STANDARD-Album: Die weniger offensichtlichen Adern des Zeitgeschehens

5. September 2014, 17:15
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Wie das ALBUM die Phasen des Umbruchs wahrnahm

Ich hasse mathematisch konstruierte Geschichten": Es waren die ersten Worte im ersten ALBUM des Standard, Anfang März 1989. Der Regisseur Barry Levinson sagte sie im Interview. Sie könnten auch dafür stehen, welche Richtung die Wochenendbeilage nehmen sollte. Chefredakteur Gerfried Sperl wünschte sich eine überraschende Mischung - jedenfalls keine mathematischen Konstruktionen -, natürlich mit Politik und Zeitgeschehen.

Die sollten schneller Material liefern, als wir uns damals vorstellten. Immerhin, bereits in dieser ersten Nummer hieß es aus dem noch einigermaßen intakten Jugoslawien: "Bedrückender Nebel über Slowenien".

Im Sommer 1989 - ich hatte gerade die Leitung des ALBUM übernommen - berichteten wir über die weniger tagesaktuellen Auswirkungen der Unruhen im Osten, die von politischen Seismografen als kleines Zittern eher ignoriert wurden. Burkhard Müller-Ullrich besuchte "Europas kleinsten Presse-Multi" Antonin Liehm, den Gründer der grenzüberschreitenden Lettre Internationale. Ich nahm in einer Glosse etwas wahr, das den "Ostblock" als Bühne für neue Konflikte ahnen ließ: einen Aufkleber auf einem ungarischen Auto in Wien mit den Worten "Freedom for Hungarians in Transsylvania!".

Noch im September schrieben wir über Ausschreitungen in Kreuzberg, "an der Berliner Mauer" als etwas für alle Zeiten Gegebenen. Andererseits sahen wir kurz vorher schon ein Land "in Bewegung geraten, zwischen Devisenverlockungen und Unabhängigkeitswünschen eingekeilt", nämlich Polen, auf der Suche nach "Beziehungen, die nicht zum Würgegriff werden."

Dem Duo Christian Seiler (Text) und Manfred Klimek (Fotos) gelangen zwei so aktuelle wie prophetische Porträts: Ende August zeigten sie den Ostberliner Pastor und Bürgerrechtler Rainer Eppelmann noch mit einem "Schüttelfrost der Resignation" - kurz danach wurde er in der ersten frei gewählten DDR-Regierung Minister und dann Mitglied des deutschen Bundestages.

Kurz vor dem Mauerfall

Im September besuchten sie Václav Havel im nordtschechischen Hradécek. Havel war bekannt als Bürgerrechtler, Literat, Dissident, Persona non grata. Drei Monate später, als ob sie's geahnt hätten, war er Präsident der CSSR.

Der Fall der Berliner Mauer war nur noch fünf Tage entfernt, als wir uns, sozusagen ganz im Gegenteil, den von Ceausescu angeordneten Wahnsinnsbauten scheinbar für alle Ewigkeit mitten in Bukarest widmeten. Als das Brandenburger und andere Tore dann wirklich geöffnet wurden, war schon Redaktionsschluss fürs ALBUM. Daher hatten wir ein Interview mit Billy Joel im Blatt. Immerhin ging's auch um Glasnost ...

Was danach geschah: Die Wochenendbeilage spürte weiterhin wie eine Wünschelrute die weniger offensichtlichen Adern des Zeitgeschehens auf. Gábor Ocsovai berichtete vom jahrzehntelang vertuschten Schicksal der Karpatenungarn und deren Protesten, Birgit Flos von der beginnenden Kunstszene an und auf der Berliner Mauer, Petra Steiner und Thomas Mitterer von Bürgerinitiativen in Brno.

Material für Resümees im letzten Dezemberheft gab es also mehr als genug. Sperl konstatierte, gegen Fukuyama, "die Wiederkunft der Geschichte". Ich sah die "große Unordnung" der Gegenwart in der Ausstellung "Imitation" gespiegelt. Und Josef Kirchengast machte auf die "Ära der Fundamentalisten" aufmerksam - immerhin ein gutes Jahrzehnt vor 9/11. Das ALBUM blieb dran. (Michael Freund, DER STANDARD, 6./7.9.2014)


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