Wie die "Kummerln" überlebten

7. September 2014, 09:00
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Die KPÖ, damals eine der reichsten kommunistischen Parteien Europas, erlebte den Mauerfall "wie den Entzug eines religiösen Glaubens", erinnert sich eine Ex-Vorsitzende. Unbeschadet und sogar erfolgreich werken heute nur mehr die steirischen Genossen

Für die Parteimitglieder sei es wie der Entzug eines religiösen Glaubens gewesen nach dem unerwarteten Zusammenbruch der weltlichen Institutionen, sagt Susanne Sohn. "Auch ich war sprachlos, vor allem weil es in der DDR so schnell ging", erinnert sich die Journalistin, die nach dem heißen Herbst 1989 von Jänner 1990 bis zu ihrem Parteiaustritt im März 1991 mit Walter Silbermayr der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) vorstand.

Der Glaube habe in der scheinbaren Gewissheit bestanden, "dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus und von diesem zum Kommunismus sicher sei", schildert die heute 71-Jährige. Angesichts des Realitätsschocks habe Silbermayr sie als Ko-Vorsitzende vorgeschlagen und eine "Diskussion ohne Tabus" gestartet. "Das war naiv, weil unmöglich", bilanziert Sohn.

Denn nach Jahrzehnten eingefleischter Geheimhaltungspolitik im Parteiapparat habe sich dieser jeder Änderung erfolgreich widersetzt. Diesbezüglich als besonders ablehnend hat die Exparteichefin "die Genossen in der Steiermark" in Erinnerung, deren Nachfolger heute als Einzige politisch reüssieren.

Öffnungsverweigerung

Die Öffnungsverweigerung, so Sohn, habe aber nicht nur die Ideologie betroffen. Auch über die Finanzen - die KPÖ war eine der reichsten kommunistischen Parteien des Westens - habe sie nie Aufschluss erhalten. Und eine von Silbermayr und Sohn an der Parteizentrale in Wien angebrachte Tafel, die an die in der UdSSR getöteten österreichischen Schutzbündler erinnerte, sei "wenige Tage nach unserem Abgang wieder weg gewesen".

Das Ende der DDR überlebte die KPÖ Steiermark unbeschadet. Sie schrieb sogar Erfolgsgeschichte. Die Grazer Wohnungsstadträtin Elke Kahr (52) schaffte 2013 mit 20 Prozent Platz zwei - fast der Spitzenwert von 21 Prozent ihres Vorgängers Ernest Kaltenegger. Im Grazer Gemeinderat saß die KPÖ seit 1945 immer, seit 1998 auch im Stadtsenat. Wohnen ist in Graz Kernthema. Auch auf Bezirksebene, im Landtag und in anderen steirischen Gemeinden sind die "Kummerln" mit insgesamt 71 Mandaten fest im Sattel.

"Geheimhaltungspolitik"

An die Jahre der "Geheimhaltungspolitik" erinnert sich auch Kahr, die Sohn "immer sehr schätzte". Aber "gerade wir Steirer haben auf eine Offenlegung der Parteifinanzen gepocht. Da hatte nur ein kleiner Zirkel in Wien Zugriff." Das sei bis heute ein Grund, warum es "nur eine friedliche Koexistenz mit den Wienern" gebe. Seit 2001 haben die Steirer ihr eigenes Parteiprogramm.

Das steirische Erfolgsrezept ist laut Landtagsklubchefin Claudia Klimt-Weithaler (43): "Kein Problem ist uns zu klein, und wir sind viel auf der Straße, sonst hätten wir nicht 20.000 Unterschriften zur Pflegeregressabschaffung gesammelt." Auch der Gehaltsverzicht aller Mandatare zugunsten eines Sozialfonds - Klimt-Weithaler nimmt etwa nur 2200 ihrer 5000 Euro Nettolohn - bewahre davor, sich "von der arbeitenden Bevölkerung zu entfernen". (Irene Brickner & Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 6.9.2014)

  • Schwere Zeiten nach dem Umbruch für die KPÖ.
    foto: derstandard.at

    Schwere Zeiten nach dem Umbruch für die KPÖ.

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