Ein Vater, der nicht da ist

Kolumne7. September 2014, 17:00
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Dilemma des Alleinerziehens: Fehlt ein männliches Rollenvorbild? Warum die physische wie emotionale Abwesenheit des Vaters nicht kompensiert werden soll

Frage: Ich bin alleinerziehende Mutter eines sechs Monate alten Buben. Sein Vater ist Australier, der bis vor kurzem noch in Deutschland gelebt hat (und uns in dieser Zeit einmal im Monat besucht hat), aber nun wieder in sein Heimatland zurückgegangen ist. Ich mache mir momentan Gedanken, wie ich meinem Kind vermitteln kann, dass es sehr geliebt wird, auch wenn sein Papa nicht da ist. Ich möchte nicht, dass er sich im Stich gelassen fühlt. Gleichzeitig ist die Situation für mich nicht einfach, da ich manchmal überfordert bin. Und ich fürchte auch, dass meinem Sohn ein männliches Rollenvorbild fehlt. Auch wenn das ein bisschen angespannt klingt, versuche ich, so gelassen wie möglich mit dem Ganzen umzugehen und alles auf uns zukommen zu lassen. Aber vielleicht haben Sie ein paar Tipps.

Antwort: Bis jetzt machen Sie sich ganz wunderbar – abgesehen von Ihren vielen Gedanken! Genießen Sie Ihr Gelingen und Ihren Sohn. Es wird ihm mit einer Mutter gutgehen, die sich für jegliche Gedanken und Gefühle empfänglich zeigt, die er möglicherweise in Zusammenhang mit seiner Beziehung zu seinem Vater durchleben wird.

Die Vater-Sohn-Beziehung existiert im Kopf und im Herzen Ihres Sohnes so gut wie gar nicht. Es hat keine Bindung stattgefunden, und deshalb verspürt Ihr Sohn keinen existenziellen Schmerz. Wenn der Sohn älter wird und beginnt, seine Sprache zu beherrschen, wird er Fragen stellen. Beantworten Sie ihm diese so ehrlich wie möglich.

Fehlende Präsenz

Versuchen Sie nicht, die physische wie emotionale Abwesenheit seines Vaters zu kompensieren. Sein Vater mag oder mag nicht Liebe für seinen Sohn empfinden. Solange sich diese Liebe allerdings nicht im regelmäßigen physischen Kontakt zeigt, wird sie für Ihren Sohn nicht von Wert sein.

Emotionale Liebe muss ihren Ausdruck auch in liebevoller Präsenz und einem liebevollen Verhalten finden, damit man sich als Kind oder Partner wertvoll fühlen kann.

Sollte Sie Ihr Sohn irgendwann einmal fragen, ob ihn sein Vater liebt, so ist die Antwort: "Ja, ich glaube, dass er dich liebt. Aber er kennt dich nicht wirklich, und deshalb verstehe ich, dass dich diese Frage beschäftigt." (Jesper Juul, derStandard.at, 7.9.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 21. September.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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