus, weil die ja für die neue DDR zu teuer waren", erzählte er immer. Kurz vor dem Mauerbau schmuggelte meine Großmutter alles Hab und Gut mit der S-Bahn über die Station Friedrichsstraße nach Westberlin. Dabei hat sie "ihre Nerven verloren", hieß es bei den Familientreffen, die dort jede Weihnachten stattfanden. Wir Kinder fanden die Autofahrt durch "die Zone" aufregend, vor allem den "Todesstreifen". Darüber konnten wir stundenlang fantasieren. Ostberlin haben wir nie besucht, das war tabu, meine Großmutter wäre vor Angst gestorben. "Die Grenze kann jederzeit zugehen", war sie überzeugt. Heimat, Haus, Freunde, Verwandte: Das haben meine Großeltern "drüben gelassen" und nie wieder gesehen. Als die Mauer im September 1989 fiel, waren beide schon gestorben. Mein Großvater hat das vereinte Deutschland um zehn Monate verpasst. Er hatte die Hoffnung darauf allerdings längst aufgegeben.


Markus Bernath: Wessi werden in Paris

foto: epa/a009 dpa

Donnerstagabends war der größte Hörsaal immer voll, das Amphithéatre Emile Boutmy. Vorn saß Alfred Grosser, wendete seine Zeitungsschnipsel der Woche unter dem gelben Licht einer Schreibtischlampe und erklärte den Lauf der Welt. Der 9. November 1989 war ein solcher Donnerstag. In Ostberlin läuft noch die historische Pressekonferenz des SED-Manns Günter Schabowski, als Alfred Grosser seine Lampe anknipst und im Hörsaal in Paris Ruhe einkehrt.

Der bekannte französische Geschichtsprofessor war schon durch mit dem Thema DDR, dem Rücktritt des Politbüros in Ostberlin am Vortag, da geht eine Seitentür des Hörsaals auf, ein Mitarbeiter eilt zum Tisch des Professors und flüstert ihm ins Ohr. Es gibt noch keine SMS und keine Handys, aber dafür wird Geschichte gemacht. "Meine Damen und Herren, ich höre, die DDR hat die Grenzen geöffnet", sagt Alfred Grosser.

Eine Woche später kommt schon Besuch aus Ostberlin: Archivgermanistin, eine Bekannte der Vermieterin. Sie schläft auf einer Matratze im Korridor, mehr Platz ist nicht, kauft Unmengen an Käse und kommt mit den Armaturen im Badezimmer nicht zurecht. Wir aber werden Wessis, ein Bayer und ein Hamburger, die sich eine Wohnung an der Bastille teilen und nicht recht wissen, was sie mit der Dame aus dem Osten anfangen sollen - und schon gar nicht mit diesem fahnenschwingenden vereinten Deutschland.


Julia Raabe: Gurken und Stacheldraht

foto:reuters/guillermo granja/files

Ich bin mit der DDR aufgewachsen. Für mich als westdeutsches Kind war es schlicht das Reich des Bösen. Ich konnte das beurteilen, schließlich hatten wir Verwandte "drüben". Die wohnten im selben Haus wie Franziska van Almsick.

Bevor wir sie zum ersten Mal besuchten, stand ich in Berlin vor dem Brandenburger Tor auf einer Aussichtsplattform, von der aus man auf die andere Seite schauen konnte. Mauer, Todesstreifen, Stacheldraht, dahinter alles grau. Ganz anders als die Schweizer Grenze, an der ich aufgewachsen bin. Die Armen.

Einmal hat meine Mutter bei einem Besuch in Ostberlin den Gurkensalat gelobt, der uns aufgetischt wurde. Die Antwort: "Dafür hab ich auch zwei Stunden angestanden." Da herrschte kurz betretenes Schweigen. Von dem Cousin meiner Mutter erfuhr ich bei diesem Besuch, dass er länger auf seinen Trabi gewartet hatte, als ich alt war. "Was, soooo lange?"

