Das letzte unschuldige Jahr Jugoslawiens

6. September 2014, 17:12
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1989 ahnte noch niemand die grauenvollen Kriege und den Zerfall des Staates

Die Schulterpolster der grellroten Bluse der Sängerin waren geradezu monströs. Die Gitarristen trugen Bundfaltenhosen und weiße Sakkos. Am Lebensgefühl der 80er kratzte noch niemand. 1989 war das Jahr, indem Jugoslawien mit dem Lied „Rock me“ der kroatischen Band Riva den Song Contest gewann. Der Song kam ganz ohne politische Andeutung aus.

1989 war das Jahr, in dem in Jugoslawien noch niemand etwas ahnte: vor allem nicht den Krieg und nicht den Zerfall des Staates. In diesem Sinn war 1989 ein geradezu ein unschuldiges Jahr, das letzte unschuldige Jahr für den sozialistischen Staat, der so lange als Vorzeigemodell zwischen dem Osten und Westen Europas gegolten hatte, aber dessen Vorbildcharakter gerade wegen der Demokratisierung in Osteuropa nun wegfiel.

„Jugoslawien war nicht mehr so relevant, weil der Kalte Krieg aufgehört hatte und damit war es kein geopolitischer Partner mehr für den Westen“, erklärt Florian Bieber, Südosteuropa-Experte der Universität Graz. Als im Jänner 1990 der Parteikongress der jugoslawischen Kommunisten stattfand, hatten die anderen das ehemalige Vorzeigeland bereits überholt. Denn in Osteuropa waren vielerorts die kommunistischen Parteien bereits in Auflösung. Aber auch in Jugoslawien schaut es Ende 1989 noch gut aus. Ministerpräsident Ante Marković machte Reformen und man dachte, dass man dem Trend der anderen osteuropäischen Länder folgen werde. „Niemand rechnete damit, dass Jugoslawien innerhalb von zwei Jahren zusammenbrechen würde“, so Bieber.

Reisefreiheit und westliche Konsumgüter

In Jugoslawien – anders als in den kommunistischen Regimen in Osteuropa – verlangte allerdings 1989 niemand nach einem Elitenwechsel, auch die Forderungen nach Demokratisierung fielen viel weniger stark aus – denn in Jugoslawien gab es schon lange das, wonach die anderen sich so ersehnten: Reisefreiheit und westliche Konsumgüter. „Viele der Forderungen in Leipzig oder Prag waren Normalität in Jugoslawien“, so Bieber. „Es gab keine großen antikommunistischen Proteste wie in Polen oder Tschechien.“ Selbst bei den Protesten in Serbien 1988 handelte es sich um Demonstrationen gegen Armut. Erst später wurden sie dann von von Slobodan Milošević, der 1989 Präsident von Serbien wurde und bis dahin die Kommunistische Partei führte, vereinnahmt und nationalistisch aufgeladen.

Insbesondere die Kosovo-Serben wurden von ihm instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit darauf einzustimmen, dass der Druck auf die autonome Provinz wachsen werde. Dort war es bereits seit 1981 immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Immer öfter war in serbischen Medien vom „Genozid“ an den Serben im Kosovo zu lesen, der von den Albanern begangen werde. Tatsächlich gab es Übergriffe von Kosovo-Albanern gegen Serben. Die Propaganda war eine andere Sache.

Das einschneidendste und folgenschwerste Ereignis 1989 in Jugoslawien war, dass im März die Vojvodina und der Kosovo durch Verfassungsänderungen faktisch ihren Status als autonome Provinzen verloren. Die Parteiführungen in der Vojvodina, dem Kosovo und Montenegro wurden zudem durch Milošević-treue Genossen ersetzt wurden. „Das war das erste Mal, dass das Machtgleichgewicht durch Serbien einseitig geändert wurde“, so Bieber. „Und das hat in Slowenien und Kroatien viele beunruhigt. Denn es hat gezeigt, dass die Balance nicht nur durch Konsens, sondern durch die Macht des Stärkeren verändert und dass die Eigenständigkeit der Republiken reduziert werden kann. Deshalb haben die Loslösungstendenzen zugenommen.“

Im September 1989 änderte Slowenien seine Verfassung und verankerte das Sezessionsrecht ohne Zustimmung der anderen Republiken darin. Serbien antwortete mit einem Boykott slowenischer Waren. Doch nicht einmal in Slowenien gab es 1989 eine Mehrheit in der Bevölkerung für die Unabhängigkeit. „Man dachte, es würde zu einer Konföderation kommen“, so Bieber. So arbeitete man etwa darauf hin, dass die Gesetze der Republiken jenen des Gesamtstaates vorgezogen werden, um mehr Verhandlungsmasse gegenüber den anderen Republiken zu haben, erklärt der Historiker und Politikwissenschaftler.

