Umfrage: Das Bild vom Ostblock verblasst langsam

5. September 2014, 18:01
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Immerhin 14 Prozent der Österreicher wünschen sich den Eisernen Vorhang zurück, nur 43 Prozent meinen, dass es Österreich heute besser gehe als vor 25 Jahren. Die Vorstellung, was die Teilung Europas bedeutet hat, ist nicht bei allen tief verankert

Was man sich unter der UdSSR vorzustellen hat, glauben 95 Prozent der erwachsenen Österreicher noch halbwegs gut nachvollziehen zu können. Aber was deren Satellitenstaaten waren? Da steigen bereits 34 Prozent aus. Jüngere und weibliche Befragte geben sich bei diesem Begriff besonders ahnungslos. Und der Begriff Breschnew-Doktrin erzeugt bei 60 Prozent der Österreicher keine Assoziationen.

Dabei war die Breschnew-Doktrin die vom damaligen KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew ausgegebene Parole, dass die sozialistischen Bruderstaaten eingreifen müssten, wenn in einem der Satellitenstaaten der real existierende Sozialismus in Gefahr gerate. Aber so etwas lernt man im Zeitgeschichteunterricht offenbar nicht: Nur jeder neunte Befragte unter 30 hat davon gehört.

Das geht aus einer im August durchgeführten Market-Umfrage für den STANDARD hervor. Demnach sind viele Vokabel, die zum Sprachschatz des Kalten Krieges gehörten, heute vergessen. 76 Prozent haben keine Vorstellung, was eine Rätedemokratie sein könnte.

Berliner Mauer

Nur die Berliner Mauer ist als Begriff in fast allen - nämlich 98 Prozent - Köpfen verankert. Auch Ostblock, Kalter Krieg und UdSSR sind für mehr als 95 Prozent gängige Begriffe. Den Warschauer Pakt und das Wettrüsten kennen jüngere Befragte nicht mehr so gut - und die Wirtschaftsgemeinschaft Comecon ist nur noch einer Minderheit (hier vor allem älteren und höher gebildeten Befragten) halbwegs vertraut.

Dass die KPdSU die kommunistische Einheitspartei der Sowjetunion war, weiß schon ein Drittel nicht mehr. Die Versuche von Generalsekretär Michail Gorbatschow, mit Glasnost (Transparenz) eine Umgestaltung (Perestrojka) der Sowjetdiktatur zu erreichen, waren vor 25 Jahren in allen Medien ein Thema. Heute sind die Begriffe knapp drei von vier Österreichern in Erinnerung. Die polnische Solidarnosc, die als freie Gewerkschaft in Polen systemverändernd wirkte, können immerhin sechs von zehn Österreichern einordnen.

Kalter Krieg

Die Welt des Kalten Krieges verblasst in der Erinnerung der Österreicher, zumindest begrifflich.

War sie vielleicht eine bessere Welt? Neigen die Österreicher zu einer Nostalgie im Hinblick auf die durch den Eisernen Vorhang getrennte Welt bis 1989?

Der Standard ließ dazu fragen: "Wenn Sie jetzt noch weiter zurückdenken, nämlich ein Vierteljahrhundert: Geht es Österreich heute besser, gleich gut oder eher schlechter als vor 25 Jahren?" Da sagen nur 43 Prozent, dass das vergangene Vierteljahrhundert eine Verbesserung gebracht habe, 17 Prozent meinen, dass sich nicht viel verändert habe und 40 Prozent erklären sogar, dass es eher schlechter geworden sei.

Market fragte weiter: "Vor 25 Jahren ist ja der Eiserne Vorhang, also die Trennung zwischen dem kommunistischen System im Osten und dem marktwirtschaftlichen System im Westen, gefallen. Alles in allem: War der Fall des Eisernen Vorhangs Ihrer Meinung nach insgesamt ein Vorteil, oder wäre es besser, wenn es in Europa weiterhin ein kommunistisches System gäbe?"

Eiserner Vorhang

Da unterscheiden die Österreicher dann doch feiner: 79 Prozent sehen es als Vorteil an, dass der Eiserne Vorhang weg ist, nur 14 Prozent sehen keinen Vorteil.

Das ist eine deutliche Veränderung gegenüber der Vergleichsfrage, die der Standard bereits 2009 stellen ließ: Damals waren erst 63 Prozent von den Vorteilen der Freiheit überzeugt, 22 Prozent hätten sich weiterhin ein kommunistisches System in der Nachbarschaft gewünscht. Es sind die älteren und weniger gebildeten Befragten, die dem Eisernen Vorhang nachtrauern.

Market-Chef Werner Beutelmeyer: "Auffallend ist: Auch unter den erklärten FPÖ-Wählern gibt es Fans des Eisernen Vorhangs. Das sind Gegner der Ostöffnung - und da ist ihnen der Preis kommunistischer Unterdrückung anderswo nicht zu hoch."

Was die Umfrage (und die Grafik) auch zeigt: Es gibt sehr unterschiedliche Einschätzungen, wer vom Fall des Eisernen Vorhangs profitiert hat. Sehr gut ist es demnach Deutschland (57 Prozent) ergangen, Weißrussland und der Ukraine ganz schlecht. Österreich liegt in dieser Betrachtung im Mittelfeld mit 42 Prozent, die uns ein sehr gutes Nutzen der Veränderungen attestieren. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 6.9.2014)

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