Der Eindruck des Schreckens verfestigte sich endgültig, als mein Bruder, damals ein Baby, bei der Einreise nicht registriert wurde und die Grenzbeamten bei unserer Ausreise dachten, wir wollten ihn hinausschmuggeln. Wir verbrachten Stunden an der Grenze, bis wir fahren durften.

Der 9. November 1989 war deshalb der glücklichste Tag meines jungen Lebens. Ein Sieg des Guten über das Böse. Und endlich, endlich würden sich meine Verwandten so viele Gurken und Autos kaufen können, wie sie wollten.


Thomas Mayer: Unbändige Freude an der Freiheit

foto: dpa/wolfgang kumm

An die Grenzen zu gehen hat mich immer gereizt. Anfang August 1989 war das auch so. Ein Kollege aus Deutschland bat um Hilfe. Er suchte Ostdeutsche, die über Ungarn nach Österreich geflüchtet waren. Es gab Berichte, dass einzelne den Weg durch den Zaun fanden. Von Massenfluchten wie später beim Paneuropa-Picknick war aber noch keine Rede. Wie soll man einzelne Flüchtlinge finden? Ich ging zur deutschen Botschaft in Wien. Wartete am Tor. Irgendwann kamen drei junge Ostdeutsche. Sie hatten keine Zeit, boten aber an, sie später im Hotel zu treffen. Als ich beim Empfang nach ihnen fragte, blätterte der Rezeptionist in einer Liste mit gut 100 Namen. Auf die Frage, wer das sei, sagte er: "Olles Ostdeitsche, murgn geht's mit dem Zug noch Deitschland!" Was für eine Auskunft! Die deutsche Regierung schleuste abseits der Öffentlichkeit offenbar massenhaft Leute durch. Von da an war ich von der Redaktion ins Grenzgebiet freigestellt. Die Geschichten der Flüchtenden ließen einen nicht ruhen. Ich wollte wissen, wie das ist: rübergehen. Leute aus Mörbisch zeichneten mir den Weg auf. Vom Zeltplatz in Sopron kamen vier Familien mit, acht Erwachsene, sechs Kinder. Nie werde ich die Panik und die Angst vergessen, die diese Menschen ergriff, als wir im Grenzwald durch den Stacheldraht krochen. Aber auch nicht ihre unbändige Freude, die Tränen, als wir in Mörbisch angekommen waren.


Žarko Janković: Leaving Yugoslavia

foto: apa/techt

1989 spielte ein gewisser Dejan Savićević zum ersten Mal für Roter Stern Belgrad. Nicht nur deshalb sollte sich mein Leben grundlegend ändern. Es war nicht der Fall der Berliner Mauer. Was mich viel eher tangierte war, dass meine Mutter im Mai beschloss, in Salzburg Geld zu verdienen. Unter der Woche im Westen arbeiten, am Wochenende zum Leben nach Jugoslawien fahren, das war der Lebensrhythmus Hunderttausender Arbeiter in Westeuropa. So etwas ließ man sich damals nicht entgehen, auch sie nicht.

Ihre Abreise ist meine früheste Kindheitserinnerung: Ich, ein Kleinkind, das weinend einem abfahrenden Auto nachlief. Am selben Tag sprang mein Vater aus einem fahrenden Zug. Die Verabschiedung von Mama dauerte zu lange und er wollte nicht erst in Zagreb aussteigen. Kurz darauf bekam er einen Job in Wien. Mein Bruder und ich blieben bei unserer Großmutter in Bosnien.

In diesem Jahr lief auch der Wahlkampf zu den ersten Mehrparteienwahlen Nachkriegsjugoslawiens an. Der Nationalismus war nun die vorherrschende politische Vorstellung geworden. Aus "Brüderlichkeit" wurde Distanz, aus "Einigkeit" Misstrauen. Und als zwei Jahre später bosniakische Truppen unser Dorf niederbrannten und wir via Serbien fliehen mussten, wechselte "Il Genio" Savićević zum AC Milan. 2001 traf ich ihn zufällig beim Autowaschen in Wien - 1989 sei Dank!