Im Jahr 1989 wurde aber in den Republiken der Weg für ein Mehrparteiensystem und für freie Wahlen geebnet. In Slowenien entstand die Demokratische Opposition Sloweniens (Demos), ein Zusammenschluss von fünf Parteien. In allen anderen Teilrepubliken hatten die neu in Gründung befindlichen Parteien eine ethno-nationalistische Ausprägung, die in den nächsten beiden Jahrzehnten Südosteuropa weiter prägen sollten und dies insbesondere in Bosnien-Herzegowina, in Serbien und in Mazedonien bis heute mit schweren Folgen tun. In Kroatien wurde im Juni 1989 die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ) gegründet, die in den 1990ern die Trägerin des kroatischen Ethno-Nationalismus wurde. Aber noch hätte niemand in Kroatien geglaubt, dass die HDZ die Wahlen gewinnen würde.

Insgesamt war der Nationalismus 1989 in der Sozialistischen föderativen Republik nicht dominant. Die Spannungen blieben weitgehend auf Albaner und Serben im Kosovo beschränkt, also auf jenen interethnischen Konflikt, der 1999 schließlich zum letzten Balkankrieg führen sollte.

Vielmehr war der Sozialismus wegen der ökonomischen Situation am Ende. Die Republiken, die selbstverwalteten Unternehmen, die Gemeinden und die Bürger waren Ende der 1980er Jahre völlig verschuldet. Eigentlich war Jugoslawien bankrott, bevor die politische Krise sich verschärfte. Man hatte völlig über die Verhältnisse gelebt. Vielleicht merkten deshalb die meisten Bürger überhaupt nicht auf welche Krise sie längst zusteuerten.

Geld aus der Nationalbank

Das Ende des Sozialismus und der Zerfall des Staates gingen ineinander über. Während Marković versuchte das Ruder mittels Reformen herumzureißen, zogen die Republiken nicht mit. Er senkte die Inflationsrate, die Gehälter wurden wieder regelmäßiger ausbezahlt, die Läden füllten sich wieder. Doch die Republiken verzichteten nicht auf ihre eigene Geldpolitik – insbesondere Serbien holte sich Geld aus der Nationalbank. Auch das Aluminiumwerk in Montenegro war damals bereits ineffizient, wie auch die Schwerindustrie in Bosnien-Herzegowina in einer tiefen Krise steckte.

Als Strategien standen sich Zentralisierung und Föderalisierung gegenüber. Während Milošević mit einer Verfassungsreformen das Zentrum stärken wollte, wollte man in Slowenien und später auch in Kroatien den Bundesstaat in eine Konföderation umwandeln. Der Wunsch nach mehr Autonomie hatte sich aber bereits Mitte der 70er Jahre mit der neuen Verfassung abgezeichnet. Doch der Wille Kompromisse innerhalb des Bundes der Kommunisten zu schließen, schwand 1989 immer mehr.

Manche wie der ehemalige Weggefährte Miloševićs, Ivan Stambolić hatten später beschrieben, dass es sie bereits damals sorgte, wie sehr es ihm an Kompromissbereitschaft fehlte und dass er bereit war, die Straße einzusetzen. „Das war neu, dass die Konflikte nicht mehr hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wurden, sondern die Massen mobilisiert wurden“, so Bieber.

Doch rhetorisch blieb Milošević in Deckung. Die berühmte Rede am St. Veitstag, dem 28. Juni 1989 in Kosovo Polje, dem Amselfeld, unweit der heutigen kosovarischen Hauptstadt Prishtina, wo noch heute das Denkmal für die Schlacht im Jahr 1389 steht, war eigentlich nicht sonderlich nationalistisch. Milošević betonte damals immer wieder Einheit und Gemeinsamkeit. Doch das massenhaft angekarrte Publikum war bereits auf Nationalismus eingestimmt. Das Slobo-Slobo-Geschrei klang wie ein Aufruf diesen zum dominanten Merkmal der Politik zu machen.

Interessanterweise war damals der spätere slowenische Präsident Janez Drnovšek auf dem Amselfeld dabei. Er stand als Präsident der jugoslawischen Präsidentschaft neben Milošević, was nachdem was alles danach geschah, beinahe unglaubwürdig wirkt. Die Slowenen hatten sich 1989 als erstes mit den Kosovo-Albanern solidarisiert, weil sie im serbischen Nationalismus für sich selbst eine Gefahr sahen. Wenn auch nicht die Rhetorik, so war die Inszenierung des Jahrestags am Amselfeld eine klar serbisch-nationalistische, aber keine gesamtjugoslawische mehr, meint Bieber. Tatsächlich kam am Ende seiner Rede zunächst ein „Lang lebe Serbien“, aus Milošević Mund, bevor er sagte: „Lang lebe Jugoslawien“.

Am 15. Oktober 1989 starb übrigens Danilo Kiš, einer der wenigen die das Grauen vorausgeahnt hatten. "Verstehe doch, ich kann es nicht aushalten, dass die sich am liebsten gegenseitig umbringen möchten!", hatte er seinem Schriftstellerkollegen István Eörsi als Grund genannt, warum er nicht in Jugoslawien leben wollte. "Wer?", hatte dieser gefragt. Kiš antwortete: "Die Serben die Kroaten, die Kroaten die Serben, alle beide die Slowenen, und alle drei die Albaner." Kiš sagte später in diesem Gespräch: "Ich bin der letzte jugoslawische Schriftsteller." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Slobodan Milosevic im Jahr 1989 auf dem Amselfeld.
    foto: standard/prelic

    Slobodan Milosevic im Jahr 1989 auf dem Amselfeld.

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