Portugal: Freie Liegeplätze am Stockfisch-Strand

7. September 2014, 13:05
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Touristisch ist die portugiesische Atlantikküste bei Furadouro noch kaum erschlossen. Und da dort die Kabeljau-Kutter immer weniger werden, sollte erst recht ein freier Platz am Strand zu finden sein.

Sie sind noch immer da, wollen für ewig bleiben, haben nie etwas anderes gemacht. Sie arbeiten auf dem Wasser, wohnen nur ein paar Schritte vom goldgelben Sand, auf den sie nach der Fangfahrt ihr Holzboot ziehen. Die Maganinhos mit Familienoberhaupt Pedro sind seit Generationen hier, fühlen sich mit der portugiesischen Atlantikküste verheiratet, fischen nach althergebrachter Methode maximal vierhundert Meter vor den Dünen und Pinienhainen von Furadouro.

Die schweren Holzkutter der Fischer in Furadouro sehen aus wie etwas zu lang und zu breit geratene Ruderboote, die gänzlich ohne Aufbauten auskommen.

Das Netz ist jedes Mal an Land befestigt, und Pedro Maganinho fährt mit seinem Boot einen großen Kreis: erst weit hinaus auf den Atlantik, dann in weitem Bogen wieder zurück, bis es im flachen Sand kurz vorm Strand auf Grund läuft. Mit Ochsenkraft wird gleich darauf das Netz an Land gezogen – mit allem, was an Fisch und Meeresgetier dort gerade unterwegs war, im allerbesten Fall jedes Mal ein paar Dutzend Kilo Fische, Muscheln, Krebse und Oktopusse.

Fast jeder Bug trägt hier die persönliche Handschrift der Bootsbesitzer.

Der schwere Holzkutter, der aussieht wie ein etwas zu lang und zu breit geratenes Ruderboot, muss gänzlich ohne Aufbauten auskommen. Einmal im Jahr malen Pedro und seine Nichte Patricia ihn neu an: in sattem Blau und in Weiß, der Bug bekommt ein kräftiges Sonnengelb mit roter Umrandung verpasst.

Noch Raum für Alltag

Ihr Zuhause ist eine Gegend, die vom großen internationalen Tourismus bislang übersehen wurde – den dutzenden Kilometer langen, feinsandigen Stränden, allen Dünen und den vielen Sonnenstunden zum Trotz. Viel los ist hier nur im August, wenn ganz Portugal Ferien hat. Es ist eine Gegend, wo noch Raum ist für Tätigkeiten wie ihre und wo ein Leben wie das der Maganinhos noch unter den Sammelbegriff Alltag fällt. Bis Lissabon sind es drei Autostunden, Porto liegt rund 60 Kilometer weiter nördlich, und beide Großstädte sind doch eine halbe Welt entfernt.

Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise trifft man auf dem Strand von Furadouro wieder mehr Fischer.

30 Fischerfamilien leben in Furadouro. "Es sind sogar wieder mehr geworden, seit der Wirtschaftskrise", erzählt Pedro Maganinho. "Die Leute versuchen wieder, in ihren traditionellen Berufen Fuß zu fassen." Andere hoffen auf den Tourismus, und damit der auch hier anspringt, hat Furadouro gerade eine neue Promenade spendiert bekommen, ein erstes Design-Hotel hat aufgemacht, und die Küstenstraße ist verkehrsberuhigt worden. Bald soll ein Beach club hinzukommen. Das könnte Fremde anlocken – vor allem aber ist es gut für Pedro Maganinho und seine Familie: Ihnen gehört das Stückchen Strand, sie verpachten die Fläche für den Club, können mit dem Erlös ihr Boot ausbessern.

Ist der August vorbei, sind die Strände auf der Landzuge zwischen Furadouro und Aveiro oft menschenleer.

Was Pedro erbeutet, kommt derweil 150 Meter weiter nördlich im hölzernen Fischrestaurant auf den Teller, das Opa Antonio vor fast 30 Jahren auf dem sandigen Untergrund am Ortsrand gebaut hat. Mutter Palmira regiert in der Küche, brät, grillt, verfeinert mit Gewürzen aus dem Hinterland, serviert alles mit Zwiebeln, ein paar Oliven und hellem Brot. Ein Teil des Fanges wird jedes Mal an Fischhändler und Restaurant-
köche aus Aveiro verkauft, die dafür extra hierher gefahren sind: Sie wissen, dass es bei Leuten wie den Maganinhos bessere Ware gibt als auf dem Großmarkt – die feinsten Makrelen, die besten Atlantik-Sardinen, oft auch Oktopus.

