Saddam Husseins fatale Fehleinschätzung von 1989

6. September 2014, 17:09
31 Postings

Wenn die Sowjetunion nach 1989 nicht in ihren letzten Zügen gelegen wäre, hätte es keinen US-geführten Golfkrieg gegen Saddam Hussein gegeben. Und ohne das "Einfrieren " des Irak keinen israelisch-arabischen Friedensprozess.

Der Kalte Krieg hatte den Nahen Osten fest im Griff. Von den vielen Episoden, die nur vor diesem Hintergrund zu verstehen sind, sei bloß der Libanon 1958 erwähnt: Dort fand erstmals die "Eisenhower Doctrine" Anwendung, nach der ein Nahost-Land bei den USA Schutz gegen die Sowjetunion abrufen konnte: Der maronitische Präsident Camille Chamoun hatte auch nach der Suez-Krise 1956 den Libanon auf prowestlichem Kurs gehalten und mit dem Beitritt zum Bagdad-Pakt (Großbritannien, Irak, Iran, Türkei, Pakistan) geliebäugelt, während der muslimische Premier Rashid Karami sich auf die Seite von Nassers Ägypten und damit Moskaus schlug. Gegen die Gefahr, dass der Libanon in den sowjetischen Orbit fallen könnte, griffen die USA mit der kurzen, aber massiven "Operation Blue Bat" militärisch in Beirut ein.

Heute ist Moskau wieder in

Mehr als ein halbes Jahrhundert danach richten der ägyptische Präsident Abdelfattah al-Sisi, aber auch die irakische Regierung wieder ihre Blicke nach Moskau, wenn die ihnen kritisch gegenüberstehenden USA etwa bei Waffenverkäufen auf die Bremse treten. Und Wladimir Putin pflegt diese Beziehungen freudigst, um die US-Hegemonie in der Region - der sich nur Syrien und der Iran entzogen haben - zumindest etwas anzuknabbern.

Aber es gab eine kurze Zeit, als auch im Nahen Osten das von Francis Fukuyama proklamierte "Ende der Geschichte" einzutreffen schien. Allerdings nur quasi auf einer Meta-Ebene, auf jener der Beziehungen der beiden Blöcke: Die nahöstlichen Gesellschaften selbst wurden nicht vom Geist erfasst, der 1989 in Europa wehte. Im Gegenteil, es gab Wendungen hin zu noch illiberaleren Kräften: Der Islamismus verzeichnete einen enormen Aufschwung - die Mujahedin in Afghanistan nach dem Abzug der Sowjets 1989, die Hamas in den Palästinensergebieten, die FIS, die in Algerien die Wahlen zu gewinnen drohte, die Radikalisierung in Ägypten -, was in einigen Fällen wieder autoritäre Gegenreaktionen hervorrief.

Sowjetunion stimmt mit USA

Dennoch hat 1989 das Gesicht des Nahen Ostens nachhaltig verändert. Das fing damit an, dass ein isolierter Diktator, der den Übergang aus einem langen Krieg zur Normalität nicht schaffte, die geopolitischen Entwicklungen falsch einschätzte: Saddam Hussein, der nach Ende des Kriegs mit dem Iran (1980-1988) - den er verloren hätte, wenn ihm nicht die USA subtil unter die Arme gegriffen hätten - weiter aufrüstete und nicht verstand, dass er für den Westen durch die sich abzeichnende Auflösung der Sowjetunion massiv an Wert verloren hatte. In der Überzeugung, dass er keine Konsequenzen zu befürchten haben würde, überfiel und besetzte er im August 1990 Kuwait.

Die USA begannen mit der Aufstellung einer großen militärischen Allianz, um Saddam - der auch die anderen arabischen Öllieferanten am Golf bedrohte - aus Kuwait zu vertreiben. Und die Sowjetunion stellte sich nicht nur nicht dagegen, sondern stimmte am 29. November 1990 im Uno-Sicherheitsrat für Resolution 678, die die Uno-Mitgliedsstaaten zum Einsatz "aller nötigen Mittel" gegen den Irak ermächtigte (nur Jemen und Kuba stimmten dagegen, China enthielt sich). Neben den veränderten Konstellationen in Moskau trug dazu bei, dass sich die damalige US-Diplomatie, dank Präsident George H. W. Bush, hervorragend aufs Spiel der multilateralen Instrumente verstand - anders als ein gutes Jahrzehnt später dessen Sohn, Bush junior.

Hafiz al-Assad war schlauer

Saddam hatte sich verkalkuliert, ein anderer Diktator war schlauer (oder weniger beratungsresistent): Hafiz al-Assad in Syrien schlug sich auf die richtige Seite, was ihm, wenn schon nicht mit Rehabilitierung, so doch mit einer stillschweigenden Aufwertung entgolten wurde - was wiederum die syrische Führung in den 1990er-Jahren an den Verhandlungstisch mit Israel brachte.

Denn Moskau unterstützte nicht nur die Gewaltanwendung gegen Saddam - den Golfkrieg im Jänner und Februar 1991 -, sondern auch Sicherheitsratsresolution 687, mit der der Irak von der nahöstlichen Bühne weggesperrt wurde: Die härtesten Sanktionen, die je verhängt wurden, gepaart mit der Abrüstung, machten Saddam zur lahmen Ente, seine Klienten, allen voran die Palästinenser, verloren ihren Sponsor.

Weg frei für Verhandlungen

Das - und dass Israel den diplomatischen Preis für die arabische Front gegen Saddam Hussein zahlen musste - machte erst den israelisch-arabischen beziehungsweise israelisch-palästinensischen Normalisierungsprozess möglich. Der Einwand, dass die Palästinenser noch immer keinen Staat haben, ist berechtigt - dass das Wort "Zweistaatenlösung" heute das anerkannte Konzept auf israelischer und palästinensischer Seite ist, geht dennoch auf diese Zeit zurück. Auch Ägypten, das wegen seines Friedensschlusses mit Israel nach 1979 von der arabischen Staatengemeinschaft gemobbt wurde, erlebte seine Rehabilitierung.

Die Friedenskonferenz von Madrid 1991, die erstmals die nahöstlichen Kontrahenten an einen Tisch brachte - auch wenn die Palästinenser sich damals noch in der jordanischen Delegation "verstecken" mussten -, war eine von Washington und Moskau gemeinsam gestartete Initiative. Auch wenn dieser Verhandlungsstrang im Sand verlief: Die Zeit für den Oslo-Prozess war reif.

Die Einigkeit im Uno-Sicherheitsrat fand mit Beginn der Balkankrisen ein rasches Ende, und heute sieht der Nahe Osten auf eine Menge versäumter Chancen zurück. Dafür, was man den Irakern und Irakerinnen mit den Sanktionen 1991-2003 antat - die Zerstörung ihrer Gesellschaft, die Aushöhlung des Staates -, zahlt heute die Region und die ganze Welt einen hohen Preis. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Februar 1991: US-Soldaten im Krieg im Irak.
    foto: afp

    Februar 1991: US-Soldaten im Krieg im Irak.

Share if you care.