Die Überwindung der Furcht

5. September 2014, 17:38
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Die Revolution von 1989 gelang, weil eine kritische Masse von Menschen in Ostmitteleuropa ihre Furcht vor der Repression überwand. Angesichts dessen, was heute nahe der EU-Ostgrenze geschieht, ist diese Botschaft aktueller denn je.

Was er von der Französischen Revolution halte, fragte US-Außenminister Henry Kissinger den chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai (Tschou En-lai) 1971 in Peking. Die überlieferte Antwort: "Es ist zu früh, das zu sagen." Zu früh - fast 200 Jahre danach. Zhou, aus einer großbürgerlichen Familie stammend und zweifellos der intelligenteste und gebildetste Kopf der führenden chinesischen Kommunisten, meinte es völlig ernst.

Darin drückt sich ein Geschichtsverständnis aus, das auch bei der Beurteilung der 1989er-Revolution in Mittel- und Osteuropa nützlich sein kann. Die fand übrigens genau 200 Jahre nach derFranzösischen statt. Und 25 Jahre später ist, mit Blick auf den Ukraine-Konflikt, weniger klar denn je, welche langfristigen Auswirkungen sie haben wird.

Demonstration in Leipzig

Noch vor fünf Jahren, zum 20-Jahr-Jubiläum, schrieb der deutsche Politologe Peter Graf Kielmansegg in einem Beitrag für die Zeitschrift Osteuropa, die Jahrhundertbedeutung der Revolution von 1989 liege darin, dass sie die russische Oktoberrevolution von 1917 widerrufen habe. Der Autor bezog sich dabei auf ein seiner Ansicht nach exemplarisches Ereignis: die große Demonstration in Leipzig am 9. Oktober. In ihr habe sich die Überwindung der Furcht so eindrucksvoll manifestiert, dass die DDR-Staatsmacht nach früheren brutalen Einsätzen gegen Demonstranten es nicht mehr wagte, gewaltsam vorzugehen.

Indem er die Überwindung der Furcht als den entscheidenden Punkt für das Gelingen der 1989er-Revolution festmacht, bezieht sich Kielmansegg auf die Staatsformenlehre des französischen Philosophen Charles de Montesquieu (1689-1755). Darin wird jeder Staatsform ein Prinzip zugeordnet. Das Prinzip der Despotie ist die Furcht.

Bittere Ironie der Geschichte

Erreicht die Zahl der Untertanen, die ihre Angst vor der Obrigkeit überwinden, eine kritische Masse, dann bedeutet dies das Ende der Despotie. Genau das ist zwischen Frühjahr und Herbst 1989 in den zum sogenannten Ostblock zählenden Staaten Mittel- und Osteuropas geschehen, in einem inneren und äußeren Dominoeffekt, der zwei Jahre später zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte. Dieser bedeutet für den russischen Präsidenten Wladimir Putin bekanntlich "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

Der 1989er-Revolution Vergleichbares ereignete sich bei der Euromaidan-Bewegung im vergangenen Spätherbst in der Ukraine. Der Auslöser: Präsident Wiktor Janukowitsch hatte das ausgehandelte Assoziierungsabkommen mit der EU auf massiven russischen Druck hin platzen lassen. Den Stellenwert dieses Abkommens für Kiew hatte der ukrainische Botschafter und Chefverhandler in Brüssel, Kostiantyn Yelisieiew, wenige Wochen zuvor in einem Standard-Interview mit der Bedeutung des Mauerfalls für die deutsche Wiedervereinigung verglichen.

Dass dies keine Übertreibung war, zeigte und zeigt das Vorgehen Putins. Und darin liegt diebesonders bittere Ironie der Geschichte. Michail Gorbatschow, der letzte Staatschef der Sowjetunion, hatte mit seiner (wenn auch inkonsequenten) Reformpolitik ab Mitte der 1980er-Jahre dieFreiheitsbewegungen in Ostmitteleuropa ermuntert. Als es wirklich ernst wurde, verzichtete Gorbatschow auf Gewalt und bestimmte damit auch das Verhalten der Regime in den "Bruderländern". Putin, sein Nachnachfolger im Kreml, will jetzt, mit immer dreisterem Einsatz von Gewalt, dieSowjetunion in Form eines ungeniert hegemonialen Russlands wiederauferstehen lassen.