Furadouro liegt auf einer schmalen Landzunge, die Rückseite ist einer seichten Bucht zugewandt, einer über zwanzig Kilometer langen Lagune, wo vor allem Muschelfischer aktiv sind. Gegenüber, auf dem anderen Ufer bei Aveiro, hat noch heute die portugiesische Kabeljau-Fangflotte ihre Liegeplätze. Zwölf Schiffe mit insgesamt 600 Mann Besatzung sind übriggeblieben von einstmals ein paar Hundert Kähnen, die von hier aus Richtung Neufundland und Lofoten aufbrechen. Die Ausbeute wird immer gleich an Bord zerlegt und in Salz konserviert: Stockfisch, bis heute Portugals Nationalgericht.

Traditionell ist Bacalhau, der Stockfisch, eher etwas für den Hausgebrauch und seltener auf Speisekarten gehobener Restaurants zu finden. Doch das ändert sich gerade.

Die Region gilt deshalb auch als Bacalhau-Küste, obwohl der Kabeljau bis zu zweitausend Kilometer entfernt gefangen und hier nur angelandet wird. Traditionell ist der Stockfisch eher etwas für den Hausgebrauch und seltener auf Speisekarten gehobener Restaurants zu finden. Das ändert sich gerade – mit Köchen wie Jorge Pinhão aus dem nahen Gafana de Aquém, der in seinem kleinen Restaurant "Bela-Ria" den Bacalhau wiederentdeckt, den Fisch nach alten Hausrezepten zubereitet und sich in der neuen "Confraria Gastronomica do Bacalhau", einer Art „Bruderschaft der Stockfisch-Fans“, engagiert.

Paulo Felisberto gehört nicht dazu und ist doch genauso begeistert vom Salzfisch der Vorväter. Der Küchenchef des Szenelokals "O Bairro" mitten in Aveiro interpretiert den Kabeljau modern und kreiert sterneverdächtige Gerichte rund um den Stockfisch. Kabeljau-Ravioli mit Weißweinsoße zum Beispiel.

Jeder Fisch ein Liebling

Im Strandrestaurant der Maganinhos spielt der Fisch aus den Gewässern von Neufundland fast keine Rolle. Die Gäste bestellen das, was Pedro eben gefangen hat. Er dagegen lässt sich durchaus auch einmal Bacalhau gefallen: "Mein Lieblingsfisch ist jeder Fisch. Ob frisch oder in Salz", sagt Pedro nicht unernst, greift nach seinem Glas Sagres-Bier, nimmt eine Handvoll Knabberzeug aus der Tonschale auf dem Tisch und muss noch eines loswerden: Die Hochseefischerei wäre nichts für ihn. "Zu weit weg von unserem Strand und unseren Dünen."

Sein Boot ist um diese Zeit längst wieder auf den Sand gezogen, ganz weit hinauf bis in die Dünen diesmal, weil Sturm vorhergesagt ist. Drei junge Leute fotografieren sich dort gerade gegenseitig im Sonnenuntergang. Ein paar Meter weiter grillt eine Familie im Sand, in der Ferne spielen zwei Hunde und draußen auf dem Meer ist noch ein letzter Surfer unterwegs.

Des Leuchtturmwärters' Hobby: den Fischern vom Farrol da Barra bei der Arbeit zuschauen.

Was Pedro Maganinho nicht weiß: Manchmal hat er mehr Zuschauer bei seiner Arbeit, als er ahnt. Rogério Cruz zählt dazu. Der sieht aus der Ferne erst das Boot als gelb-blauen Strich auf dem Wasser, dann ein paar Punkte im Sand, bis er das Fernglas ansetzt, das Gesicht in den Wind hält und aus 271 Stufen Höhe genauer hinsieht. Der Mann ist Wärter des Leuchtturms Farrol da Barra – einer von sechs, die sich nach Dienstplan abwechseln.

Rogério ist seit über 30 Jahren in dem Job, der Turm noch immer nicht automatisiert. "Wissen Sie", sagt er, "alles ist hier sehr einfach. Und so ist es auch besser." Ob er die Maganinhos kennt? "Klar", sagt er. Und ob er Bacalhau mag, den Stockfisch? "Natürlich. Ich muss ihn haben. Mindestens einmal in der Woche. So ist das in dieser Gegend." (Helge Sobik, Album, DER STANDARD, 06.09.2014)

Service:

Flüge: von Wien nach Lissabon zum Beispiel mit TAP Air Portugal ab rund € 180. Mietauto etwa über Sunnycars ab rund € 170 pro Woche. Vom Flughafen Lissabon in rund zweieinhalb Autostunden via Coimbra auf der E1 nach Furadouro.

Übernachtung: etwa im Vier-Sterne-Hotel Furadouro Boutique Hotel Beach & Spa in Furadouro ab € 70 pro Zimmer bei Doppelbelegung.

Touristische Infos: Turismo do Portugal oder speziell über die gesamte Region Zentralportugal: Visit Centro

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Visit Centro do Portugal.

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