Warum wir Sonderschulen brauchen

Userkommentar9. September 2014, 10:32
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Eine Lehrerin erläutert die Umstände für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Die Debatte um das Abschaffen der Sonderschule ist meiner Meinung nach fachlich ein Unsinn. Ein praktischer Vergleich: Wenn Sie Zahnschmerzen haben, gehen Sie dann zum Allgemeinmediziner oder zu einem Spezialisten, also zum Zahnarzt?

Wie kommt man daher auf die Idee, dass Kinder aus einer Allgemeinen Sonderschule (ASO) in einer Volksschulklasse besser betreut wären als in der Sonderschule von speziell ausgebildeten Lehrern? Volksschullehrer würden nun irgendwelche Schnellsiederkurse absolvieren und könnten den Fachlehrern auf diesem Gebiet nicht das Wasser reichen.

Fortschritt rückgängig machen?

Ich bin Volksschullehrerin. Als ich vor mehr als 30 Jahren meinen Schuldienst begann, hatten wir die von einigen ersehnten "Eintopfklassen". Bei dem Spagat zwischen behinderten Kindern und sehr gut begabten blieb eine Gruppe zwangsläufig auf der Strecke. Als dann die ASO kam, war das ein großer Fortschritt. Den wollen wir jetzt wieder rückgängig machen?

Was glauben Sie, wie sich ein Kind fühlt, das ständig merkt: Ich schaffe das nicht, was die anderen können? Das ist schon in einer Klasse mit normaler Begabungsbandbreite eine Herausforderung für den Lehrer.

Dass der achtungsvolle Umgang mit Behinderten gefördert werden soll, ist keine Frage. Aber nicht auf Kosten der Bildung normal begabter Kinder. Da gäbe es sicher andere Möglichkeiten, zum Beispiel durch die Kooperation verschiedener Schulen.

Wenn ich das Wort Inklusion höre, werde ich wütend

Wissen Sie wirklich nicht, was die Regierung damit bezweckt? Das Schulsystem muss billiger werden. Wenn daher das Niveau der Klassen in den öffentlichen Schulen aufgrund behinderter Schüler sinkt, werden Eltern, die es sich leisten können, in die Tasche greifen und eine Privatschule bezahlen, damit ihr Kind gute Zukunftschancen hat. Das heißt: Der Staat erspart sich Geld. Die ASO-Lehrer werden nur stundenweise in den Klassen sein. Das heißt: Der Staat erspart sich Lehrer und damit Geld.

Nicht fair für behinderte Kinder

Nicht zuletzt ist das auch den behinderten Kindern gegenüber unfair: Sie bekommen nicht die Förderung, die sie brauchen würden. Die Idee, dass sie dann nicht diskriminiert werden, wenn im Zeugnis kein ASO-Vermerk steht, ist ja lächerlich. Was meinen Sie denn, wie lange ein Firmenchef braucht, um zu erkennen, dass der Lehrling behindert ist?

Als Lehrer finde ich es eine Missachtung der Leistung aller ASO-Lehrer, die Sonderschulen zu diskreditieren. Sie gehören nicht abgeschafft. Die behinderten Kinder werden dort bestens gefördert und betreut. Und zwar auch über die Schule hinaus. Zum Beispiel werden Lehrstellen vermittelt.

Aber wie schon gesagt: Es geht leider nicht um die Kinder, sondern ums Geld. Die Gewinner sind die Privatschulen. Die wissen das und bauen schon kräftig aus. Die Verlierer sind die Kinder, deren Eltern sich eine solche Schule nicht leisten können. (Gertraud Zeilinger, derStandard.at, 9.9.2014)

Gertraud Zeilinger ist seit 30 Jahren Volksschullehrerin.

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