Als die erste Welle der UnOrdnung hereinbrach

5. September 2014, 17:11
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Vierzehn europäische Zeitungen deuteten den Umbruch

Timothy Garton Ash, damals 45 Jahre und mit dem Buch "Ein Jahrhundert wird abgewählt" (Hanser) bekannt geworden, sagte 1990 in einem Interview, das Adelbert Reif für den STANDARD mit ihm führte: "In der Europäischen Gemeinschaft gibt es so viele Regierungen und Institutionen, dass der ganze Apparat undurchsichtig wird. Wir erleben hier das Paradoxon der Nachteile der Demokratie: Unsere Politiker reagieren mit einer solchen Geschwindigkeit auf öffentliche Meinungen und Stimmungen, dass sie das Geschehen nicht mehr führen, sondern von den genannten Phänomenen geführt werden."

Und er nannte für diesen Befund ein Beispiel, das heute durchaus als prophetisch gelten kann: "Diese Art der Politik erschwert natürlich ein nüchternes und den Realitäten angemessenes Verhalten zu den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen in der Sowjetunion und in Ostmitteleuropa."

Vierzehn europäische Zeitungen hatten sich damals als "World Media" unter dem Dach der Pariser Liberation zusammengeschlossen, um die Umbrüche seit 1989 zu deuten. Mehrere Jahre erschienen u. a. im STANDARD, in der "Irish Times", in "El País" und im britischen "Guardian" umfangreiche Beilagen und Serien. Die erste, im Dezember 1990 gestartete und im Jänner 1991 als Sonderbeilage zusammengefasste Serie hatte den Titel "Die neue Welt-Unordnung".

Wiedergeburt des Nationalismus

Der Zerfall der Sowjetunion war damals bereits evident, die Jugoslawien-Kriege standen Europa noch bevor. Unter den vielen prominenten Autoren war der ungarische Uni-Professor Imre Marton. Er sagte, nach einer Periode der Schwächung und einer neuen Identitätsfindung werde es in Osteuropa zu einer Wiedergeburt des Nationalismus kommen.

Wie recht er hatte - seine Einschätzung betraf nicht nur Russland, sondern auch seine eigene Heimat Ungarn. Der damalige italienische Außenhandelsminister Renato Ruggiero interpretierte diese Entwicklung so, dass er Spannungen und Eruptionen an den jeweiligen Rändern der neuen Republiken vorhersah. Georgien und heute die Ukraine erwiesen sich als Beispiele.

Fast alle Kommentatoren nannten den Nahen Osten als Krisengebiet für die nächsten Jahrzehnte. Jacques Attali, der linke französische Politiker, damals erster Chef der neuen Europabank in London, weitete ebenso wie Horst Teltschik, der deutsche Politikberater, die Explosionszonen auf die Golfregion und auf Pakistan/Indien aus.

Einer, der sich in fast allen seinen Voraussagen irrte, war der heute zum Konservativen gewandelte ehemalige Sicherheitsberater von Jimmy Carter, Zbigniew Brezinski. "Die USA bleiben die einzige Weltmacht", erklärte er (China übersah er), und von der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten behauptete er: "Die sind heute schon Mitglieder der Dritten Welt." Er sagte eine Abnahme der Macht des Militärischen voraus und behielt nur in einem recht: "Der Balkan ist ein Krisenherd."

"Kultur der Unruhen"

Relativ bescheiden fiel damals die Analyse des Islam aus. Unter dem Titel "Fundamentalismus oder: Saddam und die Fackel des Islam" schrieb der 2009 verstorbene französische Arabist Bruno Étienne, Saddam Hussein habe versucht, eine Vormachtstellung zu erringen. Eher als das werde es aber eine "Kultur der Unruhen" geben.

Immerhin zwei von 32 Seiten widmen sich der Migration. Gildas Simons Hauptargument: Solange ihre Ursachen nicht behoben seien (Ungleichheit, Kriege, Klimawandel), werde sie weiter wachsen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 6./7.9.2014)

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