Viele Ost-Landschaften blühen immer noch nicht

7. September 2014, 12:00
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Nach dem Zusammenbruch der DDR mussten die Ostdeutschen Marktwirtschaft lernen. Von den Folgen hat sich die Wirtschaft bis heute nicht erholt

Man sieht sie auch heute noch, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, wenn man aus Berlin hinaus und ins Brandenburgische hineinfährt: graubraune Produktionsstätten, die immer mehr verfallen und von Unkraut überwuchert werden.

Massive Zäune schützen sie vor ungebetenem Zutritt - es soll sich bloß keiner verletzen. Zu holen gibt es ohnehin längst nichts mehr. Die verrotteten VEBs (Volkseigene Betriebe) sind sichtbare Zeugnisse des Scheiterns und werden noch Jahre an ein unschönes Kapitel der Post-DDR-Geschichte erinnern: an die mühsame Einführung des Kapitalismus.

Billiger Salat

"Kombinate privatisieren, wo möglich. Sanieren, wo möglich, und stilllegen und liquidieren, wo unabweisbar" - so beschrieb Detlev Karsten Rohwedder, Chef der Treuhandanstalt, einst seine Aufgabe. Gegründet und dem Finanzministerium unterstellt wurde die Treuhand (wie sie später kurz genannt wurde) am 1. Juli 1990. Es war das Jahr, in dem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) den Ostdeutschen "blühende Landschaften" versprach.

Und eigentlich hatte die Treuhand ja durchaus auch etwas zu verkaufen. Zwar war vieles veraltet, überbesetzt und daher nicht rentabel. Aber dennoch gab es unterm Strich Betriebe im Wert von rund 600 Milliarden D-Mark (306 Milliarden Euro). So viel sei der "ganze Salat wert", meinte Rohwedder einmal salopp. Doch viereinhalb Jahre später, am 31. Dezember 1994, schloss die Treuhand mit einem Minus von 256,4 Milliarden D-Mark (131 Milliarden Euro).

Umverteilung

8.490 Unternehmen existierten am Anfang, diese Anzahl stieg durch Firmenentflechtungen auf 12.354. Davon wurden 6.946 privatisiert, 1.588 reprivatisiert, 310 kommunalisiert und rund 3.700 abgewickelt. Zum Schluss waren drei Millionen Arbeitsplätze wegrationalisiert. Die Ostdeutschen selbst gingen beim großen Ausverkauf der DDR fast leer aus: Sie bekamen nur fünf Prozent der Betriebe. 85 Prozent gingen an "Wessis", zehn Prozent ins Ausland.

"Seither wurden sehr große Anstrengungen unternommen, um auf westdeutsches Niveau zu kommen", sagt Axel Lindner vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zum STANDARD. Der Bund investierte Milliarden in den Ausbau der Infrastruktur, umverteilt wurde vor allem über die Sozialversicherungssysteme, in die die Ostdeutschen aufgenommen wurden.

Arm aber reicher

Doch der Prozess der wirtschaftlichen Angleichung braucht Zeit. In ihrem Jahresbericht zum Stand der Einheit stellt die Regierung fest: "Zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen noch spürbare Unterschiede in der Wirtschaftskraft je Einwohner, den Löhnen und Gehältern fort." Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei 67 Prozent des Westniveaus (1990 waren es 33 Prozent), die Löhne und Gehälter bei 80 Prozent.

Die blühenden Landschaften, die Kohl versprochen hat, gibt es längst noch nicht flächendeckend. Aber es sind wirtschaftsstarke Regionen entstanden um Dresden (IT), Leipzig (Automobilbranche), Bitterfeld (Chemie) und Jena (Optik und Feinmechanik). Was allerdings oft vergessen wird: Verglichen mit anderen ehemaligen Ostblockstaaten, liegt die ehemalige DDR wirtschaftlich auf dem Spitzenplatz. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Ein Mähdrescher in Sachsen-Anhalt entleert Getreide. In der ehemaligen DDR finden sich viele große Landwirtschaftsflächen.
    foto: apa

    Ein Mähdrescher in Sachsen-Anhalt entleert Getreide. In der ehemaligen DDR finden sich viele große Landwirtschaftsflächen.

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