Vorwärts, weiter nach unserem Skript

5. September 2014, 18:05
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Wie die USA mit ihrem Status als Supermacht umgehen

Folgt man Walter Russell Mead, dann liegt es am landestypischen Optimismus, dass Amerikaner große Mühe haben, die krisenschwangere Welt von 2014 zu verstehen. "Amerikaner neigen zu der Auffassung, Geschichte bewege sich unaufhaltsam auf eine bessere, friedlichere Zukunft zu", schrieb der Außenpolitikexperte kürzlich in einem Essay. Aus der Perspektive Bostons oder Seattles müsste es doch relativ einfach sein, Win-win-Lösungen für internationale Konflikte zu finden, Kompromisse zu schmieden, bei denen es keine Verlierer gebe, sondern nur Sieger.

Mead lehrt am Bard College in der Nähe New Yorks, sein Blog The American Interest erfreut sich regen Interesses, politisch versteht er sich als Zentrist. Dass Russland die Krim besetzt, China vor seinen Küsten die Spannungen schürt, der Irak und Syrien in "Religionskriegen" zerrieben werden - so hätten sich Amerikaner die Welt in der dritten Dekade nach dem Mauerfall bestimmt nicht vorgestellt, sagt der Wissenschafter.

Kein Ende nach der Epochenwende

Francis Fukuyama sah mit der Epochenwende 1989, dem Sieg der liberalen Demokratie, das Ende der Geschichte erreicht. Als größte Gefahr charakterisierte er seinerzeit die Monotonie eines Lebens unter einem faden, westlichen Liberalismus. Vor zwei Jahren relativierte der Stanford-Professor seine These, allerdings nicht ihren Kern. Die größte Gefahr für die liberale Demokratie, räumte er ein, komme aus China, das autoritäres Regieren mit partieller Marktwirtschaft verbinde. Außerhalb Ostasiens sei das chinesische Modell aber keine Alternative: In anderen Kulturkreisen fehle der Respekt vor der technokratischen Autorität kompetenter Staatsbeamter, wie er das Reich der Mitte kennzeichne.

War nach der Finanzkrise, der Entzauberung der Wall-Street-Lehrmeister im Crash 2008, noch das Heraufziehen des selbstbewussten Rivalen China das zentrale Thema außenpolitischer Debatten, so ist es heute die große Unordnung. Es passt zum Zeitgeist, dass ein neues Buch von Henry Kissinger den Titel World Order trägt. "Das Konzept der Ordnung, wie es die moderne Ära geprägt hat, steckt in der Krise", doziert der Stratege Richard Nixons. Die Jahre von 1948 bis etwa 2000 hätten einen kurzen Moment der Weltgeschichte markiert, in dem eine Mischung aus amerikanischem Idealismus und traditionellem europäischem Denken in Kategorien der Kräftebalance ansatzweise eine Weltordnung erkennen ließ. "Aber riesige Regionen des Planeten haben das westliche Konzept nie geteilt und sich ihm höchstens gefügt. Diese Vorbehalte werden heute deutlich, etwa in der Ukraine-Krise oder im Südchinesischen Meer."

"Weltmüdes" Wahlvolk

Für Robert Kagan, einen neokonservativen Denker, der die Europäer im Streit um den Irakkrieg der Venus zuordnete und die Amerikaner dem Mars, ist eine Ordnung nur nachhaltig, wenn der US-Wähler bereit ist, die Rolle der Weltmacht abzusegnen. Im Kalten Krieg hätten die USA noch eine präzedenzlose globale Verantwortung übernommen, weil "amerikanische Interessen von einer präzedenzlosen globalen Herausforderung bedroht wurden". Heute sei das Wahlvolk nicht nur kriegs-, sondern auch weltmüde. Es fühle sich wie Atlas, der den Globus schon zu lange auf seinen Schultern trage und die Last gern absetzen würde. Es ist eine Stimmungslage, die Kagan an die 1920er-Jahre erinnert, als man die Welt jenseits der eigenen Küsten am liebsten sich selbst überließ. Heute "ist es Amerikas Weltordnung, die gestützt werden müsste".

Während Kagan eine gewisse Verzweiflung am Rest der Welt skizziert, spricht Mead von einer gewissen Naivität. Schon 1919 war Woodrow Wilson, der damalige US-Präsident, überzeugt, die Ära weltumspannenden Friedens habe begonnen, garantiert von sich stabilisierenden Demokratien. Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion kollabierte, ohne dass der Westen auch nur einen Schuss abzugeben brauchte, fühlten sich die Optimisten bestätigt. Einen Grund für die Zuversicht sieht Mead im reibungslosen Aufstieg der USA zur Supermacht: Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg habe das Land weniger Opfer hinnehmen müssen als seine Verbündeten, aber stärker vom Ergebnis profitiert als jeder andere. Auf einmal aber weigere sich der Planet, dem schönen Skript noch zu folgen. Die Folge: ausgeprägte Ratlosigkeit. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Das Militär ist weiterhin das stärkste der Welt. Das amerikanische Wahlvolk ist in den letzten Jahren aber "weltmüde" geworden.
    foto: reuters/hamad i mohammed

    Das Militär ist weiterhin das stärkste der Welt. Das amerikanische Wahlvolk ist in den letzten Jahren aber "weltmüde" geworden.

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