Im Konzern lebt das Binnen-I

5. September 2014, 13:34
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Wie gehen Großunternehmen mit dem Gendern um? 66 Prozent verwenden die Paarform, 55 Prozent das große Binnen-I. Das Thema hat aber noch seine Tücken

Gendern ist in Österreichs Großunternehmen ein wichtiges Thema und durchaus positiv besetzt. Das Thema ist für die TOP 500 nicht nur wichtig, es ist im Unternehmensalltag auch verankert. In 60 Prozent der Unternehmen wird (fast) immer geschlechtergerecht geschrieben, in einem Drittel der Unternehmen zumindest gelegentlich. Das ergibt eine aktuelle Studie der Agentur wortwelt unter den heimischen Großunternehmen.

Dabei gibt es praktisch keinen Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Unternehmen. Der Branchenvergleich zeigt, dass Industriebetriebe tendenziell besser abschneiden als Dienstleistungs- und Handelsbetriebe.

Das Binnen-I lebt

Interessant ist, welche Genderformen gewählt werden. Am häufigsten sind die weibliche und männliche Form (66 %), knapp gefolgt vom oft totgesagten Binnen-I (55 %). Trotz aller grammatikalischen Bedenken ist das verständlich. Denn das Binnen-I ist einfach anwendbar und verlängert Sätze nicht. Ein weiterer Befund: Die Generalklausel, also der Hinweis, dass bei männlichen Formen auch Frauen "mitgedacht" werden, wird deutlich weniger verwendet (35 %).

Die Gender-Expertin Irmgard Zirkler von der Agentur wortwelt freut sich: "Obwohl diese Form die einfachste ist, ist die Botschaft angekommen: Das Mitmeinen funktioniert in der Praxis nicht." Texte werden heute vermehrt durchgehend gegendert.

Obwohl geschlechtergerechte Sprache in Unternehmen bereits Einzug gehalten hat, werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Umsetzen oft alleine gelassen. Es gibt zwar Genderleitfäden, vor allem im öffentlichen Unternehmen und im Dienstleistungsbereich, jedoch die Multiplikatoren Interne Kommunikation, Trainings oder Vorbildwirkung durch Führungskräfte sind selten.

So bleibt das sprachliche Niveau gegenderter Texte meist dürftig. Ämter haben die Nase vorne Öffentliche Unternehmen sind beim Umsetzen geschlechtergerechter Sprache weiter als die Privatwirtschaft. Warum? Der Ministerrat hat schon 2001 beschlossen, dass in den einzelnen Ressorts auf geschlechtergerechte Sprache Wert gelegt werden soll.

Eine Menge Potential

Für die Privatwirtschaft gibt es außer für Stellenanzeigen keinerlei legistische Regelungen. Laut wortwelt-Studie sind Maßnahmen zur Gleichstellung von Männern und Frauen in vielen Großbetrieben noch ausbaufähig. 39 % der TOP 500 setzen keine zusätzlichen Gleichstellungsmaßnahmen wie Frauenförderungsprogramme, gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder das Fördern der Vaterkarenz. In der Industrie liegt der Anteil sogar bei 51 %.

30 % der Befragten meinen, dass ihre Mitarbeitenden bereits heute eine positive Einstellung zur geschlechtergerechten Sprache haben. 2/3 konstatieren eine neutrale Haltung. Übrigens gibt es hier keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen. Was die zukünftige Entwicklung betrifft, meinen 75 % der Befragten, dass die Bedeutung des Themas weiterhin groß bleibt bzw. zunehmen wird. Vom Wunsch nach Abschaffung gendergerechter Sprache kann daher keine Rede sein. Vielmehr werde Gendern in Zukunft zur Selbstverständlichkeit werden. (red, APA, 05.09.2014)

  • Meistens heißt es: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 55 Prozent der großen heimischen Firmen behelfen sich mit "MitarbeiterInnen".
    foto: dpa

    Meistens heißt es: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 55 Prozent der großen heimischen Firmen behelfen sich mit "MitarbeiterInnen".

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