Mia Eidlhuber: Falsche Zeit, falscher Ort

foto: robert mecea/ap/dapd

Es gibt das Phänomen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, aber das bedingt, dass auch das Gegenteil vorkommt: zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. 1989 war ich das. Denn wer in den 80er-Jahren in Oberösterreich jugendlich war, ist noch in dem Glauben aufgewachsen, dass "go west" der einzige Weg in Richtung Freiheit war. Als ich 1989 die Matura hinter mir hatte, lag Amerika vor mir. Konkret in Form von zehn Monaten Chicago, in denen ich bei der Exfrau meines Vaters lebte, einer Art coolen Ersatz-Mum, die mir aber keinerlei Vorschriften machte. Vorher war ich mit meinem Vater durch Texas gereist und hatte einen Freund in New York besucht, der ein Loft (!) in Brooklyn hatte.

In Chicago hatte ich einen Babysitter-Job bei den Töchtern eines emigrierten ostdeutschen Ärztepaars, und ich besuchte Kurse am Art Institute. Ich war gerade 18. Was wollte ich mehr? Als im November ein eisiger Wind über den Michigan Lake blies, fegte in Europa der "wind of change" den Eisernen Vorhang davon. Von einem Kingsize-Bett aus sah ich im US-Fernsehen die Berliner Mauer fallen. Natürlich heulte ich wie ein Schlosshund, aber nicht nur aus Rührung, sondern auch darüber, dass so nah am Zuhause so viel Aufbruch in Richtung Freiheit passierte. Erst im Frühsommer 1990 hieß es für mich: Go east. Ich fuhr sofort nach Prag. Dort spielten schon die Rolling Stones.


Alois Pumhösel: Aus dem Film in die Natur

foto: apa/christian müller

Mein 1989 liegt nicht im Jahr 1989. Es liegt an der Donau. Der 13-Jährige aus 1989 war zwar erstaunt, dass Nicolae Ceausescu, der "böse" Diktator, tatsächlich hingerichtet wurde. Dass das Volk, so stellte ich es mir vor, über seine Unterdrücker siegte. 1989 war aber im Fernsehen, und was da passierte, war wie im Film.

Viele Jahre später schwang ich mich aufs Fahrrad. Nicht um den ehemaligen Ostblock zu besuchen wie in den 1990ern, sondern um die Donau entlang nach Belgrad zu fahren. Ein Bild von mir vor Ceausescus monströsem Palast, seinem - welch Ironie! - "Haus des Volkes", hatte ich schon.

Eine langsame Eroberung des Kulturraums in Ost- und Südosteuropa sollte es sein. Fließende Übergänge zwischen den Regionen wollte ich erfahren. Dann aber kamen: die Wälder der Hainburger Au, der künstliche Kanal des Kraftwerks Gabcíkovo nach Bratislava, die Gegend um Esztergom - eine Art Wachau Ungarns -, die blühende Puszta nach Budapest, die Minenfelder und zerschossenen Häuser an der kroatisch-serbischen Grenze, die Weingärten der Fruska Gora in der Vojvodina. Und, und, und.

Das war keine langsame Eroberung. Alle 100, alle 50 Kilometer war alles anders. Der Blick vom Fahrrad aus erschloss die Vielfalt, die der Fluss zusammenhält. Eine Errungenschaft von 1989 ist, jenen Linien folgen zu können, die die Natur vorgibt, nicht jenen, die die Politik diktiert.


Erhard Stackl: Jubel von der CSSR bis Chile

foto: wikimedia commons

Mitte Dezember 1989 saß ich auf der sonnigen Terrasse eines Hauses an der Pazifikküste Chiles. Mich riss die im Land herrschende Feierstimmung mit: Wenige Tage zuvor war mit dem Christdemokraten Patricio Aylwin ein Präsident gewählt worden, der die seit 1973 das Volk unterdrückende Militärdiktatur beendete. 1989 war für Südamerika ein Wendejahr wie für Europa. Auch in Brasilien wurde mit Fernando Collor de Mello im November erstmals seit 29 Jahren ein Präsident vom Volk gewählt.

