Die Regeln eines längst verlorenen Spiels

5. September 2014, 17:24
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Der Dokumentarfilm kehrt immer wieder zu den historischen Ereignissen von 1989 zurück und unterzieht dabei auch die Bilder einer Revision. Von verlorenen Revolten, vorlauten Papageien und Derbys im Schneetreiben

Gerade steht man noch an der Spitze eines Staates, zwei Jahre später ist man schon eine Witzfigur. Der Dokumentarist Marcel Ophüls geht in seinem 1991 realisierten Film November Days mit Egon Krenz nicht zimperlich um. Verstrickt sich der letzte DDR-Staatschef in Widersprüche, montiert der Regisseur einen Papagei dazwischen, der einzelne Wörter verballhornt. Des Vogels Stimme, der eigentlich dem Parteigenossen Günter Schabowski gehört, ist eindeutig jene von Ophüls selbst. Er duldet die Relativierungen von Krenz nicht, der sich noch immer ein wenig wie ein Staatsmann fühlt.

November Days, der mit BBC-Aufnahmen vom 9. November beginnt, ist der Film eines Mannes, der von außen auf einen verschwundenen Staat zurückblickt. Ophüls interviewt Zeitzeugen, systemtreue Literaten wie Stephan Hermlin, Intellektuelle wie Heiner Müller, aber erst an Technokraten wie Krenz, Schabowski oder dem Stasi-General Markus Wolf wird deutlich, dass er wie ein leicht boshafter Komödienregisseur vorgeht. Die Nomenklatur stellt er infrage, indem er ihren Vertretern unbequeme Fragen stellt oder Aussagen mit Filmausschnitten karikiert.

Interessanterweise war es sonst dem Spielfilm vorbehalten, mit Komik auf die Ereignisse von 1989 zurückzublicken (Good Bye Lenin). Im Dokumentarfilm, zumal jener Regisseure, die in der DDR aufgewachsen sind, herrscht die höher entwickelte Sensibilität für den Umbruch vor. Thomas Heise filmte in den Novembertagen von 1989 in einer Imbissbude auf dem Bahnhof Lichtenberg in Berlin. Die Angestellten bereiten in Imbiss spezial Würstchen zu, kochen Erbsensuppe. Auf der Tonebene wird die Bedeutung des historischen Moments über das Stimmenkonzert erfahrbar, in dem sich Staatsfunk mit Gesprächen von Passanten mischt. Am Ende steht: "Aus Ideen werden Märkte. Deutsche Bank" - eine Systemablöse.

Mit Eisenzeit verwirklichte Heise zwei Jahre später einen erschütternden Film über die "Lost Generation" der DDR: Fragmentarisch werden die Biografien innerhalb einer Freundesgruppe aus Eisenhüttenstadt rekapituliert, für die es in der Diktatur keinen Platz, keine Würde gab. Auch die Wende war keine zu einem glücklicheren Leben.

Je länger der historische Zeitpunkt zurückliegt, desto erratischer, gespenstischer wirkt das historische Bildmaterial in den Filmen. Dies veranschaulichen etwa zwei Arbeiten aus Rumänien. Andrei Ujicas Film Die Autobiografie von Nicolae Ceausescu (2010) montiert Archivaufnahmen, welche die Laufbahn des rumänischen Staatschefs von 1965 bis zu seiner Erschießung 1989 zeigen, zu einer surreal wirkenden Reise in das Regime eines Despoten. Er zeigt damit auch die totalitäre Qualität der Bilder auf.

Corneliu Porumboiu beschränkt sich in seinem Film The Second Game (2014) dagegen auf ein einziges Fußballspiel aus dem Winter 1988. Steaua spielt gegen Dinamo, der Verein der Armee gegen den der Securitate. Es schneit, der Ball ist kaum zu sehen. Porumboiu filmt das Spiel von einem VHS-Band in Realzeit ab und unterhält sich dabei mit seinem Vater, der es gepfiffen hat. Dieser ließ den Ball laufen, gab öfters Vorteil, als man es heute täte.

Klar wird dabei, dass man die Nuancen der Spielregeln kennen muss, um den Verlauf der Geschichte zu verstehen. Das Match ging damals unentschieden aus. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 6./7.9.2014)

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