Das Kapital der Demokratie im 21. Jahrhundert

Kommentar der anderen5. September 2014, 18:15
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Von Impulsen zur Steigerung des Wachstums seit den 1980er-Jahren profitierten vor allem obere Einkommensschichten. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Kapital, sondern auch auf das politische System

Die Aufmerksamkeit, die das jüngste Buch von Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, in den Vereinigten Staaten und anderen Industrieländern erhielt, lässt auf wachsende Besorgnis bezüglich der steigenden Ungleichheit schließen. Das Buch betont besonders die bereits jetzt überwältigenden Beweise für die zunehmende Konzentration von Einkommen und Reichtum in den obersten Einkommensschichten.

Weiterhin werden die etwa dreißig Jahre nach der Großen Depression und dem Zweiten Weltkrieg aus einem anderen Blickwinkel dargestellt, und zwar als historische Anomalie, die möglicherweise Folge eines durch umwälzende Ereignisse erzeugten ungewöhnlichen sozialen Zusammenhalts war. In dieser Ära schnellen Wirtschaftswachstums wurde der Wohlstand breit verteilt, und alle Gruppen machten Fortschritte, auch wenn diejenigen ganz unten prozentual am wenigsten profitierten.

Piketty wirft auch ein Licht auf die von Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 1980ern als Wachstumsverstärker verkauften "Reformen", die allen zugutekommen sollten. Nach diesen Reformen gingen das Wachstum und die weltweite Stabilität zurück, und von dem Wachstum, das tatsächlich stattfand, profitierten vor allem die obersten Einkommensschichten.

Aber Pikettys Arbeit wirft auch grundsätzliche Probleme der Wirtschaftstheorie und der Zukunft des Kapitalismus auf. Er beschreibt große Steigerungen im Verhältnis von Wohlstand zu Produktion. In der Standardtheorie würden solche Steigerungen mit nachlassenden Kapitalerträgen und steigenden Löhnen in Verbindung gebracht. Aber in letzter Zeit scheinen die Kapitalerträge nicht zurückgegangen zu sein, dafür aber die Löhne. In den USA fielen die Durchschnittslöhne in den letzten vier Jahrzehnten um etwa sieben Prozent.

Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass die gemessene Steigerung des Reichtums nicht mit einem Anstieg des Produktivkapitals einhergeht - und die Daten scheinen diese Interpretation zu stützen. Diese Zunahme von Reichtum stammt zu einem großen Teil aus der Wertsteigerung von Immobilien. Vor der Finanzkrise von 2008 gab es in vielen Ländern eine Immobilienblase, und bis heute fand möglicherweise keine vollständige "Korrektur" statt. Die Wertsteigerung kann auch Folge eines Wettbewerbs der Reichen um "Statusgüter" wie Häuser am Strand oder Apartments in New York Citys Fifth Avenue sein.

Manchmal liegt eine Steigerung des gemessenen finanziellen Reichtums an kaum mehr als einer Verwandlung von "ungemessenen" in gemessenen Reichtum. Ein solcher Wandel kann einen Rückgang der allgemeinen Wirtschaftsleistung widerspiegeln. Wenn die Macht der Monopole zunimmt oder Unternehmen (z. B. Banken) bessere Methoden zur Ausbeutung normaler Konsumenten entwickeln, äußert sich das in höheren Profiten und in kapitalisierter Form als Zunahme des finanziellen Reichtums.

Aber in diesem Fall nehmen natürlich das Wohlbefinden der Gesamtgesellschaft und die wirtschaftliche Effizienz ab, selbst wenn der offiziell gemessene Reichtum steigt. Wir beziehen lediglich den gleichzeitigen Wertverlust des Humankapitals - des Wohlstands der Arbeiter und Angestellten - nicht mit ein.

Wenn Banken darüber hinaus erfolgreich ihren politischen Einfluss nutzen, um Verluste zu verstaatlichen und mehr und mehr ihrer fragwürdigen Gewinne zu behalten, steigt im Finanzsektor der gemessene Reichtum. Der damit einhergehende Verlust des Reichtums der Steuerzahler wird nicht gemessen. Auch wenn Konzerne die Regierung dazu bringen, zu viel für ihre Produkte zu bezahlen (wie es die großen Pharmakonzerne erfolgreich getan haben), oder Zugang zu öffentlichen Ressourcen zu weniger als dem Marktwert erhalten (wie es bei Bergbauunternehmen der Fall war), steigt der dokumentierte finanzielle Reichtum, auch wenn der Wohlstand der Bürger abnimmt.

Was wir beobachtet haben - Lohnstagnation und wachsende Ungleichheit sogar bei steigendem Reichtum - spiegelt nicht die Arbeitsweise einer normalen Marktwirtschaft wider, sondern etwas, das ich "Ersatzkapitalismus" nenne. Das Problem liegt vielleicht nicht darin, wie sich Märkte verhalten oder verhalten sollten, sondern in unserem politischen System, das keinen ausreichenden Wettbewerb der Märkte gewährleisten kann und Regeln beinhaltet, die zu dauerhaft verzerrten Märkten führen, in denen Konzerne und die Reichen alle anderen ausbeuten können.

Natürlich existieren Märkte nicht innerhalb eines Vakuums. Regeln müssen sein und werden durch politische Prozesse aufgestellt. Große wirtschaftliche Ungleichheit in Ländern wie den USA und zunehmend auch solchen, die sich am US-Wirtschaftsmodell orientieren, führen zu politischer Ungleichheit. In einem solchen System sind bald auch die Möglichkeiten für wirtschaftlichen Aufstieg ungleich verteilt, was zur immer geringerer sozialer Mobilität führt.

Also spiegelt Pikettys Vorhersage immer höherer Stufen von Ungleichheit nicht die unerbittlichen Gesetze der Ökonomie wider. Durch einfache Änderungen - wie höhere Kapitalertrags- und Erbschaftssteuern, mehr Ausgaben für besseren Zugang zu Ausbildung, strenge Durchsetzung von Kartellgesetzen, Reformen der Unternehmensführung zur Beschränkung von Vorstandsgehältern oder Finanzregulierungen zur Eindämmung der Möglichkeiten für Banken - kann Ungleichheit deutlich reduziert und Chancengleichheit erhöht werden.

Wenn wir die richtigen Spielregeln aufstellen, können wir zu schnellem und allen zugutekommendem Wirtschaftswachstum zurückkehren, das für Mittelklassegesellschaften der Mitte des 20. Jahrhunderts typisch war. Die Hauptfrage heute dreht sich nicht um das Kapital im 21. Jahrhundert. Vielmehr geht es um die Demokratie des 21. Jahrhunderts. (Joseph E. Stiglitz, DER STANDARD, 6.9.2014)

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff, © Project Syndicate

Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften und Professor an der Columbia University. Sein jüngstes Buch gemeinsam mit Bruce Greenwald ist "Creating a Learning Society: A New Approach to Growth, Development, and Social Progress".

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