Im chilenischen Fernsehen lief eben eine Übertragung aus Prag, wo die Tschechische Philharmonie zu Ehren von Václav Havel und der siegreichen Samtenen Revolution die Ode an die Freude von Beethoven spielte. Im November stand ich, als tief beeindruckter Reporter, selbst auf dem eiskalten Wenzelsplatz in der Menschenmenge, die, von Havel ermutigt, ihre schon schwachen kommunistischen Machthaber nach Hause schickte. Der Eiserne Vorhang ging auf.

Nicht überall endete das Jahr so friedlich. In Rumänien stand noch ein blutiger Umsturz mit 1000 Toten bevor, eine Warnung, dass die Gewalt nicht für immer überwunden war. Aber 1989 kämpften engagierte Bürger aller politischen Richtungen - eher linke in Lateinamerika, eher rechte in Osteuropa - einen kurzen historischen Moment lang für dieselben Ziele: 1. Rechtsstaat, 2. Freie Wahlen, 3. Soziale Gerechtigkeit, 4. Saubere Umwelt, 5. Ein gutes Bildungswesen. So hatte es das Prager "Bürgerforum" definiert.


Irene Brickner: Mörbischer Bananen

foto: reuters/guillermo granja/files

Mit am bemerkenswertesten waren die Bananen: Sie wurden, im August 1989 mitten im burgenländischen Mörbisch, von einer Gruppe Einheimischer auf offener Straße den DDR-Bürgern angeboten, die aus dem Wald gestolpert kamen - und diese freuten sich sehr.

Mit den gelben Früchten in der Hand, die "im Osten" - wie dieser damals noch hieß - Mangelware waren, posierten sie vor der Presse. Für Bilder, die ihrem Image als, aus deutscher Perspektive, arme Verwandte von drüben durchaus entsprachen.

Das beobachtend, hatte ich, eine österreichische Journalistin bei einem der ersten Reportageeinsätze für die neue AZ, ein irgendwie flaues Gefühl. Die Euphorie der Männer, Frauen, Kinder, die - das kurzfristige Wegschauen der Ungarn nutzend - durch ein Loch im Zaun in die, wie sie damals bis genau dorthin hieß, freie Welt geklettert waren, machte mich nachdenklich.

In der Bundesrepublik würden sie sich aufs Shoppen freuen, erklärten viele der Entkommenen. Rasch würden sie dort einen Job finden. Mir fielen wieder die Bananen ein, mit ihren Schalen, als Symbole in einem Fall deutsch-deutscher Rutschgefahr.


Thomas Neuhold: Ein Hauch von Weltgeschichte in der DDR-Provinz

foto: jan woitas/dpa

Es waren nicht viele österreichische Journalisten vom 5. bis 12. November 1989 in der DDR. Ich war einer davon. In dieser Woche war alles in Bewegung, nur der DDR-Geruch nach Braunkohle und Zweitaktmotoren war vertraut. Niemand hatte einen Überblick, und so sammelte man wahllos Informationen: in der Gethsemane-Kirche, Zentrum der Berliner Opposition, oder bei der Freien Deutschen Jugend.

Besser beurteilbar wurde die Dimension der Entwicklung mit Distanz zur Hauptstadt. In Rostock - etwa so groß wie Graz - waren 50.000 Menschen auf der Straße. Damit war klar: Dieser Prozess ist unumkehrbar. Den Handelnden selbst schien das nicht immer so bewusst. Harald Terpe vom oppositionellen Neuen Forum in Rostock sagte, die Wiedervereinigung stehe nicht zur Diskussion. Terpe sitzt heute für die Grünen im Bundestag.

Der Bericht über die DDR-Herbststürme erschien im KPÖ-Organ Volksstimme. Die Dynamik hatte auch dort alle überrannt; es gab keinen Versuch, auch nur eine Zeile zu ändern. (DER STANDARD, 6.9.2014)

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