Ein politischer Riese muss Deutschland erst werden

5. September 2014, 18:08
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Wirtschaftlich ein Riese, politisch ein Zwerg - so lautete lange Zeit das Urteil über Deutschland. Doch Berlin kann sich dem Ruf nach einer Führungsrolle kaum entziehen.

Die Stunde null datiert auf den 2. Oktober 1990. Um Mitternacht, nicht einmal ein Jahr nach dem Mauerfall, war die DDR endgültig Geschichte. Um null Uhr am 3. Oktober begann die Existenz des wiedervereinigten Deutschlands.

Da lag es nun an der Nahtstelle zwischen Ost und West: das größte Land in Europa, das sich in einer Nacht um rund 16,5 Millionen Menschen und einen nicht geringen Berg an Problemen vergrößert hatte. Immerhin war damals die außenpolitische Linie klar. "Das wiedervereinigte Deutschland wollte Europa, insbesondere Frankreich und dem Rest der Welt versichern, dass es ein berechenbares, friedliebendes und kooperatives Land bleibt", sagt der Politologe Stephan Bierling, dessen neues Buch über die deutsche Außenpolitik nach 1990 (Vormacht wider Willen, C.-H.-Beck-Verlag) am 19. September erscheint, zum Standard.

Denn die westlichen Partner waren von der Wiedervereinigung längst nicht so angetan wie viele deutsche Politiker. Vielmehr kursierte in Europa das berühmte Zitat des französischen Literaturnobelpreisträgers François Mauriac: "Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt." Groß war die Sorge vor erneuter deutscher Übermacht.

Doch die neue Bundesrepublik hatte ohnehin alle Hände voll zu tun, um die auf dem Papier erfolgte Wiedervereinigung mit Leben zu erfüllen (siehe Wirtschaft Seite 26). Bundeskanzler Helmut Kohl, der nach der Wiedervereinigung am Zenit seiner Popularität stand, konnte sich noch bis 1998 mitsamt seiner schwarz-gelben Regierung halten, dann hatten die Deutschen von ihm, dem Reformstillstand im Land und den horrenden Kosten der Wiedervereinigung genug.

Außenpolitische Zäsur

An die Macht kamen Gerhard Schröder (SPD) und sein Grüner Vize Joschka Fischer. Rot-Grün brachte nicht nur gesellschaftspolitische Neuerungen wie den Atomausstieg, die Homo-Ehe und tiefe Einschnitte in den Sozialstaat (Agenda 2010), sondern sorgte auch für eine außenpolitische Zäsur.

1999 beteiligte sich Deutschland am Kosovokrieg. 54 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren deutsche Soldaten wieder im Ausland in Kampfhandlungen verwickelt. Ein Tabu war gebrochen. Der damalige Außenminister Fischer, dessen Grüne es darüber fast zerriss, rechtfertigte den Einsatz von Kampfjets so: "Wir haben immer gesagt: 'Nie wieder Krieg!' Aber wir haben auch immer gesagt: 'Nie wieder Auschwitz!'"

Für Schröder war diese Beteiligung auch Ausdruck eines neuen "Selbstbewusstseins einer erwachsenen Nation, die sich niemandem über-, aber auch niemandem unterlegen fühlen muss". Dieses drückte sich aber auch in einem klaren Nein aus. 2003 weigerte sich Deutschland, Soldaten in den Irak zu schicken.

Die Quittung dafür bekam nach 2005 seine Nachfolgerin Angela Merkel. Immer stärker drängten vor allem die USA darauf, dass Deutschland sich - als Kompensation für seine Enthaltung im Irak - stärker militärisch in Afghanistan engagieren solle.

Merkel zeigte sich unwillig, und dieser Unwille gegenüber militärischen Interventionen gipfelte 2011 in einem Nein im UN-Sicherheitsrat. Deutschland, das zu dieser Zeit vollauf mit der Eurorettung beschäftigt war, wollte sich an einem internationalen Militäreinsatz gegen den libyschen Diktator Gaddafi nicht beteiligen.

"Unverzichtbare Nation"

Danach war es isoliert, und der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski sprach im Namen vieler, als er sagte: "Ich fürchte deutsche Macht weniger, als ich deutsche Untätigkeit zu fürchten beginne. Sie sind Europas unverzichtbare Nation geworden. Sie dürfen nicht versagen zu führen."

Eine Kurskorrektur einzuleiten, versuchte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck. Im Oktober 2013 warnte er die Deutschen, sich der Illusion hinzugeben, sie könnten von Konflikten verschont bleiben, wenn sie sich daran einfach nicht beteiligen: "Ich mag mir nicht vorstellen, dass Deutschland sich groß macht, um andere zu bevormunden. Aber ich mag mir genauso wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen.

Nun liefert auch Deutschland den Kurden im Nordirak Waffen und Merkel hat eine zentrale Rolle beim Versuch, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Lösung im Ukraine-Konflikt abzuringen, übernommen. Als "normales Land" stuft Politologe Bierling Deutschland außenpolitisch aber längst noch nicht ein. Denn: Deutschland wäre dank seiner Wirtschaftskraft eigentlich "eine Vormacht in vielen Fragen". (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • "Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation", sagte BRD-Kanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 bei seiner historischen Rede vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden.
    foto: reuters/michael urban

    "Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation", sagte BRD-Kanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 bei seiner historischen Rede vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden.

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