"Endlich die ehemalige DDR erobern"

Interview7. September 2014, 09:00
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1500 Folgen zählt "Die Lindenstraße" bald. Produzent Hans W. Geißendörfer erinnert sich und erklärt, warum den "Ossis" das Münchner Soziotop bis heute fremd geblieben ist

STANDARD: In der 1500. Folge der "Lindenstraße" am 28. September kommt ein alter, sehr schrecklicher Bekannter - Robert Engel. Wieso haben Sie ihn wieder gebraucht?

Geißendörfer: Weil er nach wie vor eine sehr starke Fangemeinde hat und weil so eine Serie "das Böse" braucht. Und wir brauchen sie ja auch, die Figur, die das trägt und auch gerne spielt. Schauspieler interpretieren ja lieber gute und nachahmenswerte Figuren.

STANDARD: Haben Sie Schwierigkeiten, "das Böse" für die "Lindenstraße" zu finden?

Geißendörfer: Nach meiner Berufserfahrung spielen Schauspieler gerne den Bösen, wenn es zeitlich begrenzt ist. In einem Kinofilm oder einem Fernsehspiel hat niemand etwas dagegen. Bis auf den Kinderschänder, der ist tabu. Bei einer Serie wie der Lindenstraße zögern die Darsteller, weil sie sagen, der Zuschauer identifiziert sie eins zu eins mit der Figur.

STANDARD: Robert Engel ist ja eine Figur der späten 1980er, die die atmosphärische Kälte der Vorwendezeit widerspiegelte. Ist sein Wiedereinstieg eine Botschaft zur Zeit?

Geißendörfer: So hätte ich es nicht gedacht. Robert Engel ist zeitpolitisch nicht wiedergekehrt. Aber Sie haben recht, es gibt Geschichten in der Lindenstraße, die entstehen, weil die Atmosphäre es verlangt. Da ist ein politischer Mief im Land, da entstehen Geschichten wie die von Robert Engel in den 1980er-Jahren.

STANDARD: Wie kam die Wende in der "Lindenstraße" vor?

Geißendörfer: Verzögert. Wir waren so überrascht, dass wir erst gar nicht daran dachten, dass wir etwas tun müssen. Dann haben wir aber sehr gründlich reagiert, indem wir schnell Schauspieler der ehemaligen DDR geholt haben.

STANDARD: Die Blumenverkäuferin Claudia Rantzow. War sie eine beliebte Figur?

Geißendörfer: Das war sie, und eine tolle Schauspielerin. Später verliebte sie sich in Olaf Kling, und dann kam es zur Katastrophe.

STANDARD: Er hat sie geschlagen, und sie ging.

Geißendörfer: Gewalt in der Ehe ist ein Dauerthema, auch zu zeigen, wie man wieder rauskommt. Später haben wir eine Studentenkommune in Dresden aufgebaut. Wir wollten damit nicht nur zeigen, dass Deutschland größer geworden ist, sondern auch die neuen Bundesrepublikaner zur Lindenstraße verführen.

STANDARD: Ging die Rechnung auf?

Geißendörfer: Überhaupt nicht. Bis heute gibt es im ehemaligen Osten Deutschlands ganz wenige Lindenstraße-Fans. Wir denken viel darüber nach, auch wie wir es zum dreißigjährigen Jubiläum schaffen, endlich die ehemalige DDR zu erobern.

STANDARD: Für die aktuellen Bezüge ist die "Lindenstraße" berühmt. Wie entsteht so ein Einwurf?

Geißendörfer: Dafür haben wir eine Aktualisierungsredaktion. Es ist schwierig: Sie müssen eine fertige Szene aufmachen, die Figuren in der gleichen Aufmachung und Frisur wie vor sechs bis acht Wochen einbauen und den neuen Inhalt mit dem alten vermischen. Die Aktualisierung ist eine meiner Lieblingserfindungen, ich halte sie für verdammt wichtig und für den Zuschauer erfreulich.

STANDARD: Derzeit ist eine Moschee Thema in der Serie. Wie bestellt kamen Proteste. Wie gehen Sie damit um?

Geißendörfer: Mir war klar, dass das Thema provozieren wird. Das ist typisch Lindenstraße: Als wir in den 1980er-Jahren den ersten schwulen Kuss hatten, war die Aufregung so groß, wie wenn wir jetzt eine Moschee da reinstellen.

STANDARD: Wie hat sich das Fernsehmachen seither verändert?

Geißendörfer: Die digitale Welt hat uns verändert, und sie hat das Fernsehen verändert. Wir können mit den billigsten Handys Fernsehen machen.

STANDARD: Was ist schlechter geworden?

Geißendörfer: Weniger Geld. Früher haben die Sender nicht über ihre Schulden geklagt, sondern höchstens darüber, dass die Gebühren zu niedrig sind. Heute klagt jeder Sender über angeblich viele Millionen Euro Schulden. Wir haben in der Lindenstraße auch ein Sparprogramm.

STANDARD: Wie sparen Sie?

Geißendörfer: Wir werden in den nächsten zwei Jahren die Lindenstraße nur im Set der Serie drehen. Außendrehs vermeiden wir, wo immer es möglich ist.

STANDARD: War das eine Bedingung für die Fortsetzung?

Geißendörfer: Ja. Wir haben die Kalkulation den Erfordernissen angepasst.

STANDARD: Bis 2016 ist die "Lindenstraße" gesichert. Dann ist Schluss?

Geißendörfer: Nee. Ich bin sehr optimistisch, dass wir noch einmal dreißig Jahre schaffen. Aber ich habe für die Nachfolge gesorgt. Meine Tochter wird noch ein paar Jahre lernen und dann den Laden übernehmen.

STANDARD: Daneben basteln Sie an der Videoplattform "Alles Kino". Wird das schon genutzt?

Geißendörfer: Wir haben Partnerschaften mit Spiegel.de und Arte. Auf www.alleskino.de kann man das deutsche Filmerbe eines Tages hoffentlich insgesamt abrufen. (Doris Priesching, DER STANDARD, 6./7.9.2014)

Hans Werner Geißendörfer (73) produziert Filme und führt Regie, etwa "Die gläserne Zelle" (1978) und zuletzt "In der Welt habt ihr Angst".

  • Berühmtestes Bild aus der "Lindenstraße": Carsten Flöters Kuss mit Robert  Engel wühlte das vereinte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre auf.
    foto: wdr/lindenstraße

    Berühmtestes Bild aus der "Lindenstraße": Carsten Flöters Kuss mit Robert Engel wühlte das vereinte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre auf.

  • Produzent Hans W. Geißendörfer.
    foto: wdr

    Produzent Hans W. Geißendörfer.

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