Der Kapitalismus lebt, nur das Kapital ist tot

5. September 2014, 18:05
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25 Jahre nach dem Ende des real existierenden Sozialismus scheint der Kapitalismus müde zu sein. Rezession und Ungleichheit können laut Edmund Phelps nur mit neuer Dynamik bekämpft werden

Der Jubel war groß. 1989 musste sich im Kampf der Systeme der Kapitalismus nicht mehr behaupten, denn der Gegner war ihm abhandengekommen. Mit dem Kollaps der Sowjetunion als sozialistisches Gegenstück zur Marktwirtschaft US-amerikanischer Prägung war nicht nur der Kalte Krieg jäh zu Ende, sondern auch die zentrale Frage, welche Rolle der Staat in der Wirtschaft zu spielen hat.

In einem Text für den "New Yorker" fasste der renommierte und mittlerweile verstorbene Wirtschaftshistoriker Robert Heilbroner zusammen: "Weniger als 75 Jahre nachdem er offiziell begonnen hat, ist der Wettbewerb zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu Ende: Der Kapitalismus hat gewonnen." Die große Stärke des Kapitalismus, die Produktionsmittel Arbeit und Kapital optimal einzusetzen, habe über die ineffiziente zentrale Steuerung des Wirtschaftsgeschehens triumphiert, so seine Schlussfolgerung.

Weniger dynamisch

25 Jahre später werden wieder nagende Fragen gestellt. Wie kann der Kapitalismus sozial bleiben, wenn das Wachstum als wichtige Quelle für sozialpolitische Maßnahmen versiegt? Warum geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander, wie der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem Buch "Capital in the 21st Century" kraftvoll postuliert?

Der Ökonom und Nobelpreisträger Edmund Phelps forscht an den Antworten zu diesen Fragen. Er leitet an der University of Columbia das Zentrum für Kapitalismus und Gesellschaft. Bereits seit drei oder gar vier Jahrzehnten zeichne sich ein besorgniserregender Trend ab, warnt der Nobelpreisträger: "Die Dynamik und die Innovationen in vielen Volkswirtschaften, selbst in den USA, nehmen stetig ab." Zwischenzeitliche Booms, etwa von Internetunternehmen um die Jahrtausendwende oder auf den Immobilienmärkten danach, würden den Verlust nur kurzfristig kompensieren.

Zu wenig risikofreudig

Der Korporatismus als Wirtschaftsmodell ist für Phelps mit schuld am Verlust der Dynamik. Das enge Verhältnis von Unternehmensverbänden und Arbeitnehmervertretern sowie die Verknüpfungen mit der Politik würden zu einer Verknöcherung führen, weil der Wettbewerb zwischen Firmen an Schärfe verliert: "Für etablierte Unternehmen gibt es so viele Steuerbegünstigungen und Ausnahmen, die im Wettbewerb gegen kleine, junge Unternehmen unfaire Vorteile verschaffen." Daher sei der Anteil von neu geschaffenen Jobs seit zwei Jahrzehnten deutlich rückläufig, selbst in den USA, aber vor allem in Europa, der Heimat des Korporatismus.

"Insgesamt kann man sagen: Viel von dem heute zur Verfügung stehenden Kapital ist tot", sagt Phelps. Damit meint er, dass Kapitaleigner viel weniger Unternehmerrisiken eingehen als früher und ihr Geld lieber "sicher" investieren. Damit sei das Kapital aber tot. So kritisiert Phelps, dass gerade europäische Banken, die viele Jahrzehnte lang das Rückgrat von innovativen kleinen Mittelstandsunternehmen waren, zusehends Geschäfte machen, die kaum mit der Realwirtschaft zu tun haben. "Der einzige Sinn und Zweck vieler Großbanken scheint es zu sein, Staatsanleihen zu kaufen, das ist weit weg von jeder Innovation."

Neubelebung

Ein wettbewerbsfeindliches System würde auch das Problem der steigenden Ungleichheit verschärfen, betont Phelps. "Wenn die bestehenden Unternehmen und ihre Eigentümer einem scharfen Wettbewerb neuer Firmen ausgesetzt sind, ist auch das Problem einer reichen Elite weniger hartnäckig." Mehr Innovation und Unternehmensgründungen würden den Anteil des reichsten Prozents am Gesamtvermögen reduzieren, ist Phelps überzeugt.

Um einen neuen Wachstumsschub in Europa oder den USA herbeizuführen, müsste der Kapitalismus "neu gelebt" werden, findet Phelps. Seine Hoffnung ist, dass alternative Finanzplattformen wie Crowdfunding - dabei können sich eine Vielzahl von Sparern direkt an Projekten beteiligen - oder Risikokapitalgeber wie Fonds mehr Mittel an kreative Unternehmen geben. Dann könnte wieder gejubelt werden. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Der Kapitalismus im Dornröschenschlaf? Das Graffiti vor der EZB will den Kapitalismus einschläfern, der Ökonom Edmund Phelps ihn so richtig aufwecken.
    foto: reuters

    Der Kapitalismus im Dornröschenschlaf? Das Graffiti vor der EZB will den Kapitalismus einschläfern, der Ökonom Edmund Phelps ihn so richtig aufwecken.

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