Das Geheimnis der Bretterverschläge von Moskau 

7. September 2014, 09:00
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Begegnungen mit Lech Walesa und Václav Havel, kurze Blicke auf Leonid Breschnew und Michail Gorbatschow. Die Realität des "real existierenden Sozialismus "

Wir keuchten den ziemlich steilen Hügel des Klosters Jasna Góra in Südpolen hinauf. Hier wurde Polens heiligste Reliquie, die "schwarze Madonna von Tschenstochau", verehrt. Der Atem blieb uns endgültig weg, als wir an der Vorderseite ankamen: Unter uns kniete und betete eine ungeheure Menschenmenge. Mindestens eine Million, sagte man uns. Aber das sei gar nichts, der jetzige Kardinal Józef Glemp sei nicht so beliebt. Der vorherige, Karol Wojtyla, habe noch viel mehr angezogen, noch bevor er Papst wurde. Die Reise war vom ÖVP-Politiker Erhard Busek organisiert worden, der in glänzender Erkenntnis, dass sich da im Osten etwas tat, in fast jedem Land des Ostblocks Dissidenten besuchte, unterstützte, Kontakte knüpfte.

Polen war damals angeblich ein kommunistisches Land. Ein paar Jahre zuvor, 1981, war aber die Solidarnosc so stark geworden, dass die Regierung das Kriegsrecht ausrufen musste. Die katholische Kirche war, wie so oft in der polnischen Geschichte, die Seele des Widerstandes.

Berater der Solidarnosc

Wir hatten mit klugen, liberalen, katholischen Intellektuellen gesprochen, einer davon, Tadeusz Mazowiecki, wurde später Premier. Sie waren die Berater der Solidarnosc. In Danzig sahen wir den anderen Aspekt des polnischen Katholizismus, den intensiven Patriotismus bzw. Nationalismus.

Wir trafen Lech Walesa, Solidarnosc-Galionsfigur, eben erst aus der Internierung entlassen, im Pfarrhof seines Beichtvaters, Prälat Henryk Jankowski. Weiß gekleidete Ehrenjungfrauen, ein Klavierspieler donnerte Chopin, an der Wand von der Decke bis zum Boden ein Ölgemälde von Nationalheld Marschall Józef Pilsudski, der 1920 die Rote Armee vor Warschau aufgehalten hatte. Auf der Pfarrhofmauer saßen die Geheimpolizisten mit Videokameras.

Walesa erschien und beklagte sich über die Folgen der Drogen, die man ihm in der Internierung gegeben hatte. Er wirkte einfach, aber gleichzeitig unerschütterlich in seiner Gewissheit, das kommunistische Regime sei morsch bis in den Kern. Anschließend zeigte uns Jankowski in der Kirche die blutbefleckte Soutane des vom Geheimdienst ermordeten Kaplans Jerzy Popieluszko. In Warschau sahen wir in Popieluszkos Pfarre dann noch einmal die Soutane. "Das ist die echte", sagte man uns.

Breschnew aus der Nähe

1982 war der damalige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger auf Staatsbesuch in der Sowjetunion. Schon am Sonderflughafen Wnukowo sahen wir das Symbol des Sowjetreichs im Verfall. Leonid Breschnew wurde von seinen Leibwächtern praktisch aus der "Zil"-Limousine gehoben, sie steckten ihn in den Mantel, setzten ihm den Hut von hinten auf. Er tat ein paar zappelnde Schritte, dann wurde er von der superzackigen Ehrengarde gnädig verdeckt.

Während die offizielle Delegation die Errungenschaften der sowjetischen Raumfahrt besichtigte, führte uns der junge Diplomat Martin Sajdik durch den Realsozialismus. Neubauten, die schon wieder verfielen. In den wenigen staatlichen Lebensmittelläden eine immense Auswahl an Alkoholika, sonst fast nichts. Auf den Straßen Passanten, die alle Einkaufsnetze mithatten für den Fall, dass es etwas, irgendetwas zu kaufen gäbe.

In den Parks geheimnisvolle kreisrunde Bretterverschläge. Dahinter dutzende junge Männer, die am helllichten Tag ihre Wodkaflaschen leerten. Man konnte dieser Art der Arbeitsverweigerung nicht Herr werden, so verbarg man sie vor den Augen der Öffentlichkeit. Vor den Ausländerhotels - streng verboten für normale Russen - Chauffeure von Dienstautos, die Taxifahrten anboten, während drinnen die Funktionäre tafelten. Am nächsten Tag im Kreml noch einmal Breschnew aus der Nähe: ein Wrack.

Gorbatschow: dynamisch, offen

1988, Franz Vranitzky bei Michail Gorbatschow: dynamisch, offen, er suchte mit den österreichischen Journalisten kurz Kontakt, redete auf uns ein. Von uns kam keiner zu Wort. Vranitzky war es beim Treffen nicht viel anders ergangen.

1987 mit Karl Schwarzenberg in Prag. Der Spross eines alten böhmischen Adelsgeschlechts unterstützte die tschechischen Dissidenten im besonders bösartigen und rigiden tschechoslowakischen Kommunismus.

Wir trafen Václav Havel unter konspirativen Umständen. Er war gerade wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen worden. Auf leicht banale Versuche, ihm eine politische Analyse zu entlocken, ging er kaum ein, blieb im Grundsätzlichen, Philosophischen. Er sprach über die Lüge, die ein integraler Bestandteil der totalitären Macht sei. Jeder wisse, dass alles, von den gefälschten Statistiken bis zu "Errungenschaften des Sozialismus", eine einzige Lüge sei, aber "die Macht" zwinge die Menschen vorzugeben, dass sie daran glauben - und belüge sich so selbst. Zum eigenen Schaden.

Der Dichter und der Fürst

Tief beeindruckt, aber tiefskeptisch über die Chancen dieses Mannes, des ganzen Landes, das System zu überwinden, ging ich weg. Die Frage des Hotelportiers, "Sind Sie in Reisegesellschaft von Ihre firschtliche Gnaden?", nahm ich als Kuriosität. Zwei Jahre später war Havel der Anführer der "samtenen Revolution", der schüchterne Mann sprach zu Hunderttausenden auf dem Prager Wenzelsplatz, wenig später war er Präsident, Schwarzenberg sein Kanzleichef. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Václav Havel 1987, soeben aus dem Gefängnis entlassen, auf dem Prager Hradschin.
    foto: hans rauscher

    Václav Havel 1987, soeben aus dem Gefängnis entlassen, auf dem Prager Hradschin.

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