Eine grüne Brücke zwischen Ost und West

6. September 2014, 15:00
4 Postings

Im Schatten des Eisernen Vorhangs blieben Pflanzen und Tiere oft unbehelligt von Eingriffen: Das Grüne Band reicht vom Eismeer bis ans Schwarze Meer

Zumindest da und dort soll die Kutschenitza (slowenisch: Kucnica) wieder wie früher aussehen. Das schmale, einförmige Bächlein, das im südöstlichsten Zipfel der Steiermark auf 20 Kilometern die Staatsgrenze zu Slowenien markiert, schlang sich einst wild mäandernd durch die Wiesen. Die Regulierung kam in den 1960er-Jahren. Der Vertrag zwischen Österreich und dem damaligen Jugoslawien sah sogar vor, dass der Bach nach der Begradigung mit Panzern überquerbar sein muss, erklärt Johannes Gepp.

Der Ökologe und Vizepräsident des Österreichischen Naturschutzbundes hat die Initiative zur Renaturierung der Kutschenitza ins Leben gerufen. Drei Jahre lang wurde geplant und informiert. "Jetzt scheinen wir Gehör zu finden." Gepp hofft auf einen Rückbau - zumindest an einigen Stellen. "Seien wir Realisten!", sagt er abgeklärt.

Die wasserwirtschaftliche Umsetzung wäre ein kleiner Schritt in Richtung einer großen Vision. Die 20 Grenzkilometer der Kutschenitza sind Teil jener 12.500, die Europa einst in Ost und West trennten. Gepp und seine internationale Kollegenschaft wollen den Landstreifen des früheren Eisernen Vorhangs als Grünes Band durch Europa erhalten. Rund um die scharf bewachte Grenze, im Niemandsland zwischen Minen und Stacheldraht, blieben Pflanzen und Tiere weitgehend unbehelligt von menschlichen Eingriffen. Nur der Kutschenitza half offenbar nicht einmal der Eiserne Vorhang.

Schon zur Zeit der Wende hatten deutsche Naturschützer die Idee, den Bereich der überflüssig gewordenen Mauer mit seinen seltenen Vogelarten als Naturraum zu erhalten, erklärt Gepp, der als Österreich-Koordinator des paneuropäischen Projekts fungiert. Die ehemalige Grenze ist dort nun innerdeutsches Gebiet. Schutzgebiete samt Ökotourismus funktionieren.

25 Jahre nach dem Mauerfall hat sich die Idee auf ganz Europa ausgebreitet. 18 der 24 Staaten mit Anteil am Grünen Band haben eine entsprechende Deklaration unterzeichnet. Auf dem Balkan werden die neuen Staaten eingebunden, Seitenarme des Grünen Bandes entstehen. Russland und Finnland, deren Grenze den längsten Anteil ausmacht, haben sich auf eine eigene Konvention geeinigt, die strenger ist als jene der übrigen Staaten.

Österreichs Anteil ist der zweitlängste: 1218,52 Kilometer. Die Nationalparks Böhmerwald, Thayatal und Neusiedler See sind Teil davon. Ebenso die Grenz-Mur mit ihren Auen, die March, an der sich im Sommer baumbrütende Störche niederlassen, und die Narzissenwiesen der Karawanken; oder der Grenzfluss Maltsch im oberen Mühlviertel, wo noch die raren Flussperlmuscheln zu finden sind. Gerade die Flussauen im Schatten der Grenze blieben oft von intensiver Landwirtschaft und Kraftwerksbauten verschont.

Natürlich gibt es auch Lücken: Das Burgenland sei ein Sorgenkind. Monokulturen lassen das Grüne Band verblassen. Wünschenswert wäre ein Korridor von 25 bis 50 Kilometern, wobei vielerorts schon kleine Maßnahmen ausreichen würden: Wildbrücken über stark befahrene Straßen, ein Heckenband am Ackerrand. Wie so oft geht es auch hier um Fördermittel. Springt der Ökotourismus an, könnte in den Randregionen die Abwanderung der Menschen aufgehalten werden, sagt Gepp.

Zuwanderer gibt es unter den Tieren: Wölfe, Bären und Luchse, denen einst der Grenzübertritt verwehrt war. Die Rehe hatten gelernt, Minenfelder zu meiden. Selbst nach der Räumung hätten sich die Tiere mindestens 15 Jahre nicht über die Grenze getraut, erzählt Gepp. Über Generationen behielten sie ihre vom Kalten Krieg geprägten Reviere bei.

Österreich ist durch den großen Anteil zu einer zentralen Schnittstelle für die sechs Nachbarn am Grünen Band geworden. "Man erwartet sich, dass wir da und dort anschieben", sagt Gepp. Was auch nach hinten losgehen kann. Jahrelang habe er sich gegen neue Kraftwerke an den Flüssen des Balkans eingesetzt. Bis ihn dann ein Botschafter warnte, dass er ins Ziel der lokalen Mafia geraten sei.

Trotz der Widerstände entwickelt sich der Grünstreifen zwischen Eismeer und Schwarzem Meer stetig weiter. Nicht nur im Kleinen wie an der Kutschenitza. Auch im Großen. Noch im September soll eine "Green Net" -Charta zur Förderung des ökologischen Netzwerks zwischen Österreich und seinen Nachbarn unterzeichnet werden. Eine European Green Belt Association soll gegründet werden, die alle beteiligten Parteien an einen Tisch holt. Ein Radweg entlang der Grenze entsteht. Irgendwann soll das Grüne Band zum Unesco-Welterbe werden.

Ein Projekt mit Vorbildwirkung: Gepp empfing bereits eine Delegation aus Südkorea. Die Hoffnung lebt, dass aus dem Minenfeld zwischen Nord- und Südkorea dereinst auch ein Grünes Band wird. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 6.9.2014)

Share if you care.