Gurken, Salami, Sekt: Was vom Osten an Produkten übrig blieb

5. September 2014, 22:07
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Neben Rotkäppchensekt und Spreewaldgurken hat auch das "Ost-Persil" den Sprung in das wiedervereinigte Deutschland geschafft

Ost-Produkte? Ihhhh! Dieser Meinung war man nach 1989 nicht nur im Westen. Auch die Bürger der DDR wollten zunächst von der eigenen Ware nichts mehr wissen und nach dem Motto "Test the West“ endlich die lange entbehrten West-Produkte ausprobieren.

Doch irgendwann kam mit "Kost the Ost“ die Gegenbewegung. Viele merkten: Es war nicht alles schlecht im Osten. Rotkäppchen-Sekt ist das bekannteste Produkt, dem der Sprung ins wiedervereinigte Deutschland gelungen ist. Nicht nur das. Die Sektmarke aus dem sachsen-anhaltinischen Freyburg hat auch bekannte West-Marken wie Mumm und MM geschluckt und ist zur größten Sektkellerei des Landes aufgestiegen.

Auch das Waschmittel Spee hat hohe Bekanntheit im Westen. Aber ein echtes Ost-Produkt ist es nicht mehr. Das ehemalige "Ost-Persil“ wurde vom Düsseldorfer Henkel-Konzern gekauft und wird seit 2009 ausschließlich am rheinischen Stammsitz produziert.

Spreewaldgurken & ungarische Salami

Vor Ort hergestellt wird hingegen noch die traditionelle Spreewaldgurke. In Honig, Knoblauch oder Senf gelegt – das brandenburgische Essiggurkerl kommt zuerst in Gläser, dann in den Westen. Dort kennen nicht alle, aber viele mittlerweile auch „Nudossi“, die Nutella des Ostens, sowie die Halloren-Kugeln – süße Kugeln aus der ältesten Schokoladenfabrik Deutschlands in Halle an der Saale.

Doch auch andere Ost-Länder hatten kulinarisch etwas zu bieten. In der STANDARD-Redaktion erinnert man sich an einen streng westlich orientierten Onkel, der 1988 begann, nach Ungarn zu pendeln, um dort westliche Damenkleidung an "arme Ungarinnen“ zu verteilen. Im Gegenzug brachte er stangenweise ungarische Salami mit – nicht die elegante dünne, sondern die etwas bunkerte, extra in Plastik verpackte mit der Banderole in den ungarischen Nationalfarben. Auch Gänseleberpastete und jede Menge Paprika fanden so ihren Weg in den Westen.

Abflussieb

Dass auch nicht Essbares erhaltenswert war, zeigt in Deutschland heute noch der grüne Pfeil. Ist dieser neben einer roten Ampel zu sehen, darf der Autofahrer auch bei Rot abbiegen, wenn er niemand anderen gefährdet. Überlebt hat der grüne Pfeil, weil er nach der Wiedervereinigung in der DDR nicht rechtzeitig von allen Ampeln entfernt wurde. Mittlerweile ist er Bestandteil der bundesdeutschen Straßenverkehrsordnung.

Die Antwort des Individuums auf die Arroganz des Apparates, der im Ostblock nur sehr schmale und damit leicht zu verstopfende Abflussrohre vorsah, war das Abflusssieberl aus weißem Plastik. Plötzlich tauchte es auf, an halb oder ganz illegalen Verkaufsständen, und es fand reißenden Absatz. Seine Erfinder müssen ihr Heldentum in der Anonymität fristen, können sich aber damit trösten, dass ihre Kreation auch den Weg in den Westen gefunden hat. (bau, afs, stui, jk, DER STANDARD, 6./7.9.2014)

  • Rotkäppchensekt...
    foto: picturedesk

    Rotkäppchensekt...

  • ...und das Waschmittel Spee Color.
    foto: picturedesk

    ...und das Waschmittel Spee Color.

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