Putins Horrorvision

Sosehr Putin der UdSSR als Supermacht nachtrauern mag, so sehr fürchtet er eine Wiederholung derOktoberrevolution von 1917. Die war zwar keine wirkliche Revolution, sondern ein Staatsstreich derBolschewiken. Dennoch lässt sie sich propagandistisch gut als abschreckendes Beispiel für Chaos und Anarchie nutzen. Dahinter steht allerdings eine ganz andere Befürchtung: Ein durchschlagender Erfolgder Euromaidan-Revolution, also eine demokratische Ukraine mit klarer europäischer Ausrichtung, könnte nicht ohne Folgen für die Entwicklung in Russland bleiben. Ein Volk, das seine Furcht vor den Herrschenden überwindet, das muss eine Horrorvision für den vom Sowjetgeheimdienst geprägten Kremlchef und seinen Machtapparat sein.

Derzeit kann Putin allerdings noch auf die Angst vieler Menschen vor neuer Instabilität setzen. Und dies nicht nur in Russland. In der EU rückt die hartnäckige Wirtschaftskrise das Sicherheitsdenken ebenfalls in den Vordergrund. Auch in den neuen Mitgliedstaaten haben die Menschen inzwischen materiell etwas zu verlieren, während die Erinnerung an die Zeit vor 1989 verblasst. Jene Länder, wo sie noch sehr lebendig ist - Polen und die baltischen Republiken -, sind mit ihrem Ruf nach einem schärferen Kurs gegenüber Moskau innerhalb der Union in der Minderheit.

Unter diesem Aspekt ist die Kür des polnischen Premiers Donald Tusk zum künftigen EU-Ratspräsidenten ein bedeutsames Signal. Man kann sie auch als - späte - Anerkennung der Rolle Polens in der Entwicklung sehen, die in die Revolution von 1989 mündete.

"Fürchtet euch nicht!", hatte der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla 1978 nach seiner vom Wiener Kardinal Franz König vorbereiteten Wahl zum Papst den Menschen auf dem Petersplatz in Rom zugerufen. Im Jahr darauf besuchte Johannes Paul II. erstmals seine polnische Heimat. Offiziell sollte es eine Pastoralreise sein. Aber die kommunistischen Machthaber waren hypernervös - zu Recht. Vorder Rückreise nach Rom machte der Papst in Krakau hunderttausenden Landsleuten mit den gleichen Worten Mut: "Fürchtet euch nicht!" Ein Jahr später erzwangen die streikenden Arbeiter der Danziger Leninwerft vom KP-Regime die Zulassung freier Gewerkschaften. Für die Solidarnosc unterzeichneteder Elektriker Lech Walesa das Abkommen mit einem großen Kugelschreiber, auf dem für alle sichtbar das Bild von Papst Wojtyla prangte.

Demütigung des Regimes

Es war eine Demütigung des Regimes, aber sie beeinflusste unbestreitbar auch die Entwicklung in derSowjetunion. Fünf Jahre später, 1985, wurde Gorbatschow Parteichef, nach weiteren vier Jahren wardie sowjetische Hegemonie in Ostmitteleuropa Geschichte.

Man kann die Revolution von 1989 als Folge einer Verkettung "glücklicher" Umstände erklären. Das wird ihr freilich nur sehr bedingt gerecht, weil es das Verhalten der handelnden Personen, ob in der Tat oder in der Unterlassung, ausblendet. Man kann es auch mit Zhou Enlais Ansicht zur Französischen Revolution halten.

Sicher aber ist: Es war das brennende Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung, das Hunderttausende in Leipzig, Berlin, Prag, Budapest, Warschau und vielen anderen Städten ihre Furchtüberwinden und auf die Straße gehen ließ. Was sie erkämpften, ist auch 25 Jahre danach keine Selbstverständlichkeit. Zumindest diese Klarheit sollte der Blick weiter nach Osten schaffen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Die Euromaidan-Bewegung in der Ukraine sieht sich auch in der Tradition der ostmitteleuropäischen Revolutionäre von 1989.
    foto: reuters

    Die Euromaidan-Bewegung in der Ukraine sieht sich auch in der Tradition der ostmitteleuropäischen Revolutionäre von 1